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Bahnhofsviertel: Gewerbeverein fordert Frankfurter Weg 2.0

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Nazim Alemdar (l.) vom Kiosk ?Yok-Yok? und Ulrich Mattner, Chef des Gewerbevereins ?Treffpunkt Bahnhofsviertel?, bei der Reinigungsaktion
Nazim Alemdar (l.) vom Kiosk ?Yok-Yok? und Ulrich Mattner, Chef des Gewerbevereins ?Treffpunkt Bahnhofsviertel?, bei der Reinigungsaktion © Rainer Rueffer-- FRANKFURT AM MA

Der Gewerbeverein „Treffpunkt Bahnhofsviertel“ gibt Gas: Außer einer Weiterentwicklung der städtischen Drogenpolitik fordert der neue Vorstand eine Verschönerung der Taunusstraße und mehr Polizeimaßnahmen. Die Geschäftsleute selbst wollen das Bahnhofsviertel mit Festen und Märkten aufwerten.

Der neue Vorstand des Gewerbevereins „Treffpunkt Bahnhofsviertel“ weiß, dass er zwar keine politische Entscheidungsgewalt, dafür aber eine starke Stimme hat. Dass diese Stimme gehört wird, zeigte das große Interesse an dem Pressegespräch, das gestern in der gerade erst eröffneten Weinbar „Le Vingtneuf“ in der Elbestraße über die Bühne ging. Von Zeitungen, über Radio- bis hin zu Fernsehsendern waren alle relevanten Medien aus der Region vertreten. Das lag mit Sicherheit an den öffentlichkeitswirksamen Beschwerden über die Dealerszene am Hauptbahnhof, wahrscheinlich aber auch daran, dass der Gewerbeverein mit dem Journalisten und Fotografen Ulrich Mattner einen neuen Vorsitzenden hat, der für klare Worte und Positionen bekannt ist.

Die Forderung, die gestern am stärksten aufhorchen ließ, war die nach einer Weiterentwicklung des „Frankfurter Wegs“, der liberalen Drogenpolitik der Stadt: „Wir brauchen einen Frankfurter Weg 2.0“, betonte Mattner. Der „Frankfurter Weg“ sei zwar „eine Supersache“ und habe die Zahl der Drogentoten von fast 150 auf etwa 25 pro Jahr gesenkt. „Er verhindert aber weder das Dealen, noch die Beschaffungskriminalität.“

Mattner führte aus, dass in Frankfurt derzeit 5 355 Drogenkonsumenten registriert seien. Etwa 150 Schwerstabhängige konsumierten nicht in den dafür vorgesehenen Einrichtungen, sondern im Bahnhofsviertel auf der Straße. Das sei „nicht Sinn des ,Frankfurter Wegs‘“, betonte der Chef des Gewerbevereins. Er räumte ein, „kein Patentrezept“ zur Lösung der hochkomplexen Probleme zu haben, ermunterte aber dazu, wie vor der Schaffung der ersten Drogenkonsumräume über „neue, revolutionäre Lösungen“ nachzudenken.

Das könnte seiner Ansicht nach eine Entkriminalisierung von Crack und Heroin sein. Oder eine betreute „geschlossene Drogenszene“ in einem geschützten Raum, zum Beispiel im alten Polizeipräsidium. Mattner verwies auf ein Projekt in Hamburg, das in einem umgrenzten Bereich sogar den Handel mit Rauschgift gestatte. Das Bahnhofsviertel sei im Moment „ein gigantischer Markt“, der Drogensüchtige aus der gesamten Region anziehe.

„Cream-Music“ zieht weg

Der Handel und Konsum auf der Straße, der vor allem vor den Konsumräumen laufe, sei aus Sicht vieler Geschäftsleute ein Problem. Als Beispiel nannte Mattner den traditionsreichen Laden „Cream-Music“, dessen Eigentümer sich nach Jahren der Unzufriedenheit für einen Umzug nach Sachsenhausen entschieden hat. „Es ist ein harter Schlag, wenn ein Geschäft, das seit 113 Jahren im Bahnhofsviertel ist, die Segel streicht“, hob Mattner hervor.

Die intensivierten Kontrollen der Polizei, die im Kampf gegen die Dealerszene eine spezielle Einheit gebildet hat, begrüßte der Vorsitzende des „Treffpunkts Bahnhofsviertel“. Er zeigte sich aber überzeugt, dass die Maßnahmen nur vorübergehend zu Verlagerungen führen und die Probleme letztlich nicht lösen werden. Mattner sprach sich für eine dauerhaft höhere Polizeipräsenz, mehr Überwachungskameras und Lichtsysteme an besonders dunklen Stellen des Quartiers aus.

Otto Gengnagel, neuer zweiter Vorsitzender des Gewerbevereins, regte eine Verschönerung der Taunusstraße an, die vielen als „Schmuddelstraße“, wenn nicht sogar als „No-go-Area“ gelte. Gengnagel plädierte für eine Reduzierung der Fläche für den motorisierten Verkehr auf eine einzige Fahrspur und für eine Verbreiterung der Gehwege. So könne Platz für Lokale mit einer Außenbewirtung sowie Baumpflanzungen geschaffen werden. Ziel sei es, die Taunusstraße so aufzuwerten, wie das im Fall der Kaiserstraße und Münchener Straße schon geschehen sei.

Märkte und Media

Der Gewerbeverein will selbst mit Veranstaltungen wie einem Floh- und Weihnachtsmarkt, verstärkten Social-Media-Aktivitäten und Netzwerkerei – etwa im Hinblick auf politische Entscheidungsträger – auf die Aufwertung des Bahnhofsviertels hinwirken. Menschen anlocken, die im Quartier nicht nur wohnen, sondern leben, ist eines der Ziele, die letztlich auch dem gebeutelten Gewerbe nutzen sollen.

Ulrich Mattner sagte gestern, dass der Gewerbeverein seine Mitgliederzahl in den vergangenen drei Monaten auf 52 verdoppelt habe. 2017 soll die 100er-Marke geknackt werden. Das Bahnhofsviertel sei „ein einmaliges Milieu der Kontraste, angesagt und bunt“. Allein in den vergangen sieben Jahren hätten dort 16 Szenelokale eröffnet.

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