Einen nicht ganz alltäglichen Berufswunsch hegt die Oberräderin Claudia Czerwinski (20): Sie möchte Bestatterin werden. Doch die Suche nach einer Lehrstelle gestaltet sich schwierig. Ausbildungsbetriebe gibt es nur wenige.
+
Einen nicht ganz alltäglichen Berufswunsch hegt die Oberräderin Claudia Czerwinski (20): Sie will Bestatterin werden. Doch die Suche nach einer Lehrstelle gestaltet sich nicht nur in Frankfurt schwierig. Ausbildungsbetriebe gibt es nur wenige.

Bundesweit beworben

Frankfurterin hat besonderen Berufswunsch – und findet keinen Ausbildungsplatz

  • VonBrigitte Degelmann
    schließen

Obwohl sie sich bundesweit beworben hat, findet eine junge Frau aus Frankfurt keinen Ausbildungsplatz für ihren ungewöhnlichen Berufswunsch.

Frankfurt – Geht man von den Statistiken aus, wirkt die Suche nach einem Ausbildungsplatz ziemlich einfach. Knapp 468 000 Ausbildungsstellen in ganz Deutschland wurden der Agentur für Arbeit und den Jobcentern zwischen Oktober 2020 und Juni 2021 gemeldet. Die Bewerberzahl lag deutlich niedriger: Nur 385 000 junge Leute nahmen die Hilfe der Ausbildungsvermittlung in Anspruch. Eine von ihnen ist Claudia Czerwinski aus Frankfurt-Oberrad.

Sie hat einen Berufswunsch, bei dem manche unwillkürlich zurückzucken: Die 20-Jährige strebt eine Lehre als Bestattungsfachkraft an. Doch trotz guter Voraussetzungen blieb ihre Suche bislang ohne Erfolg. Rund ein Dutzend Bewerbungen an Bestatter in ganz Deutschland habe sie seit dem vergangenen Jahr schon verschickt, erzählt die junge Frau - unter anderem nach Wiesbaden, Bochum und sogar nach Hamburg. Allerdings trudelten bisher nur Absagen ein.

Junge Frau aus Frankfurt will Bestatterin werden – sie ist gut qualifiziert

Obwohl Claudia Czerwinski einiges vorweisen kann: Kürzlich absolvierte sie die Fachabitur-Prüfungen an der Julius-Leber-Schule, zuvor hatte sie Praktika sowie ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) am Krankenhaus Nordwest sowie am Krankenhaus Sachsenhausen geleistet. Zu dieser Zeit hatte sie noch andere Berufsziele vor Augen: Rettungssanitäterin wollte sie werden - oder operationstechnische Assistentin. Als letztere würde sie sich um Patienten vor und nach Operationen kümmern und bei Eingriffen assistieren.

Bei ihren Klinik-Einsätzen kam sie jedoch hin und wieder in die Pathologie - und stellte fest, dass sie dieser Aufgabenbereich stärker faszinierte. So keimte ihr Wunsch auf, Bestatterin zu werden.

Berufswunsch Bestatterin in Frankfurt: Ein würdiges Begräbnis ermöglichen

Ja, anfangs habe sie beim Anblick eines toten Körpers schon ein komisches Gefühl beschlichen, gibt sie zu. Doch das habe sich schnell gelegt. Über einen Bekannten ihres Onkels gelang es ihr, einen Tag auf einem Friedhof in Mühlheim zu hospitieren. Seitdem ist sie sich sicher: Das ist der richtige Beruf für sie.

Ihre Begründung dafür klingt zunächst überraschend: "Ich wollte schon immer Kontakt mit Menschen haben." Dass diese Menschen tot sind, irritiert sie nicht. Schließlich seien da auch noch die Hinterbliebenen, um die man sich als Bestatter kümmere: "Ich kann gut mit Menschen reden." Etwas für sie tun zu können und auch für die Toten selbst, indem man für ein würdiges Begräbnis sorge, das sei doch eine erfüllende Aufgabe, sagt die 20-Jährige.

Ausbildung zur Bestatterin in Frankfurt: „Ich habe den Mut und die Kraft dafür“

Viele in ihrem Umfeld sehen das anders, schrecken zurück vor dem Tabuthema Tod. Etliche ihrer Freunde und Mitschüler hätten mit Unverständnis reagiert, erzählt Claudia Czerwinski. Ein "Psycho" sei sie, bekam sie zu hören. Auch ihr Vater versuchte sie zu überreden, einen anderen Weg einzuschlagen. Doch die junge Frau lässt sich nicht von ihrem Berufsziel abbringen: "Ich habe den Mut und die Kraft dafür, die andere nicht haben." Dass die Suche nach einer Ausbildungsstelle allerdings so schwierig sein würde, habe sie nicht erwartet, räumt die junge Frau ein.

Der Grund dafür: Nur wenige Bestatter-Betriebe bilden auch aus. "Es gibt deutschlandweit nur eine überschaubare Zahl an Lehrstellen", erklärt Willi P. Heuse, der sich beim hessischen Bestatterverband um den Bereich Ausbildung kümmert. Denn die meisten Firmen in der Branche seien Klein- und Kleinstbetriebe, oft geführt von Ehepaaren, die vielleicht noch eine oder zwei Aushilfen beschäftigten. Die Folge: Pro Jahr machen nur zwischen 150 und 180 Bestatter-Azubis ihren Abschluss - und zwar in ganz Deutschland. "Aktuell haben wir in Hessen über alle drei Lehrjahre hinweg vielleicht 20 Azubis", schätzt der Frankfurter Bestatter.

Berufswunsch Bestatterin: Suche von Frankfurterin nach Ausbildungsplatz geht weiter

Düstere Aussichten, von denen sich Claudia Czerwinski jedoch nicht abschrecken lässt. Nach dem Fachabitur werde sie sich wohl zunächst einen Nebenjob suchen, plant die 20-Jährige - "damit keine Lücken im Lebenslauf sind". Doch parallel dazu werde sie weiter nach einem Ausbildungsplatz als Bestattungsfachkraft Ausschau halten: "Ich gebe nicht auf." (Brigitte Degelmann)

In Zeiten von Corona haben sich auch die Bestattungen verändert. Trauerfeiern sind nur noch eingeschränkt möglich, Särge müssen draußen bleiben. Über das Finden neuer Rituale berichten zwei Bestatterinnen aus Frankfurt.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare