Viele Bäume in der Stadt geben ein fürchterliches, weil ausgemergeltes und vertrocknetes Bild ab. Dieses traurige Kastanien-Exemplar kämpft ums Überleben in der Pfaffenwiese in Höchst.
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Viele Bäume in der Stadt geben ein fürchterliches, weil ausgemergeltes und vertrocknetes Bild ab. Dieses traurige Kastanien-Exemplar kämpft ums Überleben in der Pfaffenwiese in Höchst.

Sommerhitze

Baumsterben in Frankfurt: Die Klimaanlage der Stadt geht kaputt

  • Julia Lorenz
    vonJulia Lorenz
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  • Holger Vonhof
    Holger Vonhof
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Nicht nur Waldbäume, sondern immer mehr Straßenbäume vertrocknen. Die Stadt Frankfurt kommen mit dem Fällen kaum hinterher. Wenn noch mehr Bäume verschwinden, wird es künftig noch heißer.

Frankfurt - In der Rudolf-Schäfer-Anlage in Höchst, wo erst im vergangenen Herbst eine stattliche, den Park dominierende Blutbuche gefällt werden musste, stirbt der nächste Baum - direkt neben dem Bismarckdenkmal. Auch im Luciuspark sind viele alte Bäume vertrocknet. Aber nicht nur dort, sondern stadtweit.

"Vertrocknet" ist immer wieder die Diagnose, wenn in der Stadt Bäume gefällt werden müssen. "Aufgrund der beiden vergangenen trockenen Sommer kommt das stadtweit leider vermehrt vor", sagt Bernd Roser vom Grünflächenamt. Die Trockenheit würde das Grün wehrlos gegen Schädlinge machen. Man denke nur an die 89 Jahre alte Hängebuche im Louisa-Park in Sachsenhausen, die im vergangenen Jahr gefällt werden musste. Ein Pilz, der Zunderschwamm, hatte sie zur Strecke gebracht. In diesem Jahr ist laut Bernd Roser die Miniermotte wieder ausgeprägt, die etwa die Kastanien entlang der Pfaffenwiese im Frankfurter Westen befallen hat. Und die Spinnenmilbe macht den Linden zu schaffen.

Baumsterben in Frankfurt: Überlebenskampf auf dem Bürgersteig

Wurden in den Vorjahren noch 2000 bis 2500 Bäume im Schnitt pro Jahr gefällt, weil sie nicht mehr gesund waren, sind es heutzutage 4500 bis 5000 Bäume. Doch jeder einzelne tut weh. "Bäume sind enorm wichtig für das Stadtklima", so Roser. "Sie haben einen kühlenden Effekt und produzieren Sauerstoff. Deshalb sind wir bestrebt, noch mehr Bäume in die Stadt zu bringen."

54 365 Bäume unterschiedlichster Arten verzeichnet das Grünflächenamt der Stadt in seiner Statistik als "Straßenbäume". Dazu gehören die mehr oder minder gesunden Bäume an der Königsteiner Straße oder der Frankenallee, die Pappeln an der Mainzer Landstraße oder die schlecht aussehenden Linden entlang der Ostendstraße. Jeder dieser Bäume kämpft täglich seinen Überlebenskampf: Abgase, Wassermangel oder auch Autos, die beim Parken ihre Wurzeln beschädigen oder gar ihren Stamm touchieren, machen diesen Kampf nicht einfacher.

Diese 54 365 Straßenbäume sind eine Teilmenge der rund 195 000 Bäume, für die das Grünflächenamt in Frankfurt zuständig ist. Die anderen zählen nicht als "Straßenbaum", stehen sie doch in öffentlichen Parks und Anlagen oder auf Spielplätzen und Schulhöfen. Aber auch diese fast 200 000 Bäume sind wieder nur eine Teilmenge, denn dazu kommen im bebauten Bereich des Frankfurter Stadtgebiets eine nicht zu beziffernde Zahl von Bäumen auf privaten Grundstücken. Sie sind in keinem Kataster verzeichnet, stehen jedoch unter streng reglementiertem Schutz.

Frankfurt: Bäume im Stadtwald - 5785 Hektar südlich des Mains

All diese Bäume im bebauten Gebiet werden jedoch noch übertroffen von der Zahl der Bäume im Stadtwald, für welche die Abteilung Stadtforst des Grünflächenamts zuständig ist. Keiner kennt ihre Zahl - gerechnet wird beim Stadtwald in Hektar. Im engeren Sinne ist der Frankfurter Stadtwald ein 5785 Hektar großes Waldgebiet im Süden Frankfurts, wovon jedoch nur 3866 Hektar innerhalb der Stadtgrenzen liegen. Der Stadtwald südlich des Mains nimmt mit einer Ausdehnung von rund 35 Quadratkilometern etwa 14 Prozent des Stadtgebietes ein - das ist im Vergleich zu anderen deutschen Städten recht ordentlich.

Im weiteren Sinn ist der Stadtwald die Gesamtheit aller Waldflächen auf Frankfurter Stadtgebiet. Dazu gehören auch kleinere, verstreut über das Stadtgebiet liegende Waldgebiete, etwa der Biegwald, der Niedwald und das Ginnheimer sowie Praunheimer Wäldchen, der Riederwald, der Enkheimer Wald und der Fechenheimer Wald. Im Norden gibt es noch den Nieder-Erlenbacher und den Nieder-Eschbacher Wald. Diese Waldflächen sind zusammengefasst im 1991 eingerichteten Frankfurter Grüngürtel. Aber: "Der Wald vertrocknet regelrecht", sagt Christian Raupach, der geschäftsführende Direktor des hessischen Waldbesitzerverbands. 39,8 Prozent von Hessen sind Wald - noch. Damit gehört das Bundesland zur "grünen" Spitzengruppe in Deutschland. Es fragt sich aber, wie lange noch: "Da sterben 160 Jahre alte Buchen innerhalb eines Jahres ab", weiß Raupach.

Während die Forstleute versuchen, den Stadtwald "umzubauen" - es werden etwa trockenresistente Eichen aus Südeuropa gepflanzt -, müssen die städtischen Gärtner auf Bäume setzen, die nicht nur die Hitze überleben, sondern auch mit anderen Umweltbelastungen gut zurecht kommen. Solch ein Gewächs ist etwa die Flatterulme, der "Baum des Jahres 2019" - sie gilt als "widerstandsfähiger, attraktiver Stadtbaum". "Nach Jahrhunderten der Lebensraumzerstörung ist es Zeit, die Flatterulme neu ins Bewusstsein von Städteplanern und Forstleuten zu holen," sagte zu ihrer Prämierung 2019 etwa Caroline Hensel, die damalige "Deutsche Baumkönigin".

Baumsterben in Frankfurt: Woher soll das ganze Wasser kommen?

Aber eigentlich ist die Flatterulme ein Baum, der feuchte Standorte bevorzugt: Man kann sie in Parks in der Nähe von Weihern setzen oder hat sie unlängst auch im Bereich der Wörthspitze in Nied gepflanzt. Im Gegensatz zu südosteuropäischen Eichenarten braucht sie reichlich Wasser.

Aufrufe, den Stadtbäumen vor der eigenen Haustür jetzt im Sommer doch täglich ein paar Eimer Wasser zu spendieren, werden außerhalb Frankfurts sehr kritisch gesehen: Insgesamt 20 Millionen Kubikmeter Wasser bekommt die Stadt Frankfurt jährlich aus dem südwestlichen Vogelsberg. Rechnet man die Brunnen im Kinzigtal und die Quellen im Spessart hinzu, stammen aus dieser Region 40 Prozent des Frankfurter Gesamtverbrauchs. Die anderen 40 Prozent kommen aus dem hessischen Ried. Und dort vertrocknen ebenfalls die Bäume. Diese Tendenz wird sich fortsetzen: Wenn in Frankfurt immer mehr Wohnungen gebaut werden und die Stadt weiter wächst, gräbt sie ihrem Umland zwangsläufig weiter das Grundwasser ab.

Auch der Hitzesommer 2018 sorgte für enorme Schäden, die sich jedoch erst später zeigten. Bald jeder Baum in Frankfurt war krank. Und die Situation wurde schlimmer. Derweil trauern Bewohner der Fritz-Kissel-Siedlung in Frankfurt-Sachsenhausen um 24 alte Bäume, die für eine neue Feuerwehrzufahrt weichen müssen. Statt grünem Idyll sind nur noch Erde und nackter Beton übrig.

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