Mit seinem langen Schwanz, erklärt Thomas Lehmann den Schülerinnen Ilham (Mitte) und Milinda, konnte dieses in der Grube Messel gefundene Urhuftier beim Klettern die Balance halten.
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Mit seinem langen Schwanz, erklärt Thomas Lehmann den Schülerinnen Ilham (Mitte) und Milinda, konnte dieses in der Grube Messel gefundene Urhuftier beim Klettern die Balance halten.

Zu Besuch in der Urzeit

  • Andreas Haupt
    vonAndreas Haupt
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Mammuts, Schmetterlinge, Riesenschlangen – und ein Besuch bei einem echten Urzeit-Forscher. Zwei Mal besuchte eine Gruppe aus dem Kinderzentrum Jaspertstraße das Senckenbergmuseum. Aus dem dort Erlebten entsteht ein Buch.

Die Augen der Kinder werden groß, als Thomas Lehmann vorsichtig den Deckel der großen, flachen Holzkiste entfernt. Drinnen liegt ein dunkles Skelett, etwas über einen Meter lang. „Eine Muschel? Eine Pflanze? Was ist das wohl?“, fragt er die kleine Runde. Ein Dino vielleicht, wegen der Kopfform, glaubt Robel (10). „Nein, es ist ein Säugetier“, klärt Lehmann auf, um hinterher zu schieben, dass die Antwort gar nicht so falsch gewesen sei. „Denn Dinos und Säugetiere haben eines gemeinsam: Sie haben einen Schädel, Beine, eine Wirbelsäule. Sie sind beide Wirbeltiere.“ In diesem Fall ist es ein Urhuftier, das vor rund 47 Millionen Jahren gar nicht weit von Frankfurt, an der Grube Messel, lebte.

Für die Hortgruppe des Preungesheimer Kinderzentrums Jaspertstraße ist der Besuch bei Lehmann etwas ganz besonderes. Eine Führung durch das Senckenberg-Museum hatten sie schon vor einigen Tagen, nun sind sie dort, wo normale Besucher nicht hinkommen: Hinter den Kulissen des Museums, bei den Forschern. Die Besuche sind Teil des Projekts „Buchkinder“. Dabei gestalten die Kinder aus den im Museum gesammelten Eindrücken in den kommenden Wochen ein eigenes Buch mit dem Titel: „Das haben wir in Senckenberg entdeckt.“

Als das kleine Urhuftier starb, seien die Dinosaurier schon ausgestorben gewesen, erklärt Lehmann, der beim Forschungsinstitut Senckenberg auf die Grube Messel und die dort gefundenen Säugetiere spezialisiert ist. „Sie starben aus, nachdem vor 65 Millionen Jahren ein großer Meteorit die Erde traf.“ Menschen seien dem kleinen Tier ebenfalls nie begegnet: Sie gibt es erst seit 100 000 Jahren.

Die Grube Messel, erklärt Lehmann, sei etwas ganz besonderes. Ein unterirdischer Vulkan habe das Wasser in der Erde stark erwärmt. „Es gab eine große Explosion, bei der ein tiefes Loch entstand. Das füllte sich mit Wasser und bildete einen See.“ Einige Tiere, die dort lebten, fielen nach ihrem Tod in den See und sanken auf den Grund. „Weil dort wenig Sauerstoff ist, wurden sie zu Fossilien. Weil es dort so viele gibt, ist die Grube Messel für uns Forscher so wichtig.“ Lehmann zeigt auf den grauen Schatten, der das Skelett des kleinen Tieres umgibt: Den Abdruck des Körpers. „Man erkennt sogar, dass es einen dicken, behaarten Schwanz hatte. Der half ihm, beim Klettern die Balance zu halten.“

Warum die Forscher denn die Fossilien untersuchen, will Lehmann wissen. „Damit wir schlauer werden“, sagt Tung Cin (10). „Klar, wir wollen wissen, wie es früher war“, erwidert Lehmann. Und was für Tiere lebten hier? Urpferde, Haie, große Straußenvögel, Krokodile – den Kinder fallen spontan diverse Tiere ein. „Habt ihr in Frankfurt schon mal ein Krokodile gesehen, außer im Zoo? Damals lebten hier viele große Krokodile. Es war das ganze Jahr über warm, 27 Grad. Sogar Palmen wuchsen hier“, erzählt Lehmann.

Zwei Stunden dauert der Besuch, bei dem die Kinder auch noch einmal verschiedene Tiere in den Ausstellungen des Museums anschauen. Dann geht es zurück nach Preungesheim, wo sie nachmittags die Eindrücke des Tages zu Papier bringen. „Was sie darüber schreiben, entscheiden sie selbst. Die Richtschnur ist: Was hat mich am meisten beeindruckt?“, erklärt Christine Quente, die das Projekt „Buchkinder“ leitet. Eine Doppelseite steht jedem Kind in dem Buch, das sie gestalten, zur Verfügung: Eine Seite für den Text, die andere wird bebildert. „Als nächstes gestalten die Kinder die Illustrationen, die wir im Moosgummidruck selbst drucken“, so Quente.

Ganz nebenbei lernen die Kinder kennen, wie ein Buch entsteht. „Sie machen mehrere Bilder und müssen – wie in einem Verlag – entscheiden, welches am besten zu ihrem Text passt.“ Auch lektorieren müssen sie, machen aus den zwei Texten über die beiden Museumsbesuche einen einzigen.

„Mit dem Projekt sollen die Kinder erleben, wie viel Spaß es macht, eigene Texte zu schreiben“, sagt Horterzieherin Lidya Ieshou. Auch sei es ein Erfolgserlebnis, dass sie am Ende des Projekts ihr eigenes Buch in der Hand halten – und dass sie nun mehr über das Senckenbergmuseum wissen als manch ein Erwachsener.

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