Die Neue Altstadt.
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Die Neue Altstadt.

Architekten

So bewerten Experten die neue Altstadt

Die auf dem Krönungsweg der Kaiser ist etwas europaweit Einmaliges. Sechs Jahre dauerte der Bau der 35 neuen Häuser, 200 Millionen Euro kostete er. Entsprechend exklusiv ist die Adresse. Etwa 20 Geschäfte werden in den nächsten Wochen eröffnet.

Die auf dem Krönungsweg der Kaiser ist etwas europaweit Einmaliges. Sechs Jahre dauerte der Bau der 35 neuen Häuser, 200 Millionen Euro kostete er. Entsprechend exklusiv ist die Adresse. Etwa 20 Geschäfte werden in den nächsten Wochen eröffnet.

Jeder will sie sehen, jeder durch die neue Altstadt gehen. Zwei Wochen nach der Eröffnung ist das Interesse so groß, dass die von Stadtführer Björn Wissenbach fast wöchentlich angebotenen Führungen noch bis zum 8. August ausgebucht sind. Wir haben mit vier Architekten darüber gesprochen, was sie vom Ensemble in Frankfurts Altstadt halten.

Ein Beitrag zeitgenössischen Bauens

Prof. Bernhard Franken: Erst die Zeit wird zeigen, ob das Dom-Römer-Projekt nur für die Touristen gebaut wurde oder ob es auch ein lebendiger Stadtteil für die Frankfurter Anwohner und die dortigen Geschäftsleute sein wird. Dann wird man erst sagen können, ob die rund 200 Millionen Euro auch gut ausgegebenes Geld waren.

Prinzipiell ist festzustellen, dass das Dom-Römer-Projekt keine Wiederherstellung von Geschichte, sondern ein Beitrag zum zeitgenössischen Bauen ist. Heute kann man bereits sagen, dass die entstanden Plätze und Straßen durch ihre Proportionen und Blickbeziehungen eine eigene Identität und Qualität haben. Aufgrund von Regeln und Gesetzen sowie den Kräften des Immobilienmarktes wird man das bei anderen zeitgenössischen Stadtplanungs-Projekten nicht mehr erreichen können. Dies sollte man als Anregung an Gesetzgebung und Investoren verstehen, vergleichbare Dichte, Fußläufigkeit und Komplexität zuzulassen und zu bauen.

Auch die 16 rekonstruierten Häuser, die von engagierten Architekten und Handwerkern gebaut wurden, haben Qualitäten, die viele der nicht-rekonstruierten Häuser kaum erreichen. Deren Retroarchitektur ist bis auf wenige Ausnahmen von erschreckender Mittelmäßigkeit. Unsere Stadtgesellschaft hatte an dieser Stelle nicht den Mut, einen relevanten Beitrag zur Gegenwart zu leisten.

Fassaden sind reines Showgeschäft

Marie-Therese Deutsch: Die 35 Häuschen stehen alle auf einem Betontablett. Denn es wurde eine Bodenplatte gegossen, auf dem die Häuser stehen. Man könnte das, was hier jetzt entstanden ist, auch in anderen Städten duplizieren, denn es gibt überall historische Vorlagen. Der Rückgriff in die Vergangenheit ist ja nicht fest definiert.

Trotz alledem gibt es besonders gut gelungene Transformationen, so zum Beispiel das Haus Markt 30 oder die Goldene Waage, die wohl eine der wichtigsten Rekonstruktionen ist. Die Qualität dieser Häuser ist sicherlich auch den ambitionierten Handwerkern zu verdanken. Für sie sind solche Aufträge sicherlich die reinste Freude, da sie dabei ihr handwerkliches Können zeigen können.

Ich will aber betonen, dass ich kein großer Freund der Rückgriffe auf die historisierenden Fassaden bin. Da arbeitet man mit Bildern, die reines Showgeschäft sind.

Man muss im Blick behalten, dass es in den Zeiten, als die Originale gebaut wurden, weder Kanalisation noch Lüftung oder Heizung gab. In Wirklichkeit wollen wir so etwas nicht wiederherstellen. Und man darf auch nicht vergessen, dass es für diese Nachbauten einige Besonderheiten bei der Bauaufsicht geben musste. Das ist für die Touristen allerdings nicht sichtbar. Man kann sagen: Es ist eine Altstadt entstanden, die ein städtisches Areal darstellt, das man sich im Original nicht wirklich wünscht.

Wie ein Erlebnispark zu betreiben

Jürgen Engel: Wir haben 2005 den Wettbewerb über das Altstadtareal gewonnen, mit dem Ziel, dass das Technische Rathaus abgerissen wird und die neu entstehenden Gebäude der Stadt keinen Cent kosten sollen. Allerdings kehrte sich die Stimmung um, so dass nur noch über Rekonstruktionen gesprochen wurde. Und mit der neuen Diskussion über die Altstadt mit ihren Rekonstruktionen war die Finanzierung kein Thema mehr. Dabei musste man viele Kompromisse eingehen. Allein die aktuellen Bauvorschriften erlauben nicht, so zu bauen, wie in der „richtigen Altstadt“ gebaut wurde.

Die vielen Touristen, die bald durch das Frankfurter Disneyland laufen, werden alle diese Einschränkungen nicht sehen. Zweifellos sind die Rekonstruktionen für die beteiligten Handwerker ein Aushängeschild ihres Könnens. Sie konnten beweisen, dass sie die Kompetenz haben, solche Projekte zu meistern.

Man kann außerdem gespannt sein, wie lange die Wohnungen, die ja kein preiswerter Wohnraum sind, von den Käufern trotz aller Enge und sonstigen Einschränkungen bewohnt werden. Das Gleiche gilt auch für die Geschäfte. Das heißt aber nicht, dass die neue Altstadt für Frankfurt nicht gut sein wird. Ganz im Gegenteil. Sie wird gut sein, doch wird man sie in Zukunft sicher wie einen Erlebnispark betreiben müssen.

Keine Renaissance städtischer Dichte

Stefan Forster: Heute muss man daran erinnern, dass in der Planungswerkstatt, die nach dem Wettbewerb für das Altstadtareal einberufen wurde, von kompletten Rekonstruktionen nicht die Rede war. Der angebliche „Volkswille“, der später mit viel Publicity clever vermarktet wurde, beherrschte die öffentliche Meinung. In Wirklichkeit waren es nur wenige, die sich an den Diskussionen beteiligten. Von denen ließ sich die Politik leiten. Damit hat auch Frankfurt ein „Elbphilharmonie-Problem“, da die Kosten von zunächst 140 Millionen Euro auf jetzt wohl insgesamt 200 Millionen Euro gestiegen sind.

Es wird sich wohl auch als Irrtum herausstellen, dass durch das Beispiel der neuen Altstadt die städtische Dichte eine Renaissance erleben könnte. Zwar wird durch die neue Altstadt Enge plötzlich als schön empfunden, weil alle Leute es toll finden, dass dort die Häuser eng zusammenstehen. Wenn aber in anderen Stadtteilen, etwa in der Platenstraße, zwei Geschosse höher gebaut wird, beschwören Nachbarn sofort das Gespenst der Verschattung. In der neuen Altstadt stört es dagegen niemanden, weil man es mit der Historie begründet.

Dennoch, die Altstadt wird ein riesiger Erfolg für Frankfurt, denn Japaner und Chinesen und alle anderen Touristen werden sich kaum daran satt sehen können. Und für sie ist das ein Original.

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