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GFFB-Geschäftsführerin Barbara Wagner (r.) und ihre Mitarbeiterin Maria Theresia Franz-Götz im World-Café im Frankfurter Gallus.

Integration

Beschäftigungsgesellschaft fordert größere Rücksichtnahme auf kulturellen Hintergund

Die Integration von Zuwanderern läuft schleppend. Aber woran liegt es, dass Zuwanderer in Deutschland oft unter sich bleiben? Bei der „Gemeinnützigen Frankfurter Frauen-Beschäftigungsgesellschaft“ (GFFB) – einer gemeinnützigen GmbH, die Arbeitslose fit für den Arbeitsmarkt macht – hat man dazu eine ganz eigene Theorie, wie Geschäftsführerin Barbara Wagner und ihre Mitarbeiterin Maria Theresia Franz-Götz klarmachen. Mit Redakteurin Sarah Bernhard sprachen die beiden darüber, was falsch läuft – und wie man es besser machen kann.

Die Integration von Zuwanderern läuft schleppend. Aber woran liegt es, dass Zuwanderer in Deutschland oft unter sich bleiben? Bei der „Gemeinnützigen Frankfurter Frauen-Beschäftigungsgesellschaft“ (GFFB) – einer gemeinnützigen GmbH, die Arbeitslose fit für den Arbeitsmarkt macht – hat man dazu eine ganz eigene Theorie, wie Geschäftsführerin Barbara Wagner und ihre Mitarbeiterin Maria Theresia Franz-Götz klarmachen. Mit Redakteurin Sarah Bernhard sprachen die beiden darüber, was falsch läuft – und wie man es besser machen kann.

Wenn Integration manchmal scheitert, ist das Ihrer Meinung nach nicht den Migranten anzulasten. Aber woran liegt es dann?

BARBARA WAGNER: Wir haben in Deutschland bis heute eine koloniale Grundhaltung. Wir sagen: Migranten müssen das und das wissen, damit sie sich integrieren können. Sie erhalten Lehrbücher mit Inhalten, bei denen zu wenig überlegt wurde, ob es einen Anknüpfungspunkt zum Leben der Migranten in ihren Heimatländern gibt.

Wie meinen Sie das?

WAGNER: In den Lehrmaterialien der Kurse vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) geht es zum Beispiel um das Thema „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“. Natürlich ist das in Deutschland ein vieldiskutiertes Thema. Aber in Eritrea wahrscheinlich nicht. Wenn ich von dort hierherkomme, brauche ich sehr viele Grundinformationen, um überhaupt einen Zugang zu den Fragestellungen zu entwickeln. Fehlen sie, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass ich das Gelernte schnell wieder vergesse, weil ich nicht an eigene Erfahrungen anknüpfen kann und die Informationen nicht verstehe.

MARIA THERESIA FRANZ-GÖTZ: Dazu kommt, dass viele erwachsene Migranten nicht gelernt haben zu lernen und dann einfach Frontalunterricht bekommen. Frauen müssen zudem oft ihre Kinder betreuen. Ausbildung oder Umschulung in Vollzeit, dazu noch ein Sprachkurs und keine geregelte Kinderbetreuung, das können Alleinerziehende nicht bewältigen. Die Förderinstrumente müssten an die Zielgruppe angepasst werden, nicht umgekehrt.

Wie könnte diese Anpassung aussehen?

FRANZ-GÖTZ: Wir brauchen mehr Teilzeitangebote und die Ausbildungszeit müsste verlängert werden, so dass die Betroffenen mehr Luft haben. Außerdem wäre es sinnvoll, flächendeckend eine Berufsausbildung mit integrierter Sprachförderung einzuführen. Das bedeutet, der Ausbilder und eine Sprachförderkraft arbeiten eng zusammen und bereiten zum Beispiel gemeinsam den Unterricht vor: Morgens lernen die Teilnehmer praktisch in den Schulungsstätten, am Nachmittag gibt es zwei Unterrichtseinheiten, in denen die sprachlichen Neuerungen des Morgens aufgegriffen und vertieft werden. Denn weder kann der Ausbilder grammatikalische Fragen beantworten noch der Sprachlehrer inhaltliche Fragen. Wir als GFFB setzen diese Zusammenarbeit bereits in zwei Pilotprojekten um, in anderen Einrichtungen gibt es das so nicht. Bei unseren Angeboten ist das Ziel auch nicht ein Sprachzertifikat, sondern ein Berufsabschluss mit Prüfung bei der IHK.

Warum?

FRANZ-GÖTZ: Arbeit ist ein wichtiger Aspekt, um in der Gesellschaft anzukommen und sich zu integrieren. In unserem Aktivcenter, das Langzeitarbeitslose auf Ausbildung oder Erwerbsarbeit vorbereitet, haben wir viele Migranten, die zwar ein Sprachzertifikat vorweisen können, aber keine Jobperspektive hatten. Sie sind in der Regel unter sich geblieben, weil sie es nicht geschafft haben, Kontakt zu Deutschsprachigen aufzubauen. Wenn man arbeitet, ist das anders. Arbeit ist soziale Teilhabe.

Neue Lehrbücher, neue Ansätze, zwei Lehrkräfte statt einer – wer soll das bezahlen?

WAGNER: Fachkräfte bekommt man nicht zum Nulltarif. Gerade in wirtschaftlich starken Zeiten sollte in berufliche Bildung und Berufsabschlüsse investiert werden. Außerdem kosten auch die BAMF-Kurse viel Geld, haben aber nicht den gewünschten Effekt. Untersuchungen zu den Integrationskursen zeigen: Es gibt viele Abbrüche, und die vermittelten Kenntnisse wirken nicht nachhaltig. Man könnte das Geld durch eine Verbindung von Sprach- und Fachlernen sinnvoller einsetzen.

Wer bezahlt eigentlich die beiden Frankfurter Pilotprojekte?

WAGNER: Wir werden vom Jobcenter Frankfurt, dem hessischen Sozialministerium und von der EU gefördert. Wir haben aber auch das Glück, dass die Gelder, die diese Förderung nicht abdeckt, vom Frankfurter Arbeitsmarktprogramm (FRAP) übernommen werden. Gerade in den Folgeprojekten wird die Sprachförderung aus kommunalen Geldern gezahlt. Das bedeutet allerdings auch: In Offenbach oder Bad Vilbel wären solche Projekte nicht möglich, weil diese Städte kein kommunales Arbeitsmarktprogramm haben. Aber das kann doch nicht Sinn der Sache sein! Die Fördermöglichkeiten müssten bundespolitisch gelöst werden, nicht kommunal. Wir sind seit Jahren aktiv, die Politik dafür zu sensibilisieren.

Offenbar mit mäßigem Erfolg.

WAGNER: Ein Problem ist sicherlich, dass die Sprachförderung beim Innenministerium und die berufliche Förderung beim Arbeitsministerium angesiedelt sind. Das eine Ministerium ist von der CSU besetzt, das andere von der SPD, das macht es zu einer schwierigen Konstellation. Es gibt zum Beispiel eine Verordnung, die es der Bundesagentur für Arbeit untersagt, in ihren beruflichen Bildungsangeboten Sprachförderung zu integrieren, die einen zeitlich höheren Umfang hat als die BAMF-Kurse. Ich hatte gehofft, dass die Bundespolitik nach der Wahl Sprachförderung und Arbeitsmarktpolitik unter dem Dach eines Ministeriums zusammenführt. Das wurde aber nicht einmal diskutiert. Wenn Sprache und Fachbildung nicht zusammenkommen, wird die berufliche Integration aber weiterhin deutlich erschwert sein.

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