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Harald Welzer

Engagement gegen rechts

Bestseller-Autoren kämpfen für die offene Gesellschaft

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Zukunftsforscher Harald Welzer feierte 60. Geburtstag und beschäftigt sich wieder mit seinem alten Thema, der rechten Gefahr.

Auch die jungen Wilden werden älter. Harald Welzer, der neben Richard David Precht wohl bedeutendste Weltendeuter der Generation nach Peter Sloterdijk und Rüdiger Safranski, ist kürzlich 60 Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass bekam er von seinem Hausverlag S. Fischer eine Diskussionsrunde und dazu eine Festschrift geschenkt, also standesgemäß für einen Denker.

Welzer ist als Erforscher der NS-Vergangenheit bekanntgeworden und hat sich vor zehn Jahren, also mit 50, noch mal neu erfunden. Mit Büchern wie „Klimakriege“ und „Die smarte Diktatur“ wurde er zum bekannten Zeitgeist-Diagnostiker und Zukunftsforscher, der oft in Talkshows zu sehen ist.

Aber alle Erfolgsgeschichten haben einen Anfang. Das kann man sehr schön in der Festschrift „Welzers Welt“ (480 S., 12 E) nachlesen, wo neben Politikern wie Robert Habeck und Kollegen auch seine „Entdecker“ wie Historiker Norbert Frei und Fischer-Lektor Walter H. Pehle über Begegnungen und Gespräche mit dem Autor schreiben.

Aus Pehles Beitrag geht hervor, wie wichtig ein guter Titel für einen Bucherfolg sein kann. Welzers Vorschlag für seinen Erstling im Fischer-Verlag, der sich mit Familienüberlieferung zum Verhalten in der NS-Zeit befasste, klang eher nach trockener Dissertation als nach einem Buchtitel und wäre möglicherweise bald verramscht worden.

Doch die Überschrift, die man dann fand, war so einfach wie genial: „Opa war kein Nazi“. Der inzwischen schon fast sprichwörtlich gewordene Satz transportierte den Hang zur Beschönigung in vielen Familienlegenden schon im Titel. Das Debüt verkaufte sich sehr gut und katapultierte Welzer mit einem Schlag aus dem namenlosen Heer der Soziologen und Forscher auf die populärwissenschaftliche Bühne. Wenn Pehle und Frei den Autor an seine Anfänge erinnern, klingen sie ein wenig wie die einstigen Jugendtrainer, die den Fußballstar mahnen, nicht abzuheben und seine Wurzeln nicht zu vergessen.

Und das macht Welzer auch nicht. Weil er, wie er beim Symposium sagte, ähnlich wie zur Weimarer Zeit das rechte Denken auf dem Vormarsch sieht, gründete er eine Initiative für eine „offene Gesellschaft“. Das Motto heißt: „Nicht in meinem Namen“. Die Bürgerinitiative will verhindern, dass Deutschland wegen der Flüchtlingsfrage nach rechts abdriftet. Die fortschrittlichen Kräfte dürften sich nicht in die Defensive drängen lassen, mahnt Welzer, der eine gefährliche Konsensverschiebung sieht. Plötzlich sei es scheinbar erlaubt zu sagen, was früher nicht sagbar war.

Bei der Diskussion im Fischer-Verlag in Frankfurt-Sachsenhausen wies die Schweizer TV-Moderatorin Barbara Bleisch aber daraufhin, dass der Diskurs in Deutschland viel enger gefasst sei als in ihrer Heimat. Dort sei es im Streitgespräch gang und gäbe, „Asyltourismus“ zu sagen. Ein Wort, das hierzulande CSU-Ministerpräsident Markus Söder so um die Ohren geschlagen wurde, dass er versprach, es nicht mehr zu verwenden.

Der Philosoph Precht unterstützt auch Welzers Intention, findet es aber schlecht, von einer „Nein-Aussage („Nicht in meinem Namen“) auszugehen. Man müsste die Menschen eher für die gerechte Sache begeistern, als etwas zu verneinen. Er rief die „normative Kraft des Fiktiven“ aus, womit er den „gefühlten Fakten“ von rechts ein „positives Narrativ“ entgegensetzen will.

Die Intention, dieser neuen Denkfabrik ist sicher löblich. Aber es könnte sein, dass sie – ähnlich wie die Grünen – mit ihrer Kritik an allen Begrenzungen der Zuwanderung die Pflöcke so weit links einschlägt, dass sich die Mitte nicht angesprochen fühlt. Und die muss man doch gewinnen, wenn man nicht will, dass die Rechte stärker wird. Polarisierung –- auch das könnte man aus Weimar gelernt haben – ist Gift für die Demokratie.

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