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Man hört ihm zu, man liest ihn gern, man mag ihn: Prinz Asfa-Wossen Asserate signiert ein Buch für eine Bewunderin.

Porträt

Prinz Asfa-Wossen Asserate kritisiert die Flüchtlingspolitik der Kanzlerin

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Alles, was er sagt und schreibt ist ein Aufruf zu Vernunft und Liebe. In seinem neuesten Buch preist er die Kraft des Glaubens, den er nie verliert. Prinz Asfa-Wossen Asserate will noch etwas bewirken.

Sein runder Geburtstag war auch ein Gedenktag, ein sehr persönlicher angesichts der Tragödien in seinem Heimatland Äthiopien, die für Prinz Asfa-Wossen Asserate auch eine Familientragödie waren. „Ich kann mich glücklich schätzen, dieses Alter erreicht zu haben“, sagt er. 70 Jahre ist er am 31. Oktober geworden.

Seine drei Onkel sind in den 1930er Jahren im Abessinienkrieg in Äthiopien von italienischen Faschisten getötet worden, kaum 30 Jahre waren sie alt. Sein Vater ist 1974 im Alter von 53 Jahren hingerichtet worden, als die Militärs sich blutig des letzten äthiopischen Kaisers Haile Selassie und seiner Gefolgschaft entledigten. Der Vater, ein Neffe des Kaisers, war loyal geblieben bis zum Ende. Er, Prinz Asfa-Wossen Asserate, Großneffe des Kaisers, lebte zu jener Zeit als Student in Frankfurt und beantragte bald nach dem Putsch Asyl.

Er hat in den vielen Interviews, die er als Autor und wacher Beobachter der Zeitgeschichte gegeben hat, immer wieder davon erzählt, und immer wieder packt ihn die Empörung, den Atem raubt es ihm zuweilen so sehr, dass er nach jedem Satz nach Luft ringt.

Es ist diese Tragödie, die ihn als jungen Mann in Deutschland festgehalten hat. Er weiß den Wert von Demokratie, von Freiheit, von der freien Rede nicht erst seither zu schätzen. Er weiß, dass viele das nicht tun, weil sie es als selbstverständlich erachten. Wahlheimat. Das Wort sagt man so dahin. Er nicht. Asfa-Wossen Asserate, der auf die Anrede „Prinz“ keinen Wert legt, ist ein Frankfurter in bester historischer Tradition, einer mit Bürgersinn, ein Verfassungspatriot; er hat hier auch einen anderen, einen kritischen Blick auf seinen Großonkel, den Kaiser, gewonnen. Er liebt umgekehrt die Stadt für ihren Geist, so drückt er das aus.

In europäischen Nachkriegsgenerationen sind pathetische Bekenntnisse wie seine wohl aus der Mode gekommen. Dass man ihm dennoch gerne zuhört, weil er lehrreich ist und nie belehrend, mag zu seiner Talkshow-Prominenz beigetragen haben. Deshalb und seiner Werke wegen haben die Deutschen ihm viele Preise verliehen, hängen die Deutschen, also vornehmlich die bildungsbürgerlichen, an seinen Lippen.

Müde und erschöpft hat er am Telefon geklungen und versinkt gerade im Ledersessel, als gäbe es kein Hochkommen mehr. Er hat in ein Hotel am Hauptbahnhof gebeten, in eine Bar im Stile eines englischen Herrenclubs. Verabredungen trifft er immer hier, mit Vorliebe an einem Tisch vorm Bücherregal. Arbeit und Politik. Spricht man mit ihm, geht es sofort um Arbeit und Politik, ums Unterwegssein, ums Eingespanntsein, ums Engagiertsein, um ihn als öffentliche Figur. Er hat selbst keine Familie gegründet, über sein Privatleben schweigt er vornehm; dass er gerne mit Freunden an der Theke steht und Bier trinkt, das hat er mal verraten. „Sie ahnen nicht, wie viel ich zu tun habe“, seufzt er.

Wertvolle Verteidigung

Prinz Asfa-Wossen Asserate, Bestsellerautor, seit er den Deutschen in seinem Debüt im Jahre 2003 „Manieren“ und damit die Kardinaltugenden für das angenehme Miteinander nahegelegt hat, hat wieder ein Buch geschrieben, es ist sein zehntes – und wie auch sein vorletztes über die Not der Flüchtlinge eines von drängender Aktualität. Er würdigt darin die versöhnende Kraft des Glaubens und hadert mit dem Unversöhnlichen im Verhältnis von Christentum, Judentum und Islam. „Den Glauben zur Vernunft, die Vernunft zum Glauben bringen“ heißt es und ist in der Tradition des Philosophen Imanuel Kant ein Plädoyer für kritische Toleranz in Zeiten des Eifers. Und es ist, in der Tradition Lessings, eine Einladung zu einer nur scheinbar leichten Übung, die manche zu erstaunlichen Verrenkungen verleitet: die Werte unserer Gesellschaft zu verteidigen, indem man sie lebt.

Ob man diese Werte nun aus seinem Glauben bezieht oder dank humanitärer Orientierung, ob man sie als christlich identifiziert oder aus dem Grundgesetz ableitet, ist für Asserate, den christlich erzogenen Humanisten eine nicht nur akademische Frage. Älter als das Grundgesetz, stabiler als jedes Grundgesetz sei nun mal das Wort in der Bibel, darauf möchte er schon hinweisen. „Da steht es doch geschrieben, lange bevor es den Kommunismus gab“, sagt er und springt dabei fast aus dem Sessel: „Vor Gott sind alle Menschen gleich.“

Wie jedes seiner Werke hat er auch dieses zwar nebenher, aber nicht mal so nebenbei geschrieben. Unternehmensberater ist er im Hauptberuf, Investoren für Afrika zu gewinnen, ist nicht bloß ein Job, es ist eine Mission. Der Spross einer Adelsfamilie, privilegiert aufgewachsen, universell gebildet, mit vielen Kulturen vertraut, muss sich dabei auch am Vorurteil abarbeiten, dass man es in Afrika nur mit Rückständigkeit und Barbarentum zu tun habe. Der deutsche Mittelstand, seine bevorzugte Zielgruppe, ist davon durchdrungen. Langfristige Geschäfte sind da schwer zu vermitteln.

Zumal das Vorurteil zur Hälfte stimmt. Denn es gibt ja reichlich Barbaren in Afrika. Jene Despoten, vor denen Europa den Diener mache, sagt Asserate, jene korrupten Eliten, die die Entwicklungshilfegelder in die eigenen Taschen steckten, die ihre eigenen Völker aushungerten, ausbluteten. „Jeder Europäer finanziert mit seinen Steuern die Diktatoren in meinem Kontinent.“ Nun ist das seit 60 Jahren erkannt und wird beklagt. „Ich weiß“, ruft er aus, „aber was geschieht? Nichts!“

Vor zwei Jahren hat er ein Buch vorgelegt, dass ein sehr reales Drama Afrikas mit dem Alptraum furchtsamer Europäer zusammengefügt hat. Der Exodus eines Kontinents droht. Er verdichtet es in wenigen Fragen: „Wie schlecht muss es den Menschen in Afrika gehen, dass sie das Risiko auf sich nehmen, im Meer zu ertrinken, dass sie die Asylunterkünfte in Deutschland als paradiesisch empfinden? Dass sie hier sein wollen, obwohl viele hier sie nicht wollen?“

 

Das große Versagen

In diesen Fragen offenbart sich auch seine Kritik an der deutschen Politik, an der Bundeskanzlerin. Er verzieht das Gesicht, wenn nur ihr Name fällt. „Es hilft nichts, etwas gut zu meinen. Man muss es gut machen“, sagt er. Man macht es nicht gut. „Es werden immer mehr aus Afrika kommen“, sagt er. „Und wer soll Afrika retten, wenn die Gebildeten den Kontinent verlassen.“ Die Chinesen? „Ja“, sagt er, „die Chinesen machen es richtig.“

Natürlich klingt da auch Verbitterung durch, Sarkasmus. Aber wenn man den anderen das Feld überlasse, dürfe man sich nicht wundern, sagt er. Er ist ja keiner, der das Feld überlässt. Unlängst gab er einem bekannten Rechtspopulisten in dessen Videokanal ein Interview – und gab besten Anschauungsunterricht darin, wie man jemandem zum Einlenken, zum Nachdenken bringt. Einfach, in dem man sich nicht echauffiert, sondern argumentiert. „Man muss in die Höhle des Löwen“, sagt Asfa-Wossen Asserate, „in einer funktionierenden Demokratie verlangt das nicht mal Mut.“

Bevor er sich den Mantel überwirft und so wenig eilig wie möglich verschwindet, weil ein nächster Termin naht, noch diese Frage: Wenn man viel erlebt hat und viel weiß, wie bleibt man da Idealist: Er sagt: „Ich weiß es nicht.“

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