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Der Kuckuck wohnt im Erdgeschoss: Schon rund 40 seiner Hochhaus-Uhren hat Guido Zimmermann gebaut.

Frankfurter Künstler

Guido Zimmermann baut dem Ghetto-Kuckuck ein Haus

Die Kuckucksuhr gilt als Inbegriff deutscher Biederkeit. Nicht so die Exemplare, die der Frankfurter Künstler Guido Zimmermann fertigt: keine romantisch verschnörkelten Häuschen, sondern Beton-Wohnblöcke mit realen Vorbildern, etwa in Niederrad. Bei manchen Käufern weckt das Erinnerungen.

Anfangs war es nur ein witziges Detail: Als Guido Zimmermann vor fünf Jahren ein riesiges Wandgemälde am Ben-Gurion-Ring gestaltete, geisterte der Gedanke an eine Kuckucksuhr durch seinen Kopf – als Inbegriff deutscher Biederkeit. Ein krasser Gegensatz zu den Hochhäusern um ihn herum. Und weil er in seiner Arbeit gern Bezug auf seine Umgebung nimmt, kam ihm plötzlich jene Idee: eines der Gebäude am „Bügel“ als Uhrgehäuse in sein Wandgemälde aufzunehmen, „mit einem Assi-Kuckuck, der den Stinkefinger zeigt“. Vielleicht wäre es dabei geblieben – wenn nicht zufällig ein paar Jugendliche vorbeigekommen wären, die das ungewöhnliche Motiv entdeckten. Und hingerissen waren: „Boah, geil – ’ne Ghetto-Kuckucksuhr!“

In diesem Moment, sagt Zimmermann, habe er gemerkt, dass seine Idee etwas beim Betrachter auslöse. Zurück in seinem Atelier im Kunst- und Kulturhaus im Frankfurter Ostend fing er an zu basteln. Aus MDF-Platten sägte er das erste Uhrgehäuse zurecht, in mühsamer Handarbeit. Als Vorlage dafür nahm er die Mainfeld-Hochhäuser in Niederrad. Deren Balkone changierten damals, vor ihrer Renovierung, noch in eigenartigen Farbverläufen zwischen rot und gelb beziehungsweise grün und gelb. „Schön hässlich“ sei das gewesen, findet Zimmermann, und trotzdem irgendwie ästhetisch.

Mit Modellen fing es an

Tagelang, wochenlang tüftelte er an der Ausstattung seiner Hochhaus-Kuckucksuhren herum. Vor allem die Suche nach dem richtigen Material war zeitraubend. Etwa für die Satellitenschüsseln, die er inzwischen aus Knöpfen und Drähten fertigt und am Schluss lackiert, um sie möglichst echt aussehen zu lassen. Zugute gekommen seien ihm dabei Erfahrungen aus der Kindheit, als er sich gerne mit Modelleisenbahnbau beschäftigt habe, erzählt er lachend.

Anfangs kaufte er noch Kuckucksuhren und baute deren Uhrwerke aus, um seine Modelle damit auszustatten. Mittlerweile bezieht er die Uhrwerke direkt vom Hersteller, einer chinesischen Firma. Auch einen Laserschneider schaffte er sich an, um die MDF-Platten für die Gehäuse millimetergenau schneiden zu können. Und er entwickelte weitere Kuckucksuhr-Modelle. Zum Beispiel vom inzwischen gesprengten AfE-Turm der Goethe-Universität. Oder von den Hochhäusern aus dem Märkischen Viertel in Berlin, die durch Sidos Rapsong „Mein Block“ berühmt wurden.

Vor allem die vielen witzigen Details an den Uhren faszinieren den Betrachter. Etwa die Patina-Flecken an den Mauern. Oder das bläulich flackernde Licht hinter einem der Wohnblock-Fenster – als liefe dort gerade ein Fernseher. Oder dass der Kuckuck, der immer zur vollen Stunde aus einem Fenster oder aus einer Tür herausschnellt, eine winzige Baseballmütze trägt, mit dem Schirm nach hinten, versteht sich. „So ist es ein kleiner Ghetto-Kuckuck“, schmunzelt Zimmermann. Auch einen sozialkritischen Aspekt verbindet der 40-Jährige mit seinem Uhren-Projekt.

Explodierende Mieten

Natürlich verhandle er damit auch den Mangel an günstigem Wohnraum und die Probleme durch die explodierenden Mieten in den Großstädten, sagt er. Allerdings auf unterhaltsame Weise, nicht mit erhobenem Zeigefinger: „In meiner Arbeit ist immer Ironie und Witz drin. Ich will nicht den Moralapostel spielen.“

Gut 40 Stück seiner „Cuckoo-Blocks“ hat er bereits verkauft. Die Preise dafür liegen im niedrigen vierstelligen Bereich, genauere Beträge will er nicht nennen. Seine Kunden kommen nicht nur aus Deutschland. Auch in die USA, nach Neuseeland und in die Vereinigten Arabischen Emirate lieferte er seine Designobjekte schon. Für manche der Käufer sind die Uhren offenbar mehr als nur ein ungewöhnlicher Wandschmuck. Etwa für eine inzwischen sehr wohlhabende Familie, die in Dubai lebt. Auch sie habe ein Exemplar gekauft, sagt Guido Zimmermann – um damit an ihre Herkunft aus einem solchen Wohnblock zu erinnern.

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