Der von der Architektur inspirierte Objektkünstler Oliver Tüchsen bei der Arbeit. "Geheimcode Dada Konsti Aha" heißt seine Ausstellung im Kunstverein der Familie Montez.
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Der von der Architektur inspirierte Objektkünstler Oliver Tüchsen bei der Arbeit. "Geheimcode Dada Konsti Aha" heißt seine Ausstellung im Kunstverein der Familie Montez.

Neue Ausstellung

Befreite Vögel im kreativen Labor

  • VonAlexandra Flieth
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Frankfurter Kunstverein Familie Montez präsentiert zwei eigenwillige Künstler

Oliver Carlos Tüchsen ist kein Architekt, sondern ein Künstler, den die Architektur zu seinen Werken inspiriert. Er entwickelt und baut Türme und Objekte, häufig aus einer Kombination unterschiedlicher Materialien, und lässt zudem auf der zweidimensionalen Fläche der Leinwand malerisch Innenräume entstehen, die aus Linien aufgebaut und deren Räumlichkeit durch Farben modelliert sind. Im großen Ausstellungsraum des Kunstvereins Familie Montez, einem der zwei denkmalgeschützten Brückenbögen der alten Honsellbrücke, sind derzeit Gemälde und Objekte in seiner Ausstellung "Geheimcode: Dada Konsti Aha" zu sehen.

Der Titel kann als Hommage an die künstlerische und literarische Bewegung des 1916 erstmals in der Schweiz initiierten Dadaismus gelesen werden, an Frankfurt, aber auch an das, was durch die Corona-Pandemie an Herausforderungen gerade für Künstler besteht und weiterhin auch Auswirkungen für die Zukunft haben wird. Oliver Carlos Tüchsen ist mittendrin, er beobachtet, seine Kunst sind Reflexionen dieser Prozesse, die er ständig hinterfragt. Die aktuelle Ausstellung kommt wie ein großes kreatives Labor daher, in dem Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gleichzeitig existieren und künstlerisch beleuchtet werden.

Die architektonischen Elemente ziehen sich durch die gesamte Präsentation, aber eben nicht nur in ihrer positiv besetzten Form. Denn genauso wie Tüchsen die Innenräume auf seinen Gemälden aufbaut, wie er die Türme aus teils farbigem Acryl fertigt, so zerstört er beim genauen Betrachten auch wieder ihre zunächst vermutete Stabilität. Konstruktion und Dekonstruktion halten sich in seinem Werk die Waage, schaffen ein Gleichgewicht und ziehen eine Verbindung zum realen Leben eines Künstlers. Und das wird derzeit vor allem auch dadurch bestimmt, wie es mit der Corona-Pandemie weitergeht

Knapp 1750 Kilometer entfernt, im russischen St. Petersburg, lebt und arbeitet der Künstler Kirill Gorodetskiy. Auch wenn er selbst derzeit nicht in Frankfurt sein kann, hat die Mainmetropole eine besondere Bedeutung für ihn. Nach Ausstellungen im Kabarett "Die Schmiere" und in der Porzellanmanufaktur Höchst ist derzeit ein Beatles-Zyklus mit dem Titel "Come Together!" im kleinen Ausstellungsraum im Kunstverein Familie Montez zu sehen. Möglich gemacht hat dies Edda Rössler, die die Ausstellung kuratiert hat.

Mehr als ein Jahr lang hat Kirill Gorodetskiy sich mit den Songs der Beatles auseinandergesetzt, entstanden sind 25 Bilder, die seine ganz persönliche Sicht auf das Werk der populärsten Band aller Zeiten wiedergeben. Auch in diesem Bilderzyklus kann eine Parallele zu der Idee einer Gleichzeitigkeit von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gezogen werden. Die Beatles als Teil der Musikgeschichte, deren Songs über die Gegenwart hinaus bis in die Zukunft reichen werden.

Kirill Gorodetskiy hat die Texte interpretiert und in einer ganz besonderen Technik visualisiert: in Form der Grattage. In den 1920er Jahren von dem Künstler Max Ernst (1891 - 1976) entwickelt, der unter anderem der Bewegung des Dadaismus und des Surrealismus angehörte, wird dafür in mehreren Farbschichten gearbeitet, die anschließend in Teilen mit einem speziellen Werkzeug, einer Klinge, wieder herunterkratzt werden. Ein Arbeitsprozess, der durchaus mit dem eines Bildhauers vergleichbar ist, der aus einem Material wie Holz eine Skulptur formt.

Und Gorodetskiy hat das Verfahren perfektioniert und modelliert darin seine Figuren, die die Songs der Beatles spiegeln. Feinfühlig und auch in einer Tradition der russischen Malerei. So sitzt in seiner Interpretation von "Drive my car" (1965) etwa eine fast elfenhaft anmutende junge Frau auf einer Schildkröte und spielt Harfe. Bei "Yesterday" (1965) ist es ein Mann, der in einer sternenklaren Nacht mit dem Rücken auf einem scheinbar schwebenden Holzbrett vor einem geöffneten Fenster sitzt. Er hat die Arme vor den Beinen verschränkt und trägt eine traurige Pierrot-Bemalung im Gesicht. Ein Vogelkäfig, der neben ihm steht, ist geöffnet. Der Schlüssel für das Schloss liegt ebenfalls auf der Fensterbank.

Die Freiheit für den Vogel hat gewonnen, für den Mann scheint dies in dem dargestellten Moment jedoch aussichtslos zu sein. Ganz wie im Song beschrieben: "Yesterday, all my troubles seemed so far away/ Now it looks as though they're here to stay/Oh, I believe in yesterday".

Beide Ausstellungen im Kunstverein Familie Montez, Honsellbrücke am Hafenpark (Honsellstraße 7), laufen bis zum 20. November und können dienstags bis sonntags 13.30 Uhr bis 18 Uhr besichtigt werden. Infos unter https://kvfm.de im Internet. Der Eintritt ist frei.

In seinem Beatles-Zyklus "Come Together" hat sich Kirill Gorodetskiy zu 25 Songs der legendären Band buchstäblich ein Bild gemacht.

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