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Die Geschwister Murat Burcu (von rechts), Taylan Burcu sowie Elif Burcu-Karakoc bei einer türkischen Fernseh-Show.

Awo

Erfolgreiche Geschwister aus Frankfurt und die Awo

Die Awo Wiesbaden hat einen neuen Vorstand. Ruhiger wird es in der Awo-Affäre aber nicht. 

  • Enthüllungen in der Awo-Affäre
  • Staatsanwaltschaft durchsucht Büro von Murat  Burcu
  • Ihm wird Untreue vorgeworfen 

Frankfurt - Ein strahlendes Trio, eine tolle Story - wie gemacht für die Zuschauer des großen türkischen Fernsehsenders Show TV. Ende Mai 2019 sitzen in einem Studio in Istanbul drei Geschwister, die von ihrem beruflichen Aufstieg und ihren glänzenden Karrieren in Deutschland erzählen. Es ist die große Geschichte vom Erfolg dreier Gastarbeiter-Kinder aus Frankfurt. 

Awo-Affäre: Wie tief hängen Taylan Burcu und Murat Burcu aus Frankfurt drin? 

Es ist die Geschichte der Brüder Murat und Taylan Burcu sowie deren Schwester Elif Burcu-Karakoc, die strahlend von ihren Aufgaben als Anwältin, als Politiker und als Manager erzählen. Was die Geschichte verschweigt, ist die Verbindung der Drei untereinander und mit der Arbeiterwohlfahrt (Awo) in Frankfurt und Wiesbaden

Taylan Burcu (35), der Jüngste der Drei, strahlt am meisten. Er ist Landtagsabgeordneter der Grünen, ein politischer Senkrechtstarter. 2014 trat er der Partei bei, wurde 2015 Sprecher seines Ortsverbands und 2016 Stadtverordneter in Frankfurt. Bei der Landtagswahl 2018 kam er über die Landesliste seiner Partei in den Landtag, legte wenige Monate später sein Mandat als Stadtverordneter nieder. Ein Durchmarsch. Im Landtag ist er der Erste, der seine Rede vom Tablet statt von Zetteln abliest: jung, modern, innovativ. Dann lenkt er auf ganz andere Weise die Aufmerksamkeit auf sich. Das Präsidium des Landtags muss sich mit ihm beschäftigen wegen unklarer Angaben zu seiner beruflichen Tätigkeit. Eigenen Angaben zufolge hatte er im Sommer 2018 die Tätigkeit des Geschäftsführers der neu gegründeten Awo-Tochtergesellschaft ProServ GmbH übernommen. 

Ende Dezember 2018, kurz nach der Landtagswahl, will er den Posten niedergelegt haben. Im Handelsregister steht etwas anderes, nämlich dass er erst im Sommer 2019 als Geschäftsführer ausschied. Die Awo hat geschlampt, sagt Taylan Burcu, und ihn nicht rechtzeitig aus dem Handelsregister abgemeldet. LandtagspräsidentBoris Rhein (CDU) hat nun entschieden: Der Abgeordnete Burcu wird entlastet von dem Vorwurf, falsche Angaben gegenüber der Landtagsverwaltung gemacht zu haben. Schwann drüber. Damit dürfte die Angelegenheit Awo für Taylan Burcu aber nicht vom Tisch sein, nicht in der öffentlichen Debatte und womöglich auch nicht für die Staatsanwaltschaft. Zu viele Ungereimtheiten gibt es im Zusammenhang mit der Firma ProServ gGmbH, zu viele Fragen zu des Jurastudenten Taylan Burcus Werdegang, der geprägt ist durch die Awo - und durch beträchtliche Unschärfen. 

Awo-Tochter Proserv: Warum ist sie im Handelsregister Frankfurt eingetragen? 

Im Mai 2018 will Burcu seine Arbeit als Geschäftsführer aufgenommen haben. Da befand sich dieAwo ProServ noch als sogenannte Vorgesellschaft im Stadium des Entstehens. Der Zeitpunkt ihrer offiziellen Gründung liegt Mitte August 2018. Bis zum Juni 2019 ist sie eine Gesellschaft in Gründung. Die Neueintragung ins Handelsregister erfolgt am 6. Juni 2019. Das ist mehr als ein Jahr nach dem vorgeblichen Start Taylan Burcus als Geschäftsführer der ProServ gGmbH. Im Bundesanzeiger sucht man eine Bilanz der Firma vergeblich. Stationen weisen Unklarheiten auf. Wer Filz, Verflechtungen und Verlauf des Awo-Skandals verfolgt, stellt sich unweigerlich Fragen. 

Hat Taylan Burcu sein angebliches Entgelt von 41 000 Euro und den Range Rover Evoque als Dienstwagen für eine angemessene und nachweisbare Gegenleistung erhalten oder als Gefälligkeit? Ist die ProServ, deren Geschäftszweck die Vermittlung von Reinigungskräften sein soll, überhaupt tätig? Und: Warum wurde eine Firma, die in Wiesbaden ihre Tätigkeit entfalten sollte, beim Amtsgericht in Frankfurt ins Handelsregister eingetragen? Taylan Burcu gibt dazu keine Auskunft. Er findet, es sei alles gesagt. Dabei weisen weitere Stationen in seinem Leben Unklarheiten auf. Zum Beispiel, wie er es organisierte, an der Uni Frankfurt Jura zu studieren und gleichzeitig bei der Awo-Wiesbaden tätig zu sein für ein Qualifizierungsprogramm namens "Alltagsengel", was ihm von 2008 bis 2013 mehr als 900 Euro Monatslohn eintrug? 

Awo-Sumpf: Staatsanwaltschaft durchsucht Büro von Murat Burcu in Wiesbaden 

Mit den "Alltagsengeln" machte Hannelore Richter, frühere Geschäftsführerin des Kreisverbandes Wiesbaden und inzwischen von der Staatsanwaltschaft als Beschuldigte geführt, dubiose und offenbar einträgliche Geschäfte. Die von ihr gegründete und geführte Beratungsfirma Somacon spielte dabei eine besondere Rolle. Taylan Burcu will von all dem nichts gewusst haben, schon gar nichts von der Existenz von Somacon. Besonders treuherzig mutet seine Behauptung an, seine Jobs bei der Awo nicht seinem Bruder Murat zu verdanken, sondern dem Umstand, sich "ganz normal" beworben zu haben. Murat Burcu dürfte, neben Hannelore und Jürgen Richter, zu denjenigen gehören, die ziemlich tief drin stecken im Awo-Sumpf

Die Staatsanwaltschaft hat kürzlich nicht nur sein Büro in Wiesbaden, sondern auch seine Wohnung durchsucht. Ihm wird Untreue vorgeworfen. Er führt als Nachfolger der inzwischen ausgeschiedenen Hannelore Richter die Geschäfte beim Kreisverband Wiesbaden. Sein Bruttomonatsgehalt von 12 500 Euro rechtfertigte er im Dezember mit seiner Qualifikation als Wirtschaftsprüfer ("ich war bei KPMG"). Aber Murat Burcu ist nicht Wirtschaftsprüfer. Deshalb drängt die Kammer der Wirtschaftsprüfer jetzt auf Klärung. Was Murat Burcu zweifelsfrei ist: Multi-Geschäftsführer. Er zeichnet nicht nur für den Kreisverband Wiesbaden und die ProServ, sondern auch für die Beratungsgesellschaft Consowell GmbH. Als Mitarbeiter dieses Unternehmens empfahl sich auf der Homepage das Spitzenpersonal der Awo Frankfurt und Wiesbaden, für das sich nun die Staatsanwaltschaft interessiert. 

Awo-Spitzenpersonal Frankfurt und Wiesbaden empfahl sich auf Consowell-Homepage

Die Homepage ist inzwischen abgeschaltet. Auch für die Consowell findet man keinen Arbeitsnachweis im Bundesanzeiger. Murat Burcu hat zugegeben, neben seinem Gehalt "Beraterhonorar" erhalten zu haben. Seit Mittwochabend gibt es bei der Awo Wiesbaden einen neuen Vorstand. Die berufliche Zukunft von Murat Burcu dort dürfte ungewiss sein. Von dem Glanz der im türkischen Fernsehen so stolz präsentierten Karrieren der Erfolgsgeschwister ist gut ein halbes Jahr später nicht mehr viel übrig. Bleibt noch Elif Burcu-Karakoc, Rechtsanwältin und Notarin. Auch sie ist mit der Awo verbunden, wenngleich nicht so eng und so undurchsichtig wie ihre Brüder. Sie unterhält ihre Kanzlei am Hauptsitz der Awo Frankfurt in der Henschelstraße. Vor wenigen Wochen hat sie die jüngste Satzungsänderung des Kreisverbandes Frankfurt juristisch auf den Weg gebracht und auch sonst von der direkten Nachbarschaft der Awo profitiert. Als dort vor zwei Wochen die Staatsanwaltschaft die Räume durchsuchen ließ, war ihre Kanzlei davon nicht betroffen.  

Von Sylvia A. Menzdorf

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