Wilhelm Schmidt (M), Präsident der Arbeiterwohlfahrt (Awo), nimmt zur Prüfung der Vorgänge beim Frankfurter Kreisverband Stellung. Links sitzt Selvi Naidu, die Leiterin der Prüfungskommission, und rechts Wolfgang Stadler, der Vorstandsvorsitzende des Awo-Bundesverbandes
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Wilhelm Schmidt (M), Präsident der Arbeiterwohlfahrt (AWO), nimmt zur Prüfung der Vorgänge beim Frankfurter Kreisverband Stellung. Links sitzt Selvi Naidu, die Leiterin der Prüfungskommission, und rechts Wolfgang Stadler, der Vorstandsvorsitzende des AWO-Bundesverbandes

Blankes Entsetzen

AWO Frankfurt: Bundesverband stellt erste Prüfergebnisse vor

  • Thomas J. Schmidt
    vonThomas J. Schmidt
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Der Bundesverband der Arbeiterwohlfahrt (Awo) hat die Vorgänge um den Awo-Kreisverband Frankfurt aufs Schärfste verurteilt. „Es handelt sich um einen der schlimmsten Vorfälle der Awo“, sagte der Vorstandsvorsitzende Wolfgang Stadler in Frankfurt. Die Affäre sei „in dieser Fülle und Konzentration einmalig“.

Frankfurt - Zwei Tage, am Montag und am Dienstag, hatte Selvi Naidu mit vier Kollegen die Bücher der Awo Frankfurt geprüft. Naidu ist Finanzvorstand des Awo-Bundesverbands. Wilhelm Schmidt, ehrenamtlicher Präsident der Bundes-Awo, Stadler und Naidu stellten gestern der Presse die ersten Ergebnisse vor. Stadler sagte: „Die Kontrolle hat versagt, alles ist völlig aus dem Ruder gelaufen. Unsere Revisoren waren fassungslos.“ 

Er selbst habe so etwas in seiner langen Zeit bei der Awo noch nicht erlebt. Die Zustände in Frankfurt seien „unerträglich“, so Stadler. „Wir fordern Schadenersatz.“ Schmidt versicherte: „Wir können und wollen das aufklären. Zuständig wäre der Bezirksverband Hessen-Süd. Doch da sind wir enttäuscht.“ Hessen-Süd – mit dem in Frankfurt ebenfalls belasteten Ansgar Dittmar an der Spitze – hatte am Freitag bekanntgegeben, die frühere Justizministerin Herta Däubler-Gmelin (SPD) als Prüferin nach Frankfurt schicken zu wollen. 

Informiert wurde Hessen-Süd bereits nach dem ersten Pressebericht in unserer Zeitung im März diesen Jahres. Jetzt übernahm also der Bundesverband. Klar gegen den Kodex verstoßen „Wir haben uns vor zwei Jahren einen Gouvernance-Kodex gegeben“, so Schmidt. Demnach müssten bei der Awo Geschäftsführung und ehrenamtliche Aufsicht streng getrennt werden. 

AWO Frankfurt: Es sei nicht Aufgabe des Bundes, Kreisverbände zu prüfen

In Frankfurt und der Awo Wiesbaden hingegen war es so, dass der Geschäftsführer eines Kreisverbands gleichzeitig ehrenamtlich den familiär verbundenen Geschäftsführer eines anderen Verbands beaufsichtigte – ein klarer Verstoß gegen den Kodex. „Das haben wir nicht gewusst“, rechtfertigte sich Bundes-Geschäftsführer Stadler. „Wir haben es aus der Presse erfahren.“ 

Es sei auch nicht die Aufgabe des Bundes, seine Kreisverbände zu prüfen. Dafür seien die Bezirksverbände da. Jeder Geschäftsführer der Awo habe ausschließlich das Interesse der Awo zu vertreten, so die Haltung des Awo-Bundesvorstandes. Privatgeschäfte mit der Awo über den Umweg eigener Firmen seien verboten. Doch gab es, wie Berichte unserer und anderer Zeitungen enthüllen, eine Vielzahl von Firmen, die von führenden Awo-Mitarbeitern gegründet wurden und die dann gegen Bezahlung Dienstleistungen für die Awo erbrachten.

 Gegen all das wurde in Frankfurt verstoßen. Wahrscheinlich habe auch die Ehefrau von Oberbürgermeister Peter Feldmann, Zübeyde Feldmann, ein zu hohes Gehalt als kurzzeitige Leiterin einer Kindertagesstätte erhalten, sagte Schmidt. Doch dieses Thema spielte in der Pressekonferenz eine Nebenrolle. „Letztes Wochenende war der Festakt der 100-Jahr-Feier der Arbeiterwohlfahrt“, so Schmidt. „Der Bundespräsident hat gesagt, das dürften wir uns nicht gefallen lassen. Solche Leute“ – damit meinte er die Führungsclique der Arbeiterwohlfahrt Frankfurt, Wiesbaden und wohl auch des Verbands Hessen-Süd – „haben in der Awo nichts verloren.“ 

AWO Frankfurt: Neue Forderungen des Bundesverbandes

Schmidt kündigte an, der Bundesverband werde sich das aus Frankfurt zurückholen, und zwar „bis auf den letzten Cent“ – falls sich die Vorwürfe bestätigen. Stadler zufolge wurden in Frankfurt die Prinzipien der guten Geschäftsführung „grundlegend verletzt“. Die ehrenamtliche Aufsicht habe „vollständig versagt“, die bekannt gewordenen Gehälter der Geschäftsführungen in Frankfurt und Wiesbaden von je etwa 300 000 Euro pro Jahr seien „absolut unangemessen“, so Stadler – eine im Raum stehende Dienstwagenpauschale an Awo-Geschäftsführer von 4500 Euro eine „Schweinerei“, wie Schmidt schimpfte. Als Höchstsumme für einen Awo-Geschäftsführer seien etwa 100 000 Euro möglich, vielleicht 150 000, hieß es. 

Die Forderungen der Spitze der Bundes-Awo ist jetzt, sämtliche Arbeitsverträge daraufhin zu überprüfen und die Gehälter zu korrigieren. Dienstwagen dürften höchstens noch Mittelklassefahrzeuge sein, es müsse eine strikte Trennung der Kreisverbände Frankfurt und Wiesbaden geben, die Aufsicht muss von der Geschäftsführung völlig unabhängig sein. Diese und weitere Konsequenzen für Frankfurt forderte die Awo-Bundesspitze. 

Die Entscheidung fällt frühestens bei der Hauptversammlung am 18. Januar. Dann müssen die Mitglieder der Awo Frankfurt einen neuen Vorstand wählen. „Ich empfehle dringend, keine Entlastung zu erteilen, so lange die Vorwürfe nicht alle geklärt sind“, riet Stadler der Versammlung. Derzeit drängen sich in der Awo Frankfurt die Ermittler. Staatsanwaltschaft, Finanzamt, Revisionsamt der Stadt Frankfurt, Wirtschaftsprüfer der Awo Frankfurt, Ermittler der Bezirks-Awo und der Bundes-Awo wollen das Gebaren der Awo-Geschäftsführung der vergangenen Jahre ermitteln.

von Thomas J. Schmidt

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