Nach zehn Jahren als Vorstandssprecher der Frankfurter Grünen ist Bastian Bergerhoff, Jahrgang 1968, zum Stadtverordneten gewählt worden. Die Zeit für den Wechsel sei reif gewesen, sagt der gebürtige Frankfurter. Nun wird er für mehrere Dezernenten-Ämter gehandelt.
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Nach zehn Jahren als Vorstandssprecher der Frankfurter Grünen ist Bastian Bergerhoff, Jahrgang 1968, zum Stadtverordneten gewählt worden. Die Zeit für den Wechsel sei reif gewesen, sagt der gebürtige Frankfurter. Nun wird er für mehrere Dezernenten-Ämter gehandelt.

Stadtpolitik

Bastian Bergerhoff: Der heimliche Herrscher der Grünen

  • Thomas Remlein
    vonThomas Remlein
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52-Jähriger ist überzeugter "Kommunalo" und bereit für einen Posten als Dezernent in der Mainmetropole.

Bastian Bergerhoff ist ein echter 68er. In diesem Jahr wurde er nämlich geboren und ist damit 20 Jahre jünger als der Alt-68er Joschka Fischer. Seit 2003 ist Bergerhoff bei den Frankfurter Grünen in wechselnden Parteiämtern engagiert, darunter insgesamt zehn Jahre als Vorstandssprecher, ein Amt das er noch immer ausübt. Nun ist er nach fast 20 Jahren Engagement aus dem Parteiapparat herausgetreten und ist erstmals Stadtverordneter geworden. Nach der für die Grünen so erfolgreichen Kommunalwahl, bei der sie stärkste Kraft wurden, werden dem promovierten Physiker viele Ämter zugetraut: Bürgermeister und Kämmerer oder Planungsdezernent?

Dass er eine dieser Funktionen wahrnimmt "ist nicht auszuschließen", sagt er im Gespräch. Sicherlich hätte ihn die Partei schon früher für das Stadtparlament nominiert, aber bisher sei ein Stadtverordnetenmandat "nicht darstellbar" gewesen. Nun aber sei sein 15-jähriger Sohn "aus dem Gröbsten raus, "und mit meiner Frau klappt das auch". Bergerhoff ist seit 1996 verheiratet. Die Familie lebt in Sachsenhausen in einem Haus aus der Jahrhundertwende.

Er hat eine klassische grüne Sozialisation hinter sich, war Schülersprecher an der Wöhlerschule und hat Schulstreiks gegen Atomwaffen organisiert. Er engagierte sich in der Friedensbewegung und Anti-Atom-Bewegung. Während er in seiner Jugend immer die Bundes- und Weltpolitik vor Augen hatte, bezeichnet er sich inzwischen als "begeisterten Kommunalo". Auf dieser Ebene bewege die Politik das Leben direkt am Ort.

Physiker mit Blick fürs Universum

Der heute 52-Jährige ist ein Frankfurter Bub, der zunächst am Weißen Stein aufwuchs. Mit acht Jahren zog die Familie an den Dornbusch. Nach dem Abitur an der Wöhlerschule und dem Zivildienst studierte er in Frankfurt und Heidelberg Physik. Die Doktortitel einiger Politiker wurden nachträglich wieder aberkannt wie der von Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) oder der von Annette Schavan (CDU). Bergerhoff, der seine Doktorarbeit über theoretische Physik verfasst hat, muss Plagiatsvorwürfe nicht fürchten. Physik lebt vom selber Denken, nicht vom Abschreiben. Seinen Doktorgrad stellt er nicht ins Schaufenster, oftmals wissen selbst Parteifreunde nichts von seinen akademischen Würden.

Nach seiner Promotion hat er drei Jahre lang in München über Quantenfeldtheorie und "Physik des frühen Universums" geforscht. Als er vor der Entscheidung stand, eine Hochschulkarriere anzustreben oder etwas anderes zu machen, entschied er sich 2000, in die Software-Branche einzusteigen. Er arbeitete als freiberuflicher Entwickler. Aktuell ist er bei der Deutschen Telekom angestellt.

Bergerhoff ist kein Mann der lauten Töne. In einem FNP-Interview vor zehn Jahren lobte er die "sehr ruhige und angenehme Art" seines Parteifreundes Tarek Al-Wazir, mit Fragen umzugehen. "Das kann man sich ruhig zu eigen machen", ergänzte er. Diese Unaufgeregtheit seines politischen Stils kommt offenbar bei der grünen Basis gut an. Das macht ihn zu einem heimlichen Herrscher bei den Grünen. So kommt es, dass er schon so viele Jahre mit wechselnden Kolleginnen die Frankfurter Grünen als Vorstandssprecher führt, derzeit mit Beatrix Baumann.

Der Berufsstand der Physiker ist unter Politikern selten. Einige von ihnen wie Kanzlerin Angela Merkel (CDU) oder Oskar Lafontaine (Linke) haben es zu höchsten Staatsämtern gebracht. Der ehemalige Frankfurter Planungsdezernent Martin Wentz (SPD), der heute ein großes Architekturbüro führt, ist ebenfalls Physiker. Führt die naturwissenschaftliche Denkungsart zum Erfolg in der Politik? "Analytisches Denken ist fast immer hilfreich im Leben", meint dazu Bergerhoff.

"Multi-Dilettant" für schöne Töne

Mit Beginn der Coronazeit hat der 52-Jährige mit anderen, darunter die frühere Bildungsdezernentin Sarah Sorge (Grüne), den gemeinnützigen Verein Kulturzeiter*innen gegründet. Der Verein werbe "sehr erfolgreich" Spenden ein, um Künstler ohne Einnahmen zu unterstützen. Über 250 000 Euro sind zusammengekommen. Ein Beirat entscheidet, wer mit monatlich 500 Euro unterstützt wird.

In seiner Münchner Zeit hat er in einer Bluesband die Bass-Gitarre bedient. Als "Multi-Dilettant", wie er es nennt, spielt er Klavier, Gitarre und E-Bass, wenn es seine Zeit zulässt. Demnächst spielt er nach der Orchestrierung der Koalitionsgespräche vermutlich eine bedeutende Rolle in der Stadtpolitik.

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