Das Wohnwagenlager neben dem Ostbahnhof: Hier entsteht ein Schutzzaun für Eidechsen. Dutt und Pony (r.) von den Wohnwagen-Bewohnern sind von den Arbeiten überrascht worden.
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Das Wohnwagenlager neben dem Ostbahnhof: Hier entsteht ein Schutzzaun für Eidechsen. Dutt und Pony (r.) von den Wohnwagen-Bewohnern sind von den Arbeiten überrascht worden.

Ostend

Abriss droht: Bewohner der Wohnwagensiedlung vor ungewisser Zukunft

  • VonSabine Schramek
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In Frankfurt leben junge Leute auf einem ehemaligen Parkplatz. Nun lässt der Eigentümer die Fläche für ein Bauprojekt roden. Der Konflikt spitzt sich zu.

Frankfurt – Seit 14 Monaten leben junge Leute auf dem ehemaligen Parkplatz neben dem Ostbahnhof in Bauwagen und Wohnwagen. Zwischen Eidechsen und Schmetterlingen haben sie sich in Frankfurt ein kleines Paradies geschaffen. Jetzt sind Bagger und Kettensägen angerückt.

Das Erwachen ist für Dutt (30) und elf weitere Bewohner des Wagenplatzes laut und bitter. Sommerflieder, Hagebuttenhecken und wilde Büsche rund um den Platz werden abgesägt, Holzpfosten und niedrige Bretterzäune in den Boden geschlagen. Grund des Rodens ist ein Echsenzaun. Mitte 2016 hatte der Hamburger Projektentwickler Evoreal das Grundstück von der Deutschen Bahn gekauft. Ein achtgeschossiger Neubau mit gewerblicher Nutzung einschließlich eines Hotels sollte hier entstehen.

Frankfurt: Bau am Gelände am Ostbahnhof umstritten

Im letzten Jahr lag bei der Bauaufsicht ein Antrag der Evoreal Holding für das Gelände vor, das laut Grundbuch Premier Inn gehört. Ein Mitarbeiter des britischen Unternehmens Whitbread, das wiederum Eigentümer der Premier Inn Hotels ist, steht mit dem eigens beauftragten Biologen Günther Sonntag am Hang an den Bahngleisen. "Die Mauereidechsen werden umgesiedelt. Darum bauen wir einen Reptilienschutzzaun", erklären sie den verdutzten Bewohnern. "Bis zum 15. Oktober soll das abgeschlossen sein."

"Vier Mal war der Biologe für etwa 15 Minuten hier", sagen Dutt und Pony, die ebenfalls hier wohnt. Ebenso wie der Mitarbeiter von Whitbread nennen auch sie nicht ihre vollen Namen. Sie fragen nach den Zauneidechsen, die ebenso unter Naturschutz stehen. "Die gibt es hier nicht", erklärt Sonntag und erntet ungläubiges Kopfschütteln. Noch vor einem Jahr hatte sich Volker Rothenburger, Leiter der Unteren Naturschutzbehörde, vor Ort ein Bild gemacht. "Hier leben Mauer- und Zauneidechsen, die nach der europäischen Flora Fauna Habitat-Richtlinie (FFH) streng geschützt sind", sagte Rothenburger damals. Er vermutete hier auch die Blauflügelige Ödlandschrecke und sagte: "Solche offenen Brachen sind wichtige Orte der Ruhe und Fortpflanzung der Eidechsen. Die Beeinträchtigung und Zerstörung solcher Ruhestätten ist verboten."

Frankfurt: Brache am Ostbahnhof soll wichtig für S-Bahn-Ausbau sein

Jetzt erklärt der Mitarbeiter von Premier Inn, dass Rothenburger in Kenntnis sei und die flächige Rodung in Abstimmung mit ihm liefe. "Die Eidechsen werden dann mit einer Art kleiner Angelschlaufe eingefangen", erklärt Sonntag.

Ruhig unterhalten sich die Aktivisten mit den beiden Männern. Sie wollen wissen, was jetzt passiert. Zum wiederholten Mal hören sie, dass die Brache vor allem für den S-Bahn-Ausbau und die Stadt wichtig sei und dass das noch zehn Jahre dauern könnte und es sich um eine planfestgestellte Maßnahme handele. Bereits beim Ankauf des gesamten Grundstücks standen der S-Bahn-Bau und die Pläne der Stadt fest. Der Mitarbeiter von Whitbread sagt ihnen, dass "es ausgeschlossen ist, von vorne bis hinten ein Hotel zu bauen".

Frankfurt: Abrissgenehmigung für die Wohnwagensiedlung am Ostbahnhof erteilt

Dennoch ist mittlerweile eine Abrissgenehmigung für das alte Bahnhofsgebäude erteilt worden, wie Mark Gellert, Sprecher des Planungsdezernenten Mike Josef (SPD) bestätigt. Über die weiteren Pläne möchte er keine Auskunft geben. Nicht nur die Bewohner des Wagenparks sind schockiert über die Rodung. In dem Gebäude leben Obdachlose, die regelmäßig Essen und Kleidung von den Aktivisten bekommen. Yanka Paschkova (66) ist eine von ihnen. "Was soll denn aus uns werden? Die müssen uns doch etwas sagen. Jetzt kommt der Winter und wir sind 15 bis 20 Leute, davon drei Frauen", so die Bulgarin, die als Toilettenfrau arbeitet. "Wir haben doch alle schon so viel Stress, um zu überleben und jetzt wird es auch noch kalt", sagt sie.

Genaues über die weitere Planung ist nicht zu erfahren. "Die Informationen kommen rechtzeitig", heißt es. Auch Rothenburger kommt auf die Brache, um mit den Bewohnern zu sprechen. Einen Kommentar will er gegenüber der FNP nicht geben. Der Soziologiestudent Dutt kommentiert nur kurz. "Es sieht nicht gut aus für uns und die Echsen." (Sabine Schramek)

Der Parkplatz am Ostbahnhof in Frankfurt ist seit einiger Zeit alternativer Lebensraum für Menschen, die sich die Mieten in der Stadt nicht leisten können.

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