Michael Kohlbecker, Musikproduzent, hat viel Herzblut, Zeit und Geld investiert, um sein Studio einzurichten. Nun ist er extrem sauer: Der Hochbunker am Marbachweg, in dem sich das Studio befindet, soll geräumt werden.
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Michael Kohlbecker, Musikproduzent, hat viel Herzblut, Zeit und Geld investiert, um sein Studio einzurichten. Nun ist er extrem sauer: Der Hochbunker am Marbachweg, in dem sich das Studio befindet, soll geräumt werden.

„Ich bin total enttäuscht und sauer“

Aus für Hochbunker: Bands, Musiker und Lehrer - alle fliegen raus

  • VonEnrico Sauda
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Die Mieter des Hochbunkers im Marbachweg in Frankfurt sind verzweifelt: Nach Jahren sollen sie plötzlich gehen.

Frankfurt - Von der Band "Die Ärzte" gibt es den Song "Schrei nach Liebe". Aus dem Bunker am Marbachweg dringt nun der "Ruf nach Hilfe". Denn der Hochbunker, in dem zahlreiche Bands proben, Musiker üben und Lehrer unterrichten, soll geschlossen werden. "Das haben wir aus der Zeitung erfahren", sagt Musikproduzent Michael Kohlbecker. Wie das bekannt wurde und dass es überhaupt so ist, erregt die Gemüter aller Nutzer dort.

"Ich bin seit 1989 hier Mieter; in verschiedenen Räumen mit unterschiedlichen Bands", sagt Marcus Zimmermann. In den neuesten Raum, in dem er samt Schlagzeug und den Utensilien seiner Bandkollegen seit gut zwei Jahren arbeitet, investierte er rund 2000 Euro. "Jetzt muss alles raus und ich werde fast alles wegwerfen müssen, wofür ich so viel Geld ausgegeben habe", klagt der 50-Jährige.

Frankfurt: Hochbunker im Marbachweg soll geschlossen werden - Mieter verzweifelt

Natürlich suche er bereits neue Räume. Aber das sei ein hoffnungsloses Unterfangen. "Keine Chance, etwas zu finden", sagt er und gibt zu bedenken: "Auch das Zurückbauen und Entsorgen des Raumes kostet doch Geld." Seit seinem 14. Lebensjahr spielt er Schlagzeug. "Ich habe doch nur noch das. Ich bin total enttäuscht und sauer." Er wisse nicht, wohin mit dem Equipment. "Jetzt geht Corona ein wenig zu Ende und nun nehmen sie uns auch noch das hier." Er fragt: "Warum wird uns hier keine Chance gegeben? Wenn's um das Erfüllen von Brandschutzauflagen geht, kann man doch bestimmt etwas machen." Zimmermann denkt etwa an die Gründung eines Vereins, um den Hochbunker weiter zu sanieren.

Auch Uwe Lulis, Gitarrist der Kult-Heavy-Metal-Band "Accept" und einer der beiden Hauptmieter, ist "total sauer". Er sagt: "ich vermute, dass es um Geld geht." Das Areal sei sehr begehrt und "bei den Grundstückspreisen ist das natürlich ein Argument. Aber uns gegenüber ist das kacke", klagt Lulis. Er hat in sein Tonstudio dort gut 100.000 Euro investiert. "Ich habe da ein ganzes Vermögen reingesteckt und das kann ich mir jetzt in die Haare schmieren", regt er sich auf. "Hätten sie uns ein Jahr vorher darauf hingewiesen, hätten wir vielleicht eine Lösung finden können." Man könne doch in den Brandschutz investieren.

Aus für Hochbunker in Frankfurt: Eigentümer äußert sich zu Gründen

Das sieht die Eigentümerin, die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA), anders: "Die Hauptmieter haben an der Gefahrenverhütungsschau teilgenommen und wurden anschließend über die festgestellten Mängel ihrer Mietbereiche rechtzeitig in Kenntnis gesetzt. Nach umfassender Prüfung und sorgfältiger Abwägung der Wirtschaftlichkeit kommt keine andere Alternative zur Kündigung der bestehenden Mietverhältnisse in Betracht." Und weiter: "Die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben führte die Gefahrenverhütungsschau am 9. Dezember 2019 gemeinsam mit der Branddirektion Frankfurt durch." Mieter könnten nicht länger im Bunker bleiben: "Aus Sicherheitsgründen ist eine Verlängerung der Nutzung bis zum Abschluss der Prüfung nicht möglich", so die Antwort aus Bonn.

"Wir haben keine Chance", sagt Produzent Michael Kohlbecker, ein Mieter von Uwe Lulis. "Ich finde es eine Frechheit, wie mit dem umgegangen wird, was hier geschaffen wurde", regt er sich auf. Viel Musik, für Filme und Serien etwa, entstünde hier und gehe um die Welt. "Hier findet enorm viel statt - allein an Austausch. Hier trifft der Rocker die Opernsängerin und die den Hip-Hopper", schildert Kohlbecker, der seit 13 Jahren im Bunker arbeitet und lehrt, die Szene. Er sieht sich nicht als Sprecher aller Nutzer, möchte aber auf die Situation der mehr als 200 Betroffenen aufmerksam machen. "Wo sollen sie denn bitte einen solchen schalldichten Raum finden - mitten in Frankfurt und zu fairen Preisen und dann noch so auf die Schnelle?", fragt er. "Ich finde, es ist der Kunst geschuldet, die Öffentlichkeit über die Situation, die hier herrscht aufzuklären. Es gibt keine Alternative für uns." Es sei "peinlich, wie hier mit Kultur umgegangen wird".

Produzent Michael Kohlbecker bittet jetzt die Stadt dringend um Unterstützung: "Wir schreien nach Hilfe". Und "Die Ärzte" hätten bestimmt auch mal in einem Bunker geprobt. (Enrico Sauda)

Auch der Frankfurter „Elfer“-Club steht vor dem Aus. Der Mietvertrag wurde plötzlich gekündigt.

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