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Demet und Erkan Beyazal (links am Tisch) haben Recep Telli, Reporter Friedrich Reinhardt und die gute Nachbarin Mehret Tesfaye zum Fastenbrechen eingeladen.

Ramadan

Beim gemeinsamen Fastenbrechen ins Gespräch kommen

Zwischen dem 16. Mai und dem 14. Juni begehen Muslime in diesem Jahr den Fastenmonat Ramadan. Damit man über Gott und die Welt ins Gespräch kommt, bringt das Forum für interkulturellen Dialog Fremde zum täglichen Fastenbrechen zusammen.

Der Ramadan reißt das Essen aus der Alltäglichkeit. Das spürt man in dem modernen Wohnzimmer der jungen Familie Beyazal in Kalbach-Riedberg. Eine eigentümliche Aura geht von dem gedeckten Tisch aus. Datteln, gefüllte Teigröllchen und Dipps schaffen eine Atmosphäre, wie eine Großmutter, die zufrieden lächelt, weil alle Kinder und Enkel wieder einmal beisammen sind. Es ist 21 Uhr, kurz vor Sonnenuntergang, kurz bevor Muslime das tägliche Fasten beenden.

Familiär ist es bei Demet und Erkan Beyazal, obwohl an diesem Abend keine Verwandten gekommen sind. Gut, die christlich-orthodoxe Nachbarin gehört praktisch zur Familie. Mehret Tesfaye heißt sie. Friseurin, 59 Jahre alt, ruhige Ausstrahlung. Sie wohnt eine Etage unter den Beyazals und hilft der Familie als Babysitterin. Recep Telli ist am Tisch dagegen ein Fremder.

Telli kommt vom Forum für interkulturellen Dialog. Der Verein, der der Gülen-Bewegung nahe steht, veranstaltet in Frankfurt solches „Tandem-Fasten“. Dabei kommen zum täglichen Fastenbrechen fremde Menschen, manchmal auch verschiedener Glaubensrichtungen, zusammen. 25 solcher Tandems seien es in diesem Jahr, sagt Telli. „Wir wollen damit Brücken zwischen den Menschen schlagen.“

Imam und Handy-App

Frau Beyazal bittet zu Tisch. Herr Beyazal behält das Smartphone im Blick. Dort läuft ein Countdown. Eine Handy-App zeigt ihm an, wann die Sonne auf- und untergeht. Als da nur noch Nullen stehen, spielt sie die Aufnahme eines Imams ab, der ein Bittgebet singt. Für die Tischgesellschaft ist es das Startsignal. Frau Beyazal reicht als erstes Datteln. „Damit und mit einem Schluck Wasser sollte man das Fasten brechen“, sagt sie. Seit die Sonne aufging, das war um 5:30 Uhr, haben die Muslime am Tisch nichts gegessen und getrunken. So schreibt es der Glaube vor. Um noch etwas zu essen, sind sie extra früh aufgestanden Rund 16 Stunden dauert ein Fastentag in diesem Jahr (siehe Box). Wie hält man das aus? „Man geht alles ruhiger an“, sagt Telli. Mit langsamen Bewegungen isst der Mann dabei. Statt schnell in der Kantine den Hunger zu stillen, halten Muslime ihn aus. Statt abends vor dem Fernseher geschmierte Brote zu essen, „versucht man sich bewusster Zeit mit seiner Familie und Freunden zu verbringen“, sagt Telli.

Daher, sagt Herr Beyazal, gewöhne man sich nach ein oder zwei Tagen ans Fasten. Das Essen und der Verzicht werde während des Ramadans zu einer Form, das Gottesverhältnis zu pflegen, sagt Frau Beyazal. „So wie ein Gebet.“ Als die Nachbarin Tesfaye erzählt, dass sie als orthodoxe Christin etwa fünf Monate im Jahr faste, machen trotzdem alle große Augen.

Rund Zweidrittel fasten

Zwischen vier und fünf Millionen Muslime lebten laut einer Studie des Bundesministeriums für Migration und Flüchtlinge Ende 2015 in Deutschland. Wie viele davon während des Ramadan fasten, ist schwer zu zählen. Der Zentralrat der Muslime in Deutschland, geht davon aus, dass es zwei von drei Muslimen sind.

Bei Telli oder den Beyazals fällt eines auf: Sie sprechen zwar sehr offen über ihren Glauben, dennoch wechseln sie routinemäßig in die Wir-Form. Sie sagen etwa Sätze wie: „Wir Muslime glauben, dass Gott uns durch das Fasten unsere Sünden vergibt.“ Oder: „Für uns gehört Fasten zu den fünf Säulen des Glaubens, neben etwa dem Gebet oder der Pilgerfahrt.“ Vielleicht reden sie so, weil sie in Deutschland häufig erst die Grundlagen ihres Glaubens erläutern müssen, bevor sie von ihrem ganz persönlichen Verständnis sprechen können.

Nach der Suppe und dem Hauptgang zieht die Tischgesellschaft für das Dessert auf das Sofa um. Fast unbemerkt zieht sich jeder einmal für ein kurzes Gebet zurück. Glaube bleibt das Thema am Tisch. Ob man sich auf das Ende der Fastenzeit freut? Frau Beyazal schüttelt den Kopf. „Über das Ende bin ich immer etwas traurig.“

Im Jahr 2020 beginnt der Ramadan am 24.04.2020 und geht einen Monat lang.

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