Kein Ruhmesblatt für die Frankfurter Awo.

AWO-Affäre in Frankfurt

Awo-Affäre in Frankfurt: „Die vollkommene Gier wurde ausgelebt“

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Klemens Mielke, Chef des größten Frankfurter Ortsvereins der AWO in Nied, sucht mit Anderen eine glaubwürdige Führungsperson für einen neuen Anfang.

Herr Mielke, wann sind Sie Mitglied der Arbeiterwohlfahrt geworden, und was waren Ihre Motive?

Ich bin Ende 2011 eingetreten, als ich auch begann, mich in der SPD zu engagieren. Ich bin vom damaligen Vorsitzenden der Awo Nied angesprochen worden.

Was waren Ihre Vorstellungen von der Awo?

Ich glaubte an die Awo als eine Organisation, die für die Schwächsten da ist, für die Menschen, die nicht auf der Sonnenseite leben. Und genau so war es auch. Wir sammeln in Nied Geld für die Aktion „Ein Herz für andere“, wir unterstützen die Schulranzen-Aktion, bei der bedürftige Kinder einen Ranzen bekommen. Das alles hat mich damals schon sehr angesprochen. Ich bin aus vollster Überzeugung in die Awo eingetreten.

Haben Sie schon früher Hinweise auf Unregelmäßigkeiten in der Organisation gehabt?

Nein. Ich habe mir das, was jetzt herausgekommen ist, überhaupt nicht vorstellen können.

Awo-Affäre: „Betrügerische Strukturen professionalisiert“

Was, glauben Sie, ist schiefgelaufen in der Awo Frankfurt?

Es müssen im Laufe von Jahrzehnten, über 30 Jahre hinweg, Strukturen entstanden sein, die dann eine Art Selbstläufer wurden. Die Leute, die jetzt am Ruder sind in der Awo Frankfurt, haben dann in den letzten Jahren die betrügerischen Strukturen professionalisiert. Die vollkommene Gier wurde ausgelebt.

Haben Sie sich nicht gewundert, dass die beiden größten hessischen Kreisverbände, Frankfurt und Wiesbaden, über Jahrzehnte von einem Ehepaar geführt worden sind?

Das mit dem Ehepaar Richter habe ich erst sehr spät erfahren. Das haben wir überhaupt nicht auf dem Schirm gehabt. Ich weiß das erst seit einem Jahr.

Haben die Kontrollen in der Awo versagt?

Überforderte Awo-Bundesspitze: Von links Finanzvorstand Selvi Naidu, Wilhelm Schmidt, Vorsitzender des Bundespräsidiums und Wolfgang Stadler, Vorsitzender des Bundesvorstandes.

Das muss unbedingt geklärt werden. Mir ist zum Beispiel überhaupt nicht klar, ob es Widerstand gab im Vorstand, ob Fragen gestellt worden sind. Ich frage mich, was die Revisoren des Kreisverbandes Frankfurt, wie etwa die Bundestagsabgeordnete Ulli Nissen, die ganze Zeit über gemacht haben. Ist ihnen nie etwas aufgefallen? Warum haben sie nicht eingegriffen?

Die Awo hat jetzt eine Taskforce berufen unter der Führung der früheren Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin. Glauben Sie, dass sie etwas ausrichten kann?

Ich schätze Frau Däubler-Gmelin sehr als absolut versierte Juristin. Aber ich sehe das mehr als Ablenkungsmanöver. Ich glaube nicht, dass sie die Vergangenheit aufklären kann. Ich glaube, dass ihre Tätigkeit eher in die Zukunft gerichtet ist.

Am 18. Januar soll in Frankfurt ein neues Awo-Präsidium gewählt werden. Erwarten Sie, dass das alte Präsidium mit Ansgar Dittmar an der Spitze wieder antritt?

Das ist zu befürchten. Der Termin ist geschickt gewählt. Am gleichen Wochenende hat die SPD-Römer-Fraktion ihre Klausur für den städtischen Haushalt 2020/2021. Das heißt: Viele aus dem Römer und aus den Ortsbeiräten werden an der Neuwahl des Präsidiums nicht teilnehmen können.

Awo-Affäre: „Absurd, dass das alte Präsidium noch im Amt ist“

Trauen Sie dem Präsidium mit Ansgar Dittmar an der Spitze noch über den Weg?

Nein, überhaupt nicht. Es ist absurd, dass das alte Präsidium noch im Amt ist. Dittmar ist zugleich Geschäftsführer des Bezirks Hessen-Süd, das heißt, er kontrolliert sich selbst. Diese Strukturen müssen unbedingt abgelöst werden.

Klemens Mielke, Vorsitzender des Awo-Ortsvereines Nied in Frankfurt.

Warum gibt es bisher keine Kandidaten für ein neues Präsidium, warum kandidieren Sie nicht selbst?

Um dieses Amt an der Spitze der Frankfurter Awo zu bekleiden, brauchen Sie jemanden, der viel Zeit hat. Ich bin voll berufstätig. Wir machen uns aber in den Ortsvereinen Gedanken über diese Frage. Wir wollen eine glaubwürdige Person als Kandidaten präsentieren. Deshalb ist es unser Ziel, die Wahl des Präsidiums am 18. Januar zu verschieben. Darüber führe ich zurzeit intensive Gespräche mit anderen Ortsvereinen der Awo Frankfurt.

Sie wollen einen neuen Anfang?

Ja. Die Arbeiterwohlfahrt braucht einen Neuanfang, wenn sie bestehen will. Es geht um 1300 Beschäftigte in Frankfurt.

Awo-Affäre: „Viele haben Angst um ihren Arbeitsplatz“

Wie ist die Stimmung bei den Beschäftigten in den Pflegeheimen und Altenclubs, den Jugendeinrichtungen?

Bedrückt, verzweifelt, auf dem Tiefpunkt. Viele haben Angst um ihren Arbeitsplatz.

Sie haben Hinweise darauf, dass in der Awo-Zentrale im Ostend gezielt Beweismittel vernichtet worden sind.

Mir ist zugetragen worden, dass dort bis in den späten Abend die Papierwölfe gelaufen sind. Ich verstehe auch nicht, warum die Staatsanwaltschaft bisher keine Durchsuchungen angeordnet hat.

Interview: Claus-Jürgen Göpfert

Erstmals nimmt ein führender Politiker der SPD in Hessen zum AWO-Skandal in Frankfurt Stellung. Im FR-Interview erklärt Generalsekretär Christoph Degen, welche Konsequenzen notwendig wären und was er von den Vorwürfen der CDU hält.

Die Sozialdezernentin von Frankfurt, Daniela Birkenfeld, spricht über die Awo-Affäre*, überteuerte Rechnungen und ihr reines Gewissen.

Nachdem bereits die Kreisverbände Frankfurt und Wiesbaden der Awo in Skandale verwickelt sind, gibt es neuen Ärger. Es geht um zwei Pflegeheime in Hessen.

Die Polizei durchsucht Wohnungen und Büros von Verantwortlichen der Awo – unter anderem in Frankfurt. Es ist eine großangelegte Razzia. Es geht auch um Betrug.

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