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Auszubildende in Frankfurt verzweifelt gesucht

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Von: Manfred Becht

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Wohl dem, der Azubis hat: Gürkan Imrak und Adrian Kasztelan sind bei der Frankfurter Elektro-Firma Hinkel + Sohn beschäftigt, der eine hat schon ausgelernt, der andere ist noch in der Ausbildung. Die Firma würde gerne mehr ausbilden, doch Lehrlinge sind kaum zu finden.
Wohl dem, der Azubis hat: Gürkan Imrak und Adrian Kasztelan sind bei der Frankfurter Elektro-Firma Hinkel + Sohn beschäftigt, der eine hat schon ausgelernt, der andere ist noch in der Ausbildung. Die Firma würde gerne mehr ausbilden, doch Lehrlinge sind kaum zu finden. © Leonhard Hamerski

Allein in Frankfurt sind noch 2000 Lehrstellen unbesetzt - die Dunkelziffer soll noch höher sein

Frankfurt – Zwei Ausbildungsstellen wollte die Hinkel + Sohn GmbH besetzen, fünf Bewerbungen gingen ein. Einen Ausbildungsvertrag bekommen hat aber nur ein Bewerber, den anderen Interessenten war eine erfolgreiche Ausbildung einfach nicht zuzutrauen. „Wir hoffen, dass wir noch jemanden finden“, sagt Franziska Leetz-Löber, bei dem Riederwälder Elektrobetrieb für das Personal zuständig. Aber das wird schwer, denn Hinkel + Sohn ist kein Einzelfall.

In Deutschland haben die Arbeitsagenturen im vergangenen Herbst 63 000 unbesetzt gebliebene Ausbildungsplätze gemeldet, das sind 12 Prozent aller Plätze. Aber: Viele Plätze werden den Arbeitsagenturen gar nicht erst bekannt. Nach einem unlängst veröffentlichten Bericht des Instituts der Deutschen Wirtschaft wurden tatsächlich knapp 40 Prozent aller Ausbildungsplätze nicht besetzt. Die am stärksten betroffenen Branchen sind der Verkauf von Fleisch- und Backwaren, die Gastronomie und Bauberufe wie Installateure und Betonbauer.

Ausbildung in Frankfurt: Es mangelt an Auszubildenden

Die Situation in Frankfurt ist eher noch krasser. Vom vergangenen Oktober bis zum März haben die Unternehmen in der Stadt nach Auskunft der Arbeitsagentur fast 3000 Ausbildungsplätze gemeldet. Nach Ende dieses Halbjahres waren davon immer noch 2000 Stellen offen. Das waren 282 mehr als im Jahr zuvor, die Situation verschärft sich also.

Alleine bei der Handwerkskammer waren zu diesem Zeitpunkt 1168 offene Ausbildungsplätze gemeldet - der Mangel aus Ausbildungswilligen betrifft also zwar nicht nur, aber doch zu einem beachtlichen Teil das Handwerk. Ähnlich war es in den Vorjahren, wie Anja Ingelmann berichtet, die Pressesprecherin der Handwerkskammer Frankfurt Rhein-Main. Auch sie spricht von einer hohen Dunkelziffer. "Wir gehen davon aus, dass die tatsächliche Zahl mehr als doppelt so hoch ist und rund 2500 Ausbildungsplätze im Kammerbezirk unbesetzt sind", schildert Ingelmann. Besonders viele unbesetzte Ausbildungsplätze gebe es im Lebensmittelhandwerk und am Bau, vom Gerüstbauer bis zum Elektriker.

Auszubildende in Frankfurt: „Die Betriebe würden sehr gerne ausbilden - daran liegt es nicht“

Was bedeutet das für die Firmen? Kosten Auszubildende nicht vor allem Geld? Sind nicht die Zeiten vorbei, in denen sie als preiswerte Arbeitskräfte eingesetzt werden können? "Die Betriebe würden sehr gerne ausbilden - daran liegt es nicht", sagt IHK-Pressesprecherin Ingelmann. Hinkel + Sohn-Personalerin Leetz-Löber sagt auch genau, warum: Fachkräfte kann sie praktisch nur noch aus den Reihen der eigenen Lehrlinge einstellen. Ansonsten ist der Markt völlig leergefegt. Und das ist für die Firmen ein großes Problem. Die Hinkel + Sohn GmbH, seit dem vergangenen Jahr zur Moog Holding gehörend, beschäftigt derzeit 35 Mitarbeiter einschließlich der Auszubildenden. Die Auftraggeber stammen aus Frankfurt und der nordöstlichen Umgebung. Zum Zug kommen fast nur noch Bestandskunden. "Wir würden gerne wachsen", sagt Leetz-Löber. Ohne zusätzliches Personal aber sei dies unmöglich.

Die Folgen spüren natürlich auch Hauseigentümer und Bauherren. Wer einen Handwerker braucht, muss lange auf einen Termin warten. In den nächsten Jahren wird sich das Problem noch verschärfen, denn die geburtenstarken Jahrgänge gehen in den Ruhestand. Mancher Handwerksmeister, der einen kleinen Betrieb hat, denkt mangels Nachfolger schon über die Abwicklung seiner Firma nach.

Auf den ersten Blick irritierend ist, dass den vielen freien Ausbildungsplätzen viele unversorgte Bewerber gegenüberstehen. Im Frühjahr gab es in Frankfurt noch 1850 offene Ausbildungsstellen, aber auch 1560 unversorgte Bewerber. Ob da die Vermittlung nicht stimmt oder ob die Jugendlichen einfach nur in wenige bestimmte Berufe wollen?

Mangel an Auszubildenden in Frankfurt: Was muss passieren?

Es kommt wohl allerlei zusammen. Immer wieder bekomme sie es mit Bewerbern zu tun, die eine Umschulung hinter sich hätten oder mit anderen Versuchen gescheitert seien, im Berufsleben Fuß zu fassen, berichtet Franziska Leetz-Löber. Da werden manche Bewerbungen nur als Alibi geschrieben oder aus Verlegenheit. "Noten sind nicht ausschlaggebend", sagt sie. Aber ein gewisses Grundwissen in Mathematik und Physik wird für Handwerksberufe schon gebraucht. Die Firma gewähre im Bedarfsfall allerlei Unterstützung. Besonders frustrierend: Die Auszubildenden, die einen guten Abschluss hinbekommen, gehen oft in die Industrie oder hängen ein Studium an.

Was muss passieren? Das Handwerk brauche einen höheren gesellschaftlichen Stellenwert, bessere Bezahlung, mehr Aufmerksamkeit in den Schulen, so Leetz-Löber. Anja Ingelmann, Sprecherin der Handwerkskammer, weist auf allerlei Aktionen hin, um Werbung für die Ausbildung im Handwerk zu machen. Aber solange die gymnasialen Schulangebote sehr einseitig auf ein anschließendes Studium ausgerichtet sind, und solange möglichst jeder, um alle Chancen offen zu halten, ein Gymnasial-Schulangebot besuchen soll, solange ist das ein mühsames Geschäft.

Ausbildung in Frankfurt: Per Speed-Dating zum Traumjob

Lebenslauf und Zeugnisnoten - das gehört zu einer Bewerbung für einen Ausbildungsplatz. Ausschlaggebend für die Betriebe ist aber oft der persönliche Eindruck, den ein Bewerber hinterlässt. Jugendliche auf der anderen Seite verlassen sich ungern auf das Bild, das Firmen auf durchgestylten Internetseiten hinterlassen, auch für sie ist der direkte Kontakt zu potenziellen Ausbildungsbetrieben wichtig. Und so können beide Seiten auf ihre Kosten kommen, wenn sich Betriebe und Ausbildungswillige am morgigen Mittwoch, 15. Juni, im Stadion am Bornheimer Hang zum Speed Dating treffen.

Speed Dating, das ist die Möglichkeit, ein erstes kurzes Gespräch zum Kennenlernen zu führen. Ausbildungsverträge werden an diesem Tag nicht unterschrieben, sondern man lernt sich kennen und tauscht die Kontaktdaten aus, um sich für ein weiteres Gespräch zu verabreden. Zeit dafür ist, auf Einladung der IHK Frankfurt, von 10 bis 15 Uhr.

Wer an diesem Tag nicht in die PSD Bank Arena kommen kann, der hat die Möglichkeit, noch bis zum 1. Juli solche kurzen Gespräche per Telefon oder per Internet zu führen. Weitere Informationen dazu gibt es im Internet unter frankfurt-main.ihk.de/speeddating. Wer wiederum ohne Gespräch einfach einmal einige Betriebe kennenlernen möchte, kann sich auf dem Internetportal personalforum-inklusion.de Videoporträts von mehr als 40 Institutionen und Unternehmen anschauen.

Überhaupt spielt der Gedanke der Inklusion, als der Öffnung möglichst aller Ausbildungsmöglichkeiten für Menschen mit Behinderungen, eine große Rolle beim Speed Dating. "Strukturelle und bauliche Barrieren, aber auch Barrieren im Denken von Verantwortlichen müssen abgebaut werden", sagt in dem Zusammenhang Frankfurts Stadträtin und Sozialdezernentin Elke Voitl. Das Speed Dating wird daher auch kombiniert mit der Veranstaltung Personal.Fachkräfte.Diversity, einer Jobmesse für Menschen mit Behinderung. (Manfred Brecht)

Obwohl sie sich bundesweit beworben hat, findet eine junge Frau aus Frankfurt keinen Ausbildungsplatz für ihren ungewöhnlichen Berufswunsch.

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