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Barbara Bisický-Ehrlich mit ihrem Erstlingswerk.

Lesung

Barbara Bisický-Ehrlich erzählt von ihrer jüdischen Familie

Sie hat schmerzhafte Gespräche geführt mit ihrer Großmutter, mit ihrer Mutter: über die Shoa, das Überleben und das Weiterleben. Herausgekommen ist ein großes Buch. „Sag, dass es dir gut geht“. Barbara Bisický-Ehrlich stellte es in der jüdischen Gemeinde vor.

„Eines Abends überkam es mich. Das Schweigen, die Tränen, die Wut das Lachen in ihrer Familie haben ein Sprachrohr gebraucht.“ Barbara Bisický-Ehrlich hat ein wichtiges Buch geschrieben. Ein Buch über ihre jüdische Familie und deren Erlebnisse in der Shoa und wie es ihr in der Nachkriegszeit ergangen ist. Ihre Erzählungen reichen bis in die Gegenwart hinein und machen den Text lebendig und greifbar.

Nun stellte die zierliche Frau im Ignatz-Bubis-Gemeindezentrum ihr Debüt „Sag, dass es dir gut geht“ vor. Der Saal der jüdischen Gemeinde war voll. Barbara Bisický-Ehrlich genießt Prominenz, sie ist Werbe und Synchronsprecherin, leitet eine Filmproduktion und Kinder-Theatergruppen. In ihrem Beruf kommt sie Menschen nahe.

An diesem Abend ist es umgekehrt. Sie lässt die Menschen an sich heran. Als Chronistin ihrer eigenen Familiengeschichte zeichnet sie ein Generationenporträt. Welch ein Kraftakt! Sie erzählt von ihren Urgroßeltern, die in der Tschechoslowakei lebten, über die Zeit ihrer Großeltern im Hitler-Regime, schließlich über ihre eigenen Erfahrungen als Enkelin von Holocaust-Überlebenden in Deutschland. Liebevoll und reflektiert hat sie eine Hommage an ihre Familie verfasst.

Das Buch ist ihren drei Kindern gewidmet. Auf ihrer Homepage kann man lesen, das ihre Tochter dieses Buch als Geschenk empfindet. Schon nach wenigen Minuten zieht die klare, feste und schöne Stimme die Zuhörer in ihren Bann. Atemberaubend nah lässt sie die Zuhörerschaft an ihren gesellschaftlichen Beobachtungen und an den sorgfältig nachgezeichneten Lebenswegen ihrer Familie teilhaben. So beschreibt sie die Zugfahrt, durch welche die Großmutter Helenka von Theresienstadt nach Auschwitz deportiert wird, zeichnet den Leidensweg der eigenen Oma während des Todesmarschs nach und beschreibt, wie ein SS-Mann Helenka aus einer Laune heraus, weil er sie als Krankenschwester wiedererkennt, die Flucht gewährt.

Bisický-Ehrlich hat für ihr Buch zunächst mit ihrer Oma Helenka gesprochen. Immer wieder sagte diese ihrer Enkelin: „Das kann man niemanden erzählen, Bara. Das glaubt einem kein Mensch.“ Es folgten viele Gespräche mit ihrer Mutter. Schmerzhafte Gespräche. Gespräche die manchmal abgebrochen werden mussten. Am Abend der Lesung sitzt die Mutter in der ersten Reihe und horcht, sichtlich stolz auf die Tochter. Man spürt, jetzt gibt es ein Buch, ein Werk über das man reden und diskutieren kann. Ein Denkmal, ein Gegengewicht zur Ohnmacht.

Selbstkritisch und humorvoll beschreibt Bisický-Ehrlich, wie sie sich als Tochter tschechischer Emigranten in Deutschland wahrnimmt. Sie beschreibt die bedrohlich empfundene Reise als kleines Mädchen in den Osten, zu den Großeltern, hinter den eisernen Vorhang.

Der Abend ihrer Buchpremiere, fällt genau auf den Tag, an dem vor 73 Jahren der Todesmarsch für ihre Großmutter Helenka endete. Er endete mit dem Überleben. Großgeworden in der Frankfurter jüdischen Gemeinde, inmitten vieler „Überlebenden-Familien“, wusste Bisický-Ehrlich immer, dass ihre Familie etwas Besonderes sei. Sie hatte das Glück, als Jüdin Großeltern und sogar eine Urgroßmutter zu haben – im Gegensatz zu den meisten jüdischen Nachkriegskindern, deren Eltern und Großeltern in den Gaskammern ermordet wurden. Dass ihre Urgroßmutter überlebt habe war für sie bereits als kleines Mädchen ein unfassbares Glück. Es war solch eine Besonderheit, dass sie dachte, dafür müsste ihre Familie ins Guinnessbuch der Rekorde kommen.

Buch-Tipp

„Sag, dass es dir gut geht“ – Eine jüdische Familienchronik, Barbara Bisický-Ehrlich, Größenwahn-Verlag Frankfurt 2018, 21,90 Euro. ISBN: 978-3-95771-204-2

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