Die Situation im Bahnhofsviertel in Frankfurt ist laut Klaus-Dietmar Strittmatter nicht schlechter geworden, aber: „Es war mal besser, jetzt ist es anders“.
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Die Situation im Bahnhofsviertel in Frankfurt ist laut Klaus-Dietmar Strittmatter nicht schlechter geworden, aber: „Es war mal besser, jetzt ist es anders".

Rotlicht

Bahnhofsviertel in Frankfurt: „Es war mal besser, jetzt ist es anders“

  • vonSarah Bernhard
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Ein Spaziergang durch das Bahnhofsviertel in Frankfurt mit Klaus-Dieter Strittmatter, dem Vermittler zwischen Wünschen und der Realität.

Frankfurt -Klaus-Dieter Strittmatter ist ein pragmatischer Mensch. Und er weiß genau, wie er sich verhalten muss, um nicht aufzufallen. Obwohl ihm immer wieder Wirte zunicken oder Bahnhofsviertel-Bewohner ihn ansprechen, kann er an Prostituierten oder Bettlern vorbeilaufen, ohne dass diese ihn erkennen.

Strittmatter ist Koordinator für das Bahnhofsviertel, die meisten Beschwerden von Anwohnern, Anregungen der Polizei oder Nachfragen der Verwaltung laufen über seinen Schreibtisch. "Wir hatten hier immer mal wieder Rückschläge, und Corona ist so einer", sagt er, während er durch die Elbestraße geht. Zustände, die vorher zwar ärgerlich, aber beherrschbar gewesen seien, hätten sich seit dem Lockdown potenziert.

Er zeigt auf ein seit Jahren unbewohntes Gründerzeit-Gebäude. "In solchen Hauseingängen können Menschen lagern, ohne dass wir eine Handhabe haben." Das gelte etwa auch für den Platz unter Balkonen oder Vordächern: Alles, was darunter liegt, ist Privateigentum, und diene Obdachlosen als Rückzugsort. Um einen weiteren Rückzugsort zu verhindern, habe er sich bereits mit dem Eigentümer des Komplexes an der Ecke Kaiser- und Moselstraße in Verbindung gesetzt: Wenn das Gebäude ab Jahresende leer stehe, müsse dringend ein Konzept für die Vorsprünge her.

Baugerüst von Holzzaun umschlossen

Auch bei Baustellengerüsten sucht er von sich aus das Gespräch mit den Eigentümern. Denn der Raum unter Gerüsten werde ebenfalls häufig als Lagerplatz, Drogenversteck oder öffentliche Toilette genutzt. Eine Baustelle in der Niddastraße zeigt die Lösung: Das Gerüst ist von einem über zwei Meter hohen Holzzaun umschlossen, der nicht im rechten, sondern in spitzerem Winkel auf das Haus zuläuft. Dann nämlich werde weniger ins Eck uriniert.

An der Baustelle steht gerade Arno Börtzler, Vorsitzender des Regionalrates Bahnhofsviertel, mit dem Strittmatter eng zusammenarbeitet. "Für 80 bis 90 Prozent der Beschwerden finden wir eine schnelle Lösung", sagt Börtzler. Manchmal seien die Dinge aber nicht so einfach wie sie scheinen. Börtzler geht zu einem Mann, der, offenbar im Drogenrausch, gegenüber des Druckraums Niddastraße in der prallen Sonne schläft. "Es ist meine Bürgerpflicht, zu schauen, ob er Hilfe braucht." Der Mann atmet normal, Börtzler geht weiter.

Auf der anderen Straßenseite, direkt vor dem Druckraum, warten etwa 20 Menschen. "Hier läuft es nicht optimal, da muss man nichts schönreden", sagt Strittmatter. Der Frankfurter Weg brauche eine Balance zwischen Gesundheitsvorsorge und Repression, so dass die Regeln auch eingehalten würden. "Dieses Verhältnis ist durch Corona in Unwucht geraten."

Ein weiterer Mann, der sich gut im Bahnhofsviertel auskennt, seinen Namen aber nicht in der Zeitung lesen will, gesellt sich zu den beiden. "Mittlerweile kommen die Leute aus Stuttgart, München oder Heidelberg hierher", sagt er, "und es werden immer mehr Junge." Er zeigt auf ein Pärchen, das ziellos umherwandert. "Die sind aus Stuttgart. Ich habe vor vier Monaten zu ihnen gesagt: Geht wieder nach Hause, es gibt für euch eine bessere Zukunft als hier. Leider sind sie immer noch da."

Immer wieder sehe er Dinge, die er nicht sehen wolle. "Ich schäme mich, wenn eine Frau vor mir ihre Hose herunterzieht, um zu urinieren. Es müssten öffentliche Toiletten her." Börtzler stimmt ihm zu, doch Strittmatter schüttelt den Kopf. "Ohne durchgehende Überwachung klappt das nicht." Schon die beiden offenen Pissoirs in der Moselstraße seien ständig mit Spritzen oder Kot verstopft und würden zur Anbahnung von sexuellen Kontakten genutzt. Bei geschlossenen Kabinen würden diese Probleme deutlich verstärkt. Ob genügend Geld für eine Überwachung da sei, sei eine politische Entscheidung.

Sobald die Kaiserstraße erreicht ist, ändert sich das Bild. Passanten schlendern vorbei, auf einer Bank am Eck sitzen vier junge Frauen, auf der gegenüberliegenden Straßenseite ältere Roma-Frauen, die einer jüngeren die Haare flechten.

Einige Meter weiter den Gehsteig hinauf steht Sabre Erassas, der Manager des Mercure-Hotels - um Menschen zu vertreiben, die seine Gäste belästigen. Die älteren und die jüngeren Frauen mustert er mit bösen Blicken. "Hier an der Kreuzung gibt es viel zu viele Bettler und Prostituierte, die teilweise sehr aggressiv sind." Mehrere Gäste hätten bereits vor der Kreuzung wieder umgedreht, weil sie sich nicht sicher gefühlt hätten. "Solange sie nichts Strafbares machen, dürfen die Frauen da sitzen wie jeder andere auch", entgegnet Strittmatter. Warten oder passiv betteln seien eben nicht strafbar.

Nachts ist es besonders schlimm

Tagsüber sei es ja auch wieder einigermaßen in Ordnung, seit Polizei und Ordnungsamt viel öfter vorbeikämen, lenkt Erassas ein. "Aber Freitag- und Samstagnacht müssten sie deutlich mehr Präsenz zeigen." Betriebsleiter Scott F. Thaxton wird deutlicher: Es gebe Schlägereien, eine Mitarbeiterin sei auf dem Nachhauseweg mehrmals verbal belästigt worden, Prostituierte bildeten Tunnel, um besser Männer ansprechen zu können, dazu die betrunkenen Feiernden und der Müll.

"Wir versuchen, was möglich ist", sagt Strittmatter, und wiederholt, was auch Sicherheitsdezernent Markus Frank (CDU) bereits mehrfach erklärt hat: Die Präsenz der uniformierten Kräfte sei nicht unendlich steigerbar, sie müssten sich am Wochenende auch um Problemlagen wie am Opern- oder Friedberger Platz kümmern. Strittmatter: "Es gibt keine Ideallösung, man muss immer wieder an kleinen Teilen arbeiten."

Beim zweiten Gespräch mit den Bahnhofsviertel-Gastronomen am vergangenen Dienstag etwa sei vereinbart worden, dass die Gastronomen Brennpunkte zeitnah melden, so dass gezielt Abhilfe geschaffen werden könne. „Ich würde nicht sagen, dass die Situation im Bahnhofsviertel schlechter geworden ist“, sagt Strittmatter. „Es war mal besser, jetzt ist es anders.“ (Von Sarah Bernhard)

Die Polizei hat in Frankfurt eine Techno-Party aufgelöst. Unter einem Einsatzwagen zündete ein Unbekannter Feuerwerk. Alle Informationen zum Thema Corona in Hessen gibt es in unserem aktuellen News-Ticker.

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