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?Brenzlige und dramatische Situation?: Die Zahl der Angriffe auf die Sicherheitsleute der Bahn steigt.

Angriffe auf Zugbegleiter und Kontrolleure häufen sich

Bahn-Mitarbeiter als Freiwild

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Spucken, schubsen, schlagen: Das Personal auf Bahnhöfen und in Zügen muss sich immer öfter gegen Angriffe zur Wehr setzen. Außer der Deutschen Bahn spricht auch die Bundespolizei in Frankfurt von einem zunehmenden Problem.

Mehr als 2 Promille hatte der Mann, der am Donnerstag im Hauptbahnhof auf zwei Sicherheitskräfte der Deutschen Bahn (DB) losging. Der alkoholisierte 19-Jährige habe in der Station seinen Rausch ausschlafen wollen, berichtete die Bundespolizei gestern. Als die DB-Mitarbeiter ihn gegen 8 Uhr weckten, habe er sofort um sich getreten und eine Sicherheitskraft leicht am Fuß verletzt. Bundespolizisten der Inspektion am Hauptbahnhof nahmen den 19-Jährigen fest. Nach der Atemalkoholkontrolle leiteten die Beamten ein Ermittlungsverfahren gegen ihn ein und ließen ihn laufen.

Der Vorfall ist kein Einzelfall: Vergangene Woche vermeldete die Bahn, dass die Zahl der Angriffe auf Sicherheitskräfte, Kontrolleure und andere Mitarbeiter in der ersten Hälfte 2016 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum bundesweit um 28 Prozent gestiegen sei – auf gut 1 100. Ralf Ströher von der Bundespolizei am Hauptbahnhof spricht von einem Problem, das „in den letzten Jahren gefühlt zugenommen“ habe. Vergleichsdaten aus früheren Jahren gibt es nicht, aktuelle Zahlen aber sind hoch: 2015 sei es im Inspektionsbereich zu fast 160 Fällen gekommen, in denen DB-Mitarbeiter angegriffen und verletzt wurden. Bis August seien in diesem Jahr 90 Fälle gezählt worden.

Uwe Reitz von der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) zeigt sich überzeugt, dass die Dunkelziffer hoch und die Situation „in Wahrheit noch viel brenzliger und dramatischer“ ist. Reitz betont, dass in die Statistiken in der Regel nur die Körperverletzungen einfließen. „Wenn die Mitarbeiter bespuckt, bedrängt, beleidigt und befummelt werden, ist das für uns aber genauso ein Übergriff.“

Der Gewerkschafter berichtet, dass die Vorfälle von den DB-Vorgesetzten häufig bagatellisiert würden: „Denen geht es oft nur um den reibungslosen Betriebsablauf – und nicht darum, den Kollegen zu helfen.“ Die Angreifer stammten aus allen gesellschaftlichen Schichten: „Wir hatten auch schon mal einen Geschäftsmann im Anzug, der einem Fahrkartenkontrolleur aus Ärger über die Kontrolle den Kaffee ins Gesicht geschüttet hat.“

Die Bahn hat angekündigt, Zugbegleiter mit Pfefferspray und Alarmgeräten auszustatten und den Sicherheitskräften bundesweit mehrere Hundert Schutzhunde zur Seite zu stellen. Außerdem sind Ausbildungseinheiten zu den Themen Deeskalation und Eigensicherung geplant. EVG-Sprecher Reitz begrüßt vor allem den letzten Punkt: „Ein Deeskalationstraining sollte aus unserer Sicht fester Bestandteil der Ausbildung sein und auch regelmäßig aufgefrischt werden.“

Die EVG will auch darauf drängen, dass die Sicherheitskräfte abends niemals allein im Zug sind und zu jeder Streife mindestens ein Mann gehört. Hier sieht der Gewerkschafter vor allem regionale Verkehrsverbünde wie den Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV) in der Pflicht. Diese seien für die personelle Ausstattung auf den einzelnen Linien und letztlich auch für die Dienstpläne verantwortlich.

Reitz berichtet, dass 63 Prozent der Gewalttäter auf Bahnhöfen und in Zügen alkoholisiert seien. Die meisten Angriffe erfolgten am Abend. Über die Gründe für die gestiegene Gewaltbereitschaft kann der EVG-Mann nur spekulieren: „Vielleicht liegt es daran, dass alle mehr Stress haben und die Welt immer hektischer wird.“ Auch ein Schwinden des Respekts vor uniformierten Personen könnte eine gewisse Rolle spielen, sagt Reitz.

Anders als bei der Bahn haben die Angriffe auf das Personal bei der Verkehrsgesellschaft Frankfurt (VGF) – zuständig für die U- und Straßenbahnen – zuletzt nicht zugenommen. Wie Sprecher Bernd Conrads sagt, lag die Zahl der Angriffe auf VGF-Mitarbeiter seit 2011 bei mindestens 17 und höchstens 35 pro Jahr. 2015 gab es 18 Angriffe, daraus resultierten vier Fälle von Körperverletzung.

Conrads zeigt sich erfreut darüber, dass die Ordnungskräfte, Fahrausweisprüfer und Fahrgastbetreuer der VGF vergleichsweise selten angegriffen werden. Er betont, dass die Mitarbeiter des Ordnungsdiensts immer zu zweit unterwegs seien. Außerdem spielten Deeskalationstrainings und deren Auffrischung bei der VGF eine relativ große Rolle. „Die Situation ist gut, darauf darf man sich aber nicht verlassen oder gar ausruhen“, findet Conrads. Das Gefühl in den U- und Straßenbahnen könne sich mit einem einzigen, gravierenden Vorfall „schlagartig“ zum Schlechten ändern: „Da braucht nur einmal ein Junkie mit einer schmutzigen Spritze zuzustechen. (chc)

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