Bundessiegerin Susanna Naumer (16) und Gagern-Schulleiter Gerhard Köhler
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Bundessiegerin Susanna Naumer (16) und Gagern-Schulleiter Gerhard Köhler

Ostend: Streitbares Frankfurt

"Bannmeile um jüdische Einrichtungen"

  • VonSabine Schramek
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Engagierte Gagern-Schülerin ist Bundessiegerin beim Wettbewerb Jugend debattiert

Scharfsinniger, ausgewogener, klüger und überzeugender als sich Susanna Naumer der Frage "Sollen um jüdische Einrichtungen in Deutschland Bannmeilen gelten?" genähert hat, geht es nicht. Deshalb hat die Schülerin des Heinrich-von-Gagern-Gymnasiums jetzt den 20. Bundeswettbewerb "Jugend debattiert" in der zweiten Altersgruppe gewonnen. Ehrengast beim Finale war Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier.

Erst Bedenken, dann Recherche

Anfangs hatte Susanna Naumer (16) Vorbehalte. "Ich dachte zuerst, Bannmeilen um jüdische Einrichtungen könnten die Meinungsfreiheit einschränken und Juden in der Debatte um Antisemitismus eher gefährden als schützen", sagt Naumer mit festem Blick aus großen braunen Augen. "Wo soll die Grenze zu anderen Einrichtungen sein?", "Wie groß ist die Gefahr des Missbrauchs?", "Wie funktionieren Bannmeilen, ohne Juden zu ghettoisieren?", waren ihre Gedanken.

Dann begann sie zu recherchieren, traf sich mit vielen Betroffenen. "Eine große Gefährdung von Juden liegt vor. 40 Prozent von ihnen überlegen auszuwandern. Sogar der Vorsteher der jüdischen Gemeinde in Offenbach sitzt auf gepackten Koffern. Das ist ein riesiges Alarmsignal - gerade wegen unserer Geschichte hier in Deutschland. Antisemitismus entgegenzutreten ist mehr als Bildung und Aufklärung. Keiner kann sagen, er wisse von nichts. Bundeskanzler Konrad Adenauer hat 1953 gesagt: ,Wenn Ihr irgendwo einen Lümmel erwischt, gebt ihm eine Tracht Prügel.'

Das geht heute nicht mehr, heißt aber immer noch, dass jeder bei Antisemitismus sofort eingreifen soll. Auch symbolisch. Dazu eignen sich Bannmeilen um jüdische Einrichtungen. Dadurch, dass in ihnen wie vor dem Bundesverfassungsgericht öffentliche Versammlungen bis auf Ausnahmen verboten sind, bilden sie ein unsichtbares Stopp-Zeichen und erinnern an die nötige Unantastbarkeit, um gegen Antisemitismus vorzugehen", ist Naumer überzeugt. "Was hilft eine offene Synagoge, wenn Juden selbst nicht mehr den Mut haben, ihre eigene Einrichtung zu besuchen?", fragt sie rhetorisch.

200 000 Teilnehmer aus ganz Deutschland

Mehr als 200 000 Schülerinnen und Schüler aus 1400 Schulen und 7500 Lehrkräfte in Deutschland haben bei "Jugend debattiert" mitgemacht. "Die Aufgabe ist, sich mit etwas völlig Neuem zu beschäftigen und sozusagen die Position eines Anwalts zu übernehmen. Pro oder Contra für beide Seiten. Wer das übt, kann sich einsetzen und für andere eintreten", sagt die Zehntklässlerin. Sie will Jura studieren. "Allerdings ändert sich mein Berufswunsch alle drei Monate", sagt sie ernst. Sie ist Klassensprecherin, hat zwei jüngere Schwestern, liest viel und gern und geht zum Krafttraining. Auch zu Hause diskutiert sie. "Vor allem mit meinen Eltern." Naumer grinst. "Meine kleine Schwester, die neun Jahre alt ist, ähnelt mir allerdings sehr."

Schulleiter Gerhard Köhler vom Heinrich-von-Gagern-Gymnasium hört ihr gespannt zu. "Wir haben viele hoch engagierte Schüler am Gymnasium. Susanna Naumer hat eine enorme Auffassungsgabe und sie schreckt vor keiner Debatte zurück. Sie saugt demokratische Themen auf wie ein Schwamm." Er ist stolz auf die Bundespreisträgerin, deren "schlechteste" Note 12 Punkte in Mathe sind.

"Beim Wettbewerb geht es halt nicht um eine Diskussion über Ananas auf Pizza, sondern um echte Meinung", sagt Naumer trocken. Durch die Wettbewerbe an der Schule, regional und bundesweit, die wegen Corona weitgehend online gelaufen sind, hat sie viel gelernt: Rhetorik, Recherche - und sie hat vor allem viele Kontakte geknüpft. "Als beim Hybrid-Finale Bundespräsident Steinmeier als Ehrengast dabei war, war ich so voll im Thema, dass ich mir gar keine Gedanken darüber gemacht habe, wer zuschaut", meint die Bundessiegerin bescheiden. Gar nicht bescheiden ist sie in ihrem Willen, zu debattieren. Vor allem, wenn es darum geht, sich gegen Antisemitismus einzusetzen. Sie wünscht sich viel mehr Sensibilität im Thema.

Entweihung

des Gebäudes

"Wenn Hakenkreuze an jüdischen Einrichtungen auftauchen, werden sie als ,Schmierereien' bezeichnet. Das Wort ist viel zu mild für verfassungswidrige Symbole. Sie sind eine Entweihung des Gebäudes und sprechen den jüdischen Menschen ihre Würde ab. So sollte man es auch benennen. Als unmenschlichen Akt. Es sind keine Kinder, die mit Fingerfarbe rumpatschen. Sondern Menschen, die Juden hassen." Naumer hat noch viel vor. Sie hofft auf Bannmeilen. "Wir alle sind gefragt, um uns gegen Nazi-Strukturen und Antisemitismus einzusetzen." Sie freut sich über ihre Urkunde. Und darüber, dass sie ins Alumni-Programm aufgenommen wurde. "Nach den Ferien bekommen wir noch einen Intensiv-Rhetorik-Lehrgang. Der größte und wichtigste Gewinn für mich sind die vielen Beziehungen und Kontakte, die ich knüpfen kann, und die Menschen aus unterschiedlichsten Lebenslagen, die ich kennen gelernt habe und kennenlernen werde." SABINE SCHRAMEK

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