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Bärbel Schäfer im Studio des Hessischen Rundfunks. Hier führt sie intensive Gespräche, zu hören jeden Sonntagmorgen auf HR 3.

Der Rote Faden, Folge 261

Bärbel Schäfer - Die Zuhörerin

Bärbel Schäfer ist Journalistin, Moderatorin und Buchautorin. Sie warnt vor der Gefährdung der Demokratie durch Hetze und Intoleranz. Seit zwölf Jahren ist die Frau von Michel Friedman leidenschaftliche Frankfurterin. Ihr widmen wir die Folge 261 unserer Serie "Der Rote Faden", in der wir jede Woche Menschen vorstellen, die Besonderes für Frankfurt leisten.

Wenn Bärbel Schäfer einen Raum betritt, dann hat sie nicht nur aufgrund ihrer Prominenz umgehend Präsenz und Aufmerksamkeit. Sie trägt eine schwarze Bomberjacke, weiße Turnschuhe und erweckt stets den Anschein einer wachen Zugewandtheit. Bärbel Schäfer weiß, wie es ist, Menschen zu interviewen, aber sie kennt genauso gut die umgekehrte Situation. Sie ist ein Medienprofi. Geplant war das so nicht. Obwohl sie früh mit dem Journalismus in Kontakt gekommen ist.

Von 1980 bis 1981 war sie als Austauschschülerin an einer High School in North Dakota, USA, an der Grenze zu Kanada. Sie spielte für das Schulteam Tennis und wurde als Turniersiegerin interviewt. Und da begannen lokale Nachrichtensender sich dafür zu interessieren , wie ein Mädchen aus Deutschland den Alltag sieht. „Also habe ich angefangen, zunächst Lehrer zu interviewen“, erinnert sich Bärbel Schäfer, „dann kamen andere Gesprächspartner hinzu: Arbeiter auf den Ölfeldern beispielsweise oder auch Indianer in den Reservaten.“

„Guests in our Town“, so lautete der Titel der Gesprächsreihe. Bärbel Schäfers erste eigene Talkshow. Da hatte sie noch kein Abitur in der Tasche und war gerade einmal sechzehn Jahre alt.

Mittlerweile kann sie auf eine mehr als 25 Jahre lange Karriere als Journalistin zurückblicken. Von 1995 bis 2002 moderierte sie auf RTL die nach ihr benannte Talkshow. Und heute spricht sie im HR3-Sonntagstalk jede Woche für zwei Stunden mit einem Studiogast. Das ist Arbeit. Und es ist noch größere Arbeit, das auch noch leicht und spontan aussehen zu lassen. Die wichtigste Frage also für jeden Interviewer, für jeden Moderator: Wie bringt man Menschen zum Sprechen? Vor allem: Wie bringt man Menschen dazu, etwas zu erzählen, was sie vielleicht gar nicht unbedingt erzählen wollten.

„Ich glaube“, antwortet Bärbel Schäfer nach kurzem Nachdenken, „am Wichtigsten ist es, dem Gesprächspartner vorurteilsfrei zu begegnen. Ganz gleich, ob es ein Prominenter ist, zu dem man bereits diverse Geschichten im Kopf hat, oder eine Person, die man zuvor noch nie gesehen hat.“ Es gehe darum, fährt sie fort, niemanden von vornherein in eine Schublade zu packen, sondern sich zu fragen: „Was schenkt mir der Augenblick der Begegnung?“

Apropos Schubladen: Es hält sich hartnäckig das Vorurteil, Fernsehmenschen seien oberflächlich und nur auf Außenwirkung bedacht. Doch wer sich mit dem, was Bärbel Schäfer macht und schreibt, näher beschäftigt, wird dieses Vorurteil umgehend revidieren. Und spätestens, wenn man mit ihr an einem Tisch sitzt, ist deutlich zu spüren, dass man es mit einem reflektierten und noch dazu sehr sympathischen Menschen zu tun hat. Und mit einem offenen. Für die Zeitschrift „Emotion“ hat sie eine Reihe erfunden. „Ich halte“, so sagt sie, „beispielsweise Joachim Meyerhoff für einen ganz großen Schauspieler und einen großartigen Schriftsteller. Die Gelegenheit zu haben, mit ihm über das Thema Wahnsinn zu sprechen, ist schon etwas Besonderes“, sagt sie. Titel der Reihe: „Ein Mann, ein Thema. Bärbel Schäfer bringt Männer zum Reden.“

Bärbel Schäfer, 1963 in ein, und das ist von Bedeutung, bürgerliches Milieu hineingeboren, ist eine Frau, deren Leben nicht ohne Brüche verlaufen ist, in beruflicher wie in privater Hinsicht. Nach dem Abitur machte sie zunächst eine Lehre zur Hotelkauffrau. Mit Abschluss, versteht sich. „Wenn ich etwas anfange, bringe ich es normalerweise auch zu Ende“, sagt sie. Warum ausgerechnet Hotelkauffrau? „Ich stamme aus einer kaufmännischen Familie. Die hatte die Hoffnung nicht aufgegeben, dass ich das mit den Zahlen doch noch auf die Reihe bekomme.“ Es war nicht ganz so. Aber: „Es war eine tolle Zeit.“ Und: „Ich weiß bis heute wenigstens, wie man einen Tisch richtig deckt. Und ich habe schon damals gelernt, was es heißt, mit flexiblen Arbeitszeiten zu leben.“

Das Hotelfach, das war allerdings auch schnell klar, sollte nicht zur Erfüllung werden. Bärbel Schäfer studierte in Köln Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft sowie Germanistik und Kunstgeschichte in Köln und absolvierte während des Studiums ein Praktikum beim WDR, arbeitete als Kabelhilfe in Sendungen von Frank Plasberg und Christine Westermann, arbeitete sich in den Job hinein, arbeitete auch für die Deutsche Welle. Eines Tages sprang sie kurzfristig für die erkrankte Kollegin Wibke Bruhns für eine Moderation ein. Der Beginn einer Berufskarriere.

Man kann nicht sagen, dass Bärbel Schäfer ein öffentliches und ein privates Gesicht hätte. Beides scheint bei ihr zusammenzufließen, sich zu verschränken. Auch Schicksalsschläge und private Tragödien verarbeitet sie zumindest insoweit öffentlich, als dass sie sich nicht zurückzieht, sondern darüber spricht. Zwei ihr nahe stehende Menschen hat Bärbel Schäfer durch Verkehrsunfälle verloren: 1998 kam ihr damaliger Lebensgefährte Kay-Uwe Degenhardt ums Leben; 2013 starb ihr Bruder Martin ebenfalls bei einem Verkehrsunfall.

Die Höflichkeit gebietet, nicht in Bärbel Schäfer zu dringen, wie sich das anfühlt. Sie sagt nur: „Die Lebensnarben, die sich im Lauf der Zeit bilden, helfen auch im Umgang mit anderen Menschen. Ich weiß jetzt, was Trauer ist. Und das spürt auch ein Gegenüber.“

Bärbel Schäfer, das ist ein bedeutsames Paradoxon, ist nicht religiös, obwohl die Religion eine große Rolle spielt in ihrem Leben. Ihre Mutter, so erzählt sie, war Atheistin, ihr Vater dagegen in der Kirche engagiert. „Da, wo bei anderen Menschen der Glaube ist“, sagt Schäfer, „habe ich einfach nichts gespürt. Das war schon in meiner Jugend so.“ Was nicht heißt, dass sie gläubige Menschen geringschätzt, im Gegenteil. Auch hier sucht und pflegt sie den Dialog. Für ihr 2016 erschienenes Buch, in dem sie den Tod ihres Bruders zu verarbeiten versucht, hat sie mit Angehörigen und Vertretern verschiedener Religionen gesprochen. Sie hat Trost gesucht und Sinn. Beides hat sie nicht im Glauben an eine übergeordnete, abstrakte Instanz gefunden, sondern im lebendigen Austausch mit anderen Menschen.

Doch spielt die Religion auch in einem anderen, entscheidenden Segment im Leben von Bärbel Schäfer eine tragende Rolle: Seit 2004 ist Bärbel Schäfer mit dem Rechtsanwalt, Publizisten und Moderator Michel Friedman verheiratet. Mit ihm hat sie zwei Söhne. Und vor der Hochzeit ist Bärbel Schäfer zum Judentum konvertiert. Sie selbst empfindet das weder als besonders mutigen noch spektakulären Schritt. „Dieser Übertritt“, sagt sie, „hatte in erster Linie pragmatische Gründe. Wir wollten, dass unsere Kinder ein- und demselben Glauben angehören.“

Im Judentum wird die Religionszugehörigkeit von den Müttern auf die Kinder übertragen. Bärbel Schäfer begann, sich intensiv mit dem Judentum auseinanderzusetzen. „Man konvertiert doch nicht eben mal einfach so“, sagt sie. Dafür sind Gespräche und Vorbereitungen nötig; zum Abschluss eine intensive Prüfung vor den Rabbinern – die Bärbel Schäfer bestand, selbstredend. Wie gesagt: Wenn sie etwas anfängt, bringt sie es auch zu Ende.

Das Judentum ist für sie „eine zutiefst humane Religion. Probleme löst man im Dialog, im Miteinander, nicht per Verordnung.“ Bärbel Schäfers neues Buch hat sehr viel mit der deutschen Geschichte zu tun. Und damit, andere Menschen zum Sprechen bringen zu können.

Im Jahr 2015 organisierte Michel Friedman gemeinsam mit dem damaligen Schauspiel-Intendanten Oliver Reese in Frankfurt die Auschwitz-Tage anlässlich des 70. Jahrestages der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau. Während der Veranstaltungen lernte sie eine ältere Dame kennen, Eva Szepesi. Die beiden Frauen mochten sich; begannen, sich zu verabreden. Irgendwann fing Eva Szepesi an, Bärbel Schäfer ihre Lebensgeschichte zu erzählen, die sie fünfzig Jahre lang verschwiegen hatte: Die Deportation nach Auschwitz, die Befreiung, die Rückkehr nach Ungarn, die Heirat mit einem Mann, mit dem sie unter Widerständen nach Deutschland ging, ins Land der Täter.

„Meine Nachmittage mit Eva“ heißt das Buch, in dem Bärbel Schäfer parallel zu ihren Begegnungen mit Eva davon erzählt, wie sie in ihrer Jugend den Umgang ihrer eigenen Familie mit dem Nationalsozialismus erlebt hat. Als Bärbel Schäfers Großmutter ihre Wohnung auflöste, um ins Altersheim zu ziehen, entdeckt die Enkelin eine Schachtel. Darin ein Orden mit einem Hakenkreuz – das berühmt-berüchtigte Mutterkreuz. Die damals vierzehnjährige Bärbel Schäfer ist fassungslos: Warum sie die Auszeichnung aufgehoben habe, will sie von der Großmutter wissen. Die wiederum nimmt das Wort „Schlussstrich“ in den Mund. Als die Enkelin weiter bohrt und weiter fragt, beendet die Großmutter das Gespräch auf ihre Weise: mit einer Ohrfeige. „Das war“, so schreibt Schäfer, „der Tag, an dem ich mich von meiner Großmutter entliebte.“ Wenn es etwas gibt, das beide Seiten, Täter und Opfer, verbindet, „dann ist es das Schweigen.“

2016, so erzählt Bärbel Schäfer, war Eva Szepesi mit ihren Enkeln in Auschwitz und entdeckte in der langen Reihe der Erinnerungsbücher den Namen ihrer Mutter und ihres Bruders. „Bis dahin“, sagt Bärbel Schäfer, „hat sie tatsächlich geglaubt, ihre Mutter und ihr Bruder könnten eines Tages zurückkommen.“

Für Bärbel Schäfer hatte auch die Begegnung mit Eva Szepesi Konsequenzen für die Art und Weise, wie sie auf die Welt schaut: „Ich weiß nicht“, überlegt sie, „wie ich mich im Nationalsozialismus verhalten hätte, wie viel Mut ich gehabt hätte. Aber ich weiß, dass wir alle heute, da rechtsradikale Parteien wieder in die Parlamente einziehen, Hetzer ihren Hass im Netz verbreiten, Flüchtlingsheime wieder brennen, eine Verantwortung haben. Das geht uns alle an, Demokratie ist fragil.“ Der Tag unseres Treffens ist der Tag, an dem der neue Heimatminister verkündet hat, der Islam gehöre nicht zu Deutschland. „Was soll ich denn meinen muslimischen Freunden sagen, die zum Teil in dritter Generation in Deutschland leben und arbeiten?“ Man muss den Anfängen wehren, obwohl: „Vielleicht sind wir über die Anfänge schon hinaus.“

Seit zwölf Jahren lebt Bärbel Schäfer in Frankfurt. Ein Wort zu Frankfurt? „Große Liebe“, sagt sie spontan. Dass man Menschen in anderen Städten immer erst von Frankfurt überzeugen müsse, hat sie mittlerweile verstanden, aber „mir ist das ein Rätsel.“ Man fühle sich willkommen in dieser „europäischsten Stadt in Deutschland.“ Das ist ein guter Grund, auch weiterhin hier zu bleiben.

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