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Oberbürgermeister Peter Feldmann hat Justina Honsel und Masha Schubbach bei ihrer Hilfsaktion im Bahnhofsviertel begleitet und mit angepackt.

Aggression und Verzweiflung

„Am Limit“: Situation im Bahnhofsviertel spitzt sich zu - Zwei Frauen wollen helfen

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Die Situation im Bahnhofsviertel in Frankfurt hat sich wegen der Corona-Krise noch einmal verschärft. Unter Obdachlosen und Drogenkranken wächst die Verzweiflung. Zwei junge Frankfurterinnen wollen nun helfen.

  • Im Zuge der Corona-Pandemie hat sich die ohnehin schwierige Situation im Frankfurter Bahnhofsviertel dramatisch zugespitzt
  • Obdachlose und Drogenkranke sind verzweifelt
  • Hilfseinrichtungen arbeiten am Limit

Frankfurt - Die zwei jungen Frauen, die mit roten Bollerwagen voller Brötchen, Wasserflaschen und Bananen durch die leeren Straßen im Bahnhofsviertel ziehen, fallen auf. Die Lokale sind zu, die Leuchtreklamen sind aus. Obdachlose, Drogenkranke und Bedürftige kauern in Ecken und vor Drogenhilfeeinrichtungen im Bahnhofsviertel Frankfurt. Justina Honsel und Masha Schubbach verteilen hier seit zwei Wochen täglich am frühen Abend Essen. „Man sieht, wie täglich die Stimmung mehr kippt“, so die Kommunikationsdesignerin Justina Honsel (30), die selbst mitten im Viertel wohnt. „Die Verzweiflung und die Aggressionen steigen“, sagt die Hundebesitzerin, die sich nachts nicht mehr alleine auf die Straße traut.

Bahnhofsviertel Frankfurt: „Die Verzweiflung und die Aggressionen steigen“

Gemeinsam mit ihrer Freundin Masha Schubbach aus Idstein, die im normalen Leben Designerin, Stylistin und Bloggerin ist, wollen sie ihre hohe Reichweite auf den sozialen Medien nutzen, um auf die Problematik in Corona-Zeiten im Viertel hinzuweisen. Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) will sehen, was die Frauen machen. Im blauen Anzug, weißem Hemd, Handschuhen und weißem Mundschutz. Schon am Gabenzaun in der Weserstraße wird er angefaucht. „Wir haben Hunger und da kommt einer im Anzug daher. Nein danke“, so ein Mann. Honsel beruhigt ihn. „Wir wollen, dass euch geholfen wird. Nimm das Essen, du brauchst es“, sagt sie. Er greift zögerlich zu.

Bahnhofsviertel Frankfurt: Helfer arbeiten am Limit und sind auf sich allein gestellt

„Die Drogenhilfeeinrichtungen arbeiten am Limit. Die Mitarbeiter haben kaum Masken, kaum Schutz“, sagt sie zum Oberbürgermeister. „Wir suchen Masken und finden keine. Nicht einmal einen Trinkbrunnen mit Wasser gibt es im Bahnhofsviertel Frankfurt für die Menschen, die ohnehin nichts haben“, fügt sie hinzu. „Und als wir gestern zu dritt verteilt haben, kamen sechs Mann Polizei und haben mit 300 Euro Strafe gedroht. Weil wir zu dritt waren. Die Bedürftigen dürfen oft nicht einmal Supermärkte betreten. Auch das ist übel.“

Ein Einsatzwagen der Polizei fährt langsam vorbei. Sie betrachten aus dem Wagen heraus die Gruppe, steigen nicht aus. Feldmann nickt. „Ja, es ist schwierig“, sagt er. „Am Montag gibt es ein Treffen an der Fachhochschule mit dem Gesundheitsreferat und Studenten, die Masken machen können. Das wird auch hier helfen", so das Stadtoberhaupt. Peter Feldmann geht mitten hinein. Zu den Drogenkranken auf der Straße und verteilt Wasser, Käsebrötchen und Bananen. Manche husten. „Ich werde mit den Trägern sprechen, wie man mehr Abstand vor den Einrichtungen halten kann“, sagt er nachdenklich.

Dramatische Lage: Bedürftigen wird oft selbst Zugang zu Supermärkten verweigert

Momentan kümmern sich Einrichtungen und Vereine wie die Drogenstuben, Weser 5, die Teestube Jona und die Street Angel um das Überleben der gebeutelten Menschen auf den Straßen des Frankfurter Bahnhofsviertels. Sie alle tun es bereits seit Jahren mit vollem Einsatz. Jetzt unter extrem harten Bedingungen. Die Männer und Frauen im Bahnhofsviertel Frankfurt können keine Pfandflaschen mehr sammeln, es gibt keine Fußgänger, keine Lokale, keine abschließbaren Toiletten. Die Helfer sind auf sich allein gestellt in Sachen Schutz vor Ansteckung, Schutz vor Übertragung, Schutz vor verzweifelter Aggression.

Frankfurter hängen Nahrung, Hygieneartikeln oder Schlafsäcken an die Zäune. Gerade in Zeiten des Coronavirus eine Hilfe für Obdachlose.

„Das Sozialdezernat kann nicht alles stemmen. Auf jeden Fall möchte ich, dass in diesen Einrichtungen alle sicher arbeiten können“, sagt Feldmann. Er bewundere, was die beiden Frauen, die Street Angel und die Einrichtungen ehrenamtlich leisten. Er hofft, dass das Hotel, das die Stadt am 1. April für Wohnungslose aus Notunterkünften, Geflüchtete und Obdachlose, bei denen der Corona-Verdacht vorliegt, geöffnet hat, Nachahmer findet.

Soziales Engagement in schwierigen Zeiten: 23.000 Euro an Spenden

Nach einer halben Stunde ist alles verteilt. Die meisten bedanken sich und lächeln. Einige nicken stumm, manche schimpfen über die Politik. „Ich wollte es sehen“, so Feldmann. „Wir sehen es täglich“, sagen Honsel und Schubbach. Eigentlich wollten sie ihre private Aktion nur zwei oder drei Wochen lang machen. „Dass es so einschlägt, hätten wir nicht gedacht.“

Die aktuellen Entwicklungen rund um die Corona-Pandemie in Frankfurt können Sie in unserem Newsticker verfolgen. 

Nach zwei Wochen sind bereits 23 000 Euro an Spenden bei ihnen angekommen. „Jetzt überlegen wir, welche Organisationen wir damit unterstützen können. Und wir machen erstmal weiter.“ Die belegten italienischen Brote, die sie bei "91raw" auf der Münchner Straße bekommen, bezahlen sie. „Zum Sonderpreis für 2,50 Euro das Stück. Wir kaufen Wasser, Obst, Müsliriegel und was sonst noch nötig ist“, erzählt Schubbach. Sie hören sich um bei den Einrichtungen im Bahnhofsviertel Frankfurt, was am meisten gebraucht wird. „Wir wollen alle unterstützen. Die, die auf der Straße leben und die, die sich ehrenamtlich für sie einsetzen. Gemeinsam können wir viel Gutes tun. Zumindest solange, bis wieder etwas Normalität ins Leben kommt.“ 

Von Sabine Schramek

Spenden für die Hilfsprojekte

Spenden für La Strada, das Drogenhilfezentrum der AIDS-Hilfe Frankfurt e.V. IBAN DE96 5005 0201 0000 4462 62, möglichst mit Verwendungszweck „La Strada – Corona Hilfe“

Spenden für "100 Nachbarn" werden via Paypal entgegen genommen unter www.paypal.com/pools/c/8nxE5STRap.

Spenden für den Verein Street Angel bei Paypal unter paypal@streetangel.eu und per Überweisung an Streetangel e.V., IBAN: DE27 5019 0000 7800 0154 42, BIC: FFVBDEFF.

Essen-Sachspenden (Bananen, Schokolade, Traubenzucker, Milchbrötchen, Saftgetränke, Feuchttücher, Hygieneartikel, Tierfutter) können samstags zwischen 15 und 17 Uhr am Dornbusch Ecke Eichendorffstraße direkt am Truck abgegeben werden.

Spenden für Weser 5 unter Diakonisches Werk für Frankfurt und Offenbach, Evangelische Bank eG, IBAN: DE11 5206 0410 0104 0002 00, BIC: GENODEF1EK1, Verwendungszweck: "WESER5 Diakoniezentrum".

Spenden an "Teestube Jona" an "Projektgruppe Bahnhofsviertel e.V.", Frankfurter Sparkasse 1822, IBAN: DE52 5005 0201 0000 2919 51, BIC: HELADEF1822.

Spenden für den Drogennotdienst Elbestraße an den Verein Jugendberatung und Jugendhilfe über die Website https://jj-ev.de/spenden.

Spenden an den Verein Integrative Drogenhilfe und den Druckraum in der Niddastraße bei der Frankfurter Sparkasse, IBAN: DE61 5005 0201 0000 3861 70, BIC: HELADEF1822

Wegen des Mangels an Schutzausrüstung decken manche Ärzte im Kreis Limburg-Weilburg ihren Bedarf auf dem Schwarzmarkt zu überteuerten Preisen. Doch das ist nicht ihr einziges Problem in der Corona-Krise.

Da auch in den Frankfurter Pflegeheimen wegen der Corona-Pandemie die Mundschutz-Masken knapp werden, bricht die Stadt nun ihre eisernen Reserven an. 

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