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Berkersheim ist ein Idyll für Pferdeliebhaber.

Stadtteil-Serie (Teil 26)

Berkersheim: Jeder kennt jeden

In unserer Stadtteil-Serie haben wir diese Woche Berkersheim unter die Lupe genommen. Die Bürger sind stolz auf ihren Stadtteil mit Dorfcharakter.

Beschaulich, dörflich, ruhig – nur selten werden diese Attribute mit Frankfurt in Verbindung gebracht. Auf Berkersheim, im Nordosten der Mainmetropole auf dem Nordhang des Berger Rückens gelegen, trifft diese Beschreibung allerdings zu. Der Stadtteil mit seinen etwa 3400 Einwohnern ist nach dem Flughafen der zweitkleinste Frankfurts.

Dabei kann Berkersheim auf eine lange und bewegte Geschichte zurückschauen. Anno 795 wurde es als „Berchgisisheim“ erstmals urkundlich erwähnt. Besitzer kamen und gingen, darunter die Grafen von Falkenstein, der Deutsche Ritterorden, die Franzosen und auch die Preußen. Auch von Kriegen und Plünderungen blieb das Dorf nicht verschont. Im Dreißigjährigen Krieg wurde es fast komplett niedergebrannt.

Überregionale Bekanntheit erlangte Berkersheim auch als Residenz der Schelme von Bergen im 17. und 18. Jahrhundert. Allerdings erwachte das Dorf erst mit der Eingemeindung nach Frankfurt im Jahr 1910 aus seinem Dornröschenschlaf. In der Folge bekam Berkersheim erst einen Anschluss an das Straßenbahnnetz, später, gegen Ende der 1970er Jahre, einen S-Bahnhof. Andere infrastrukturelle und technische Errungenschaften wie eine eigene Kanalisation ließen auch auf sich warten: Erst 1964 löste ein Abflusssystem die bis dahin allgegenwärtigen Plumpsklos ab.

Die Bewohner sind sehr stolz auf „ihr“ Berkersheim: Umgeben von Äckern und Streuobstwiesen – vor allem Apfelbäumen, aus deren Saft natürlich auch das hessische Nationalgetränk Apfelwein hergestellt wird – ist der Stadtteil ein Dorf geblieben, in dem praktisch jeder jeden kennt. FNP-Reporter Michael Faust hat sich in dem Stadtteil mit seiner Kamera umgesehen.

Die vielen kleinen und verwinkelten Gassen mit teilweise erheblichen

Höhenunterschiede

n tragen sehr viel zum pittoresken Charme Berkersheims bei. Stellvertretend sei hier das zentral gelegene Sträßchen „Am Herrenhof“ genannt, das keinen wirklichen Bürgersteig besitzt. Hier geht es auch ohne. . .

Berkersheim ist ein Stadtteil für Pferdeliebhaber. Das ländliche Idyll bietet den perfekten Rahmen für ausgedehnte Reitausflüge. Direkt im Ortskern liegt die Pferdepension von Willi Lemp mit etwa 30 Stellplätzen. Seit über 40 Jahren sorgt sich das Familienunternehmen um das Wohl der untergestellten Vierbeiner. Dazu gehört auch der Senior „Sirius“, der auf seine alten Tage noch immer gelegentlich im Einsatz ist, beispielsweise zum St. Martin-Fest in Kindergärten. Der Norweger wird in diesem Jahr 35.

Die Gaststätte „Zum Lemp“ und das angeschlossene Theater „Lempenfieber“ mit seinen Eigenproduktionen im Bereich Kabarett, Komödie und Chanson sind sehr beliebte Treffpunkte. Kirsten Josephowitz (rechts) betreibt mit ihrem Mann Sascha und dem Team um Kellner Hartmut Rinke (links) das über 150 Jahre alte Traditionslokal mit Gartenwirtschaft in der Obergasse 12. Vornehmlich gutbürgerliche Küche steht auf der Speisekarte. Als Treffpunkt für Stammtische, Vereine, Feiern und Hochzeiten ist „Der Lemp“ auch generationsübergreifend von großer sozialer Bedeutung.

Auch die Schelme von Bergen haben Spuren hinterlassen: In der Berkersheimer Untergasse 13 sind das barocke Allianzwappen des Johann Henrich Schelm von Bergen und dessen Gemahlin Clara Magdalena von Berlepsch aus dem 17. Jahrhundert zu finden. Auch Fragmente des 1806 niedergelegten Gehöfts aus skulptierter Sandsteinartischocke, einem Kapitell sowie eines    Puttenkopfes gibt es.

Den Norden Berkersheims begrenzt die Nidda, dort fließt auch der aus Harheim kommende Eschbach in die Nidda. Das Areal nutzen gerade im Frühjahr oder Sommer Jogger, Fußgänger und Radfahrer, die am Niddaufer auf einer wunderschönen Strecke von der Mündung in Höchst bis nach Bad Vilbel gelangen können.

Frankfurts einzige kommerziell vermarktete Mineralwasserquelle entspringt im Norden des Stadtteils. Ein Pumpwerk bringt das Wasser der Azur-Quelle aus 85 Metern Tiefe ins benachbarte Bad Vilbel. Die zur Hassia-Gruppe gehörende Quelle, die seit den 1930er Jahren bekannt ist, wird von dem Familienunternehmen im Niedrigpreissegment vermarktet.

Rund um den Ortskern liegen viele Freiflächen, die vor allem landwirtschaftlich genutzt werden, und ausgedehnte Streuobstwiesen. Und so lassen sich viele Jogger auch bei schlechtem Wetter die Freude am Sport nicht nehmen. Lediglich die Minibusse der Linie 25 stören gelegentlich die Ruhe. Wegen der geringen Tragekapazität der Niddabrücke am Harheimer Stadtweg können nur diese für maximal 30 Personen nutzbaren Busse eingesetzt werden.

Seit der Stilllegung der Straßenbahnverbindung nach Berkersheim im Jahr 1978 sorgte die S-Bahn für die direkte Verbindung mit der Innenstadt. Die S 6 ermöglicht eine schnelle Verbindung in die ungefähr sieben Kilometer entfernte Frankfurter City. Derzeit sorgen allerdings Kapazitätsprobleme immer wieder für Verspätungen, da sich die S-Bahn die Main-Weser-Trasse mit anderen Regionalzügen teilen muss. Der geplante vierspurige Ausbau stößt im nördlichen Stadtteil allerdings nicht nur auf Gegenliebe. Ein Aktionsbündnis bekämpfte das Projekt energisch bis zuletzt.

Berkersheim leidet insbesondere im Bereich Dachsberg / Heiligenstockweg unter dem Pendlerverkehr. Auch eine im Jahr 2015 kurzzeitig provisorisch installierte Pförtnerampel brachte kaum Abhilfe. Dazu kam noch Ärger mit der Nachbargemeinde Bad Vilbel, deren Pendler sich ausgebremst fühlten. Ein schlüssiges Verkehrskonzept, das allen Interessen gerecht wird, ist nach wie vor nicht Sicht – dafür aber unter Umständen eine Lichtsignalanlage, die im Frankfurter Verkehrsdezernat als ein Mittel angesehen wird, den Stadtteil verkehrstechnisch sicherer zu gestalten.

Die barocke evangelische Michaeliskirche wurde 1766 errichtet und 150 Jahre später nach dem Erzengel benannt. Im Sandsteinportal finden sich die Gründungsjahreszahl und das Wappen des Erbprinzen von Hessen und Grafen von Hanau. Die Innenausstattung prägen die Empore und die zentrale Kanzel.

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