Das neue ehrenamtliche Präsidium der Arbeiterwohlfahrt Frankfurt (von links): Barbara Dembowski, Petra Rossbrey und Hauke Hummel. 
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Das neue ehrenamtliche Präsidium der Arbeiterwohlfahrt Frankfurt (von links): Barbara Dembowski, Petra Rossbrey und Hauke Hummel. 

Richtiger Schritt

Neues Awo-Präsidium beruft Vorstände ab

  • vonSabine Schramek
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In Frankfurt hat der Neustart nach der Awo-Affäre begonnen. Die Arbeiterwohlfahrt wählte ein neues Präsidium – das sich sogleich konsequent zeigte. 

  • Auf Awo-Affäre folgt nun eine Neubesetzung
  • Die Wahl des Awo-Präsidiums dauerte mehrere Stunden 
  • Auf Wahl folgte direkt erste Sitzung des Präsidiums

Frankfurt - Der Neustart sei der erste kleine Schritt vor einem sehr großen Berg. Die Stimmung ist angespannt im Sitzungsraum im Erich-Nitzling-Haus in der Henschelstraße. Von Aufbruchstimmung beim Frankfurter Kreisverband der Arbeiterwohlfahrt (Awo) ist wenig zu spüren. Ein wenig Hoffnung auf einen Neustart ist das höchste der Gefühle der Männer und Frauen mit ernsten und manch bitteren Minen. 

Eigentlich sollte bereits am 18. Januar ein neues Präsidium gewählt werden. Vier Tage nach der Hausdurchsuchung der Immobilie. Vier Wochen davor ist im Zuge der Awo-Affäre in Frankfurt das gesamte Präsidium zurückgetreten. Im Flur stehen Kaffee, Tee, Brandteiggebäck und Quarkbällchen bereit.

Awo Frankfurt: Vorbehaltliche Wahl ist nicht möglich

Sylvia Schenk (67) leitet die Wahl. Als Juristin mit dem Schwerpunkt Compliance, Regelüberwachung, muss mehrfach um Ruhe bitten. Thomas Murawski vom Ortsverband Frankfurt-Sachsenhausen fordert, die Wahl "vorbehaltlich einer Geeignetheit- und Interessenkonfliktprüfung durch den Awo-Bundesverbands und des -Bezirksverbands durchzuführen". 

Schenk kontert, dass eine "vorbehaltliche Wahl nicht möglich ist. Wir werden jeden Kandidaten nach Interessenskonflikt befragen. Wenn hier dann noch so ein Misstrauen besteht, wenn alles verneint wird, können wir solche Wahlen nicht mehr vertrauensvoll durchführen."

Frankfurt: Wahl zum Awo-Vorsitz – Große Mehrheit für Petra Rossbrey

Die Kandidaten stellen sich vor. Für den Vorsitz kandidiert allein die Juristin Petra Rossbrey (60). Bei 67 gültigen Stimmen, erhält sie 58 Ja-Stimmen, sechs Nein-Stimmen und drei Enthaltungen. Zur Wahl der stellvertretenden Vorsitzenden stehen die Juristin Barbara Dembowski (65) und Basismitglied Hauke Hummel (44), Informatiker und Geschäftsführer des freien Theater-Ensembles Volkstheater Hessen e.V. aus Nied. Dembowski erhält bei 67 Stimmen 63 Ja-Stimmen, zwei Nein-Stimmen und zwei Enthaltungen. Hummel wird mit 65 Stimmen gewählt. 38 Ja-Stimmen, 18 Nein-Stimmen und neun Enthaltungen.

Vor der Wahl der sieben zu bestimmenden Beisitzer, treten Turgut Yüksel (63) und Rudolf Kraus (76) als amtierende Präsidiumsmitglieder zurück. Kraus tritt mit weiteren sieben Kandidaten an. Yüksel lässt sich nicht mehr aufstellen. "Ich bin bis heute geblieben, damit es Unterschriftenberechtigte gibt, falls es notwendig ist", sagt er. "Ein Neuanfang sollte ein völliger Neuanfang sein." 

Zur Wahl der Beisitzer stimmen nur noch 61 Wahlberechtigte ab. Rudolf Kraus mit den meisten Stimmen, nämlich 57. Elsbeth Muche (87) wurde noch mit 26 Stimmen zur Beisitzerin gewählt. Fritz Finger (70) hatte das Nachsehen mit 21 Stimmen.

Awo Frankfurt: Frisch gewählte Awo-Präsidium schreitet umgehend zur Tat

Rossbrey möchte vor allem "eine Awo aufbauen, die Solidarität nicht nur plakatiert, sondern auch jeden Tag in der obersten Führungsebene lebt." In zehn Jahren möchte sie erreichen, dass beim Rückblick auf 110 Jahre Historie der Awo jeder wieder stolz sein könne. "Es wird eine Herkulesaufgabe", sagt sie. "Die Verantwortlichen werden zur Rechenschaft gezogen und wir sorgen dafür, dass das nicht wieder passieren kann."

Das frisch gewählte Präsidium schreitet umgehend zur Tat. Eineinhalb Stunden tagt es hinter verschlossenen Türen zur ersten Kreiskonferenz. "Wir haben heute die ersten Veränderungen eingeleitet mit Personalentscheidungen", berichtet Rossbrey im Anschluss. "Die Vorstände Panagiotis Triantafillidis und Jasmin Kasperkowitz sind abberufen worden. Sie sind keine Vorstände mehr und agieren nicht mehr als solche." 

In 14 Tagen soll ein neuer Vorstand gewählt werden. Kandidaten gäbe es bereits. "Gegen Herrn Trianfillidis haben wir ein Hausverbot verhängt. Ebenso wie für alle anderen, die Gegenstand der staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen sind." Das beträfe insgesamt sechs Personen. In Sachen Kasperkowitz werde später geprüft. Rossbrey sei nicht mulmig. "Die Awo liegt mir zu sehr am Herzen. Die Probleme sind groß, aber nicht unlösbar. Alle Probleme sind lösbar." Das Präsidium will sich wöchentlich treffen. Auf dem Buffettisch stehen Brötchen. Dahinter die Tür zu den Hausmeistern. Einer der Namen lautet: Ioannis Triantafillidis.

Frankfurt: Ein erster überfälliger Schritt für Awo

Mit einem kraftvollen Aufschlag hat das neue Präsidium der Awo Frankfurt, kaum gewählt, großen Veränderungs- und Gestaltungswillen demonstriert. Innerhalb weniger Stunden nach dem Votum der Delegierten schlug die erste Entscheidung ein wie ein Blitz: Abberufung der beiden geschäftsführenden Vorstände Jasmin Kasperkowitz und Panagiotis Triantafillidis, für letzteren verbunden mit einem Hausverbot.

Es ist ein Schritt, der lange überfällig ist. Kasperkowitz als Ziehkind Jürgen Richters und Nutznießerin sehr spezieller Zuwendungen wie etwa ein mehrere hundert PS starkes Dienstauto ist nicht zu halten. Das trifft auch für den durch Vorwürfe der Bereicherung, Untreue und des Betrugs schwer belasteten Rechtsanwalt Triantafillidis zu, der mit überhöhten Rechnungen in sechsstelliger Höhe an die Stadt Frankfurt herantrat und den Jürgen Richter Mitte vergangenen Jahres als einen seiner Nachfolger eingestellt hat.

Abberufung heißt freilich nicht Entlassung. Personal zu entlassen gehört nicht zu den Kompetenzen des ehrenamtlichen Awo-Präsidiums. Dafür sind neue Vorstände erforderlich.

Von Sabine Schramek

Bei einer Großrazzia bei der Awo durchsuchte die Polizei Wohnungen und Büros von Verantwortlichen der Awo – auch in Frankfurt. Die Staatsanwaltschaft Frankfurt ermittelte bereits seit Monaten.

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