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Luftschiffe lassen ihn bis heute nicht los: Egon Matthes mit Teilen seiner Sammlung.

Bescherung unterm Zeppelin

Wie der Frankfurter Egon Matthes 1939 ein ganz besonderes Weihnachtsfest erlebte

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Weihnachten im Jahr 1939 stand bereits unter den düsteren Vorzeichen des gerade begonnenen Krieges. Doch für den damals neunjährigen Egon Matthes gab es einen Lichtblick: Eine Weihnachtsfeier in der Zeppelinhalle mit Bescherung- und mit der Begehung eines der mächtigen Luftschiffe.

Der Weg zur Feier in der mächtigen Halle muss sehr finster gewesen sein. „Damals galten bereits die Heimatschutzmaßnahmen, zu denen auch die Verdunkelung des Flughafengeländes gehörte“, erinnert sich Egon Matthes, heute 88 Jahre alt. Doch in der Halle brannten die Adventskerzen und die Lichter am Weihnachtsbaum. „Es gab Geschenke und ich konnte mit meinem Vater sogar über einen Steg durch einen Zeppelin laufen.“

Klar, dass da das Herz des kleinen Egon höher schlug, der aus einer Lufthansafamilie stammte und schon 1938 mit dem Flugzeug JU 52 von Frankfurt nach Köln fliegen durfte. Später wollte er einmal als Kapitän ein Luftschiff oder auch ein Flugzeug steuern. Zumal der gebürtige Bub aus dem Gallus bereits in seiner Kindheit die mächtigen Zeppeline bewundern konnte, die nur rund 300 Meter über den Wohnvierteln nahe des Flugplatzes am Rebstock starteten und landeten.

Sanftes Brummen

„In einem dieser mächtigen Luftschiffe hätte der Kölner Dom zwei Mal Platz gehabt“, verdeutlicht Matthes die Dimensionen. Und verglichen mit dem Fluglärm heutiger Flugzeuge könne man bei den Zeppelinen eher schon von einem sanften Brummen sprechen. Doch 1936 war der Flugplatz auf das heutige Gelände auf dem Flughafen verlegt worden. „Und 1939 weckte mich mein Vater morgens mit den Worten: , Junge, wir haben Krieg.’“ Drei Monate später stand die Weihnachtsfeier an, doch die Stimmung war bedrückend, auch wenn die Propaganda Hoffnungen auf einen Blitzkrieg machte, der bald zum Frieden führen sollte.

„Auch meine Familie hoffte auf den baldigen Frieden, das Glück schien uns hold zu sein, denn Ende 1939 war mein Vater immer noch am Flughafen beschäftigt“, sagt Matthes.

Dass in der Zeppelinhalle die Weihnachtslichter brennen konnten, war aber auch einem anderen traurigen Ereignis geschuldet: Die Halle wurde für die Luftschifffahrt nicht mehr benötigt, die man zwei Jahre nach dem dramatischen Absturz der LZ 129 „Graf Hindenburg“ über Lakehurst nahe New York eingestellt hatte.

Verbotener Spaziergang durch den Zeppelin LZ 127 Graf Hindenburg

„Eine der beiden riesigen Hallen, in der Graf Hindenburg stand, war leer, und die zweite, in der unsere Feier stattfand, beherbergte das erfolgreichste aller Luftschiffe- die LZ 127 Graf Zeppelin“, erinnert sich Matthes. Und dann wurde es für den kleinen Egon wirklich Weihnachten: Zusammen mit seinem Vater wurde er von einem Kollegen nicht nur um, sondern sogar 200 Meter lang über einen Steg mitten durch das Schiff hindurchgeführt, was eigentlich verboten war. Doch das kümmerte den Bub damals wenig, der aus dem Staunen über den schier endlos scheinenden Marsch durch den mächtigen Bauch gar nicht mehr herauskam. „Der Zeppelin mutete von innen wie ein Gerippe an, wie ein Skelett“, erinnert sich Matthes.

Derweil wurde es an den festlich eingedeckten Tischen feierlich: Weihnachtslieder erklangen, Kaffee, Kuchen und Gebäck mundeten, und endlich kam es auch zur lange ersehnten Bescherung. Doch über das Geschenk muss Matthes heute noch schmunzeln: „Ein kleines U-Boot mit Federwerk-Antrieb, das in der heimischen Badewanne schon bald voll Wasser lief.“

Kurz darauf wurden die Hallen am Flughafen gesprengt

Am Ende der Feier blieb für Egon Matthes nur ein wehmütiger Blick auf die „Graf Zeppelin“. Wenige Monate später, so erinnert er sich, wurden die beiden Hallen am Flughafen gesprengt. „Und ich erlebte auch im Gallus die ersten Luftangriffe.“ Matthes’ Vater wurde trotz eines Brandunfalls am Flughafen zum Krieg eingezogen und starb 1944 im polnischen Tschenstochau. „Mein Wunsch, selbst Pilot zu werden, blieb letztlich unerfüllt“, räumt Matthes ein.

Aber er fand später Mittel und Wege, um schon bald als Passagier wieder zu fliegen: Er absolvierte bei der Deutschen Presseagentur eine Ausbildung zum Fotoreporter, flog erst in Militärmaschinen, und war auch 1955 mit an Bord, als die ersten zivilen Flugzeuge von Frankfurt nach München und zurück flogen. Ein Vergnügen, das er sich als Normalbürger nicht hätte leisten können. So gesehen wurde für Matthes im Beruf doch noch etwas von seinem Weihnachtswunsch der Kindheit wahr.

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