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Fürs Städel ersteigert: ?Pluto? (1988), Radierung und Kaltnadel, mit Wasserfarbe getönt. Abb. (2): The Lucian Freud Archive/Bridgeman Images

Austellung im Städel

Im Bild die Wahrheit erkennen

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Länger als 40 Jahre währte die Maler-Freundschaft zwischen Frank Auerbach und Lucian Freud, bis zu dessen Tod. Jetzt zeigt sie das Städel – erstmals in Deutschland – zusammen.

Ein Mensch schreit in tiefster Not. Seine Gefühle kehren sich gleichsam nach außen. Der ganze Körper wird Ausdruck von Schmerz, Entsetzen, Empörung. Warum?

Die Geschichte um Francis Bacons Gemälde in den Gartenhallen des Städel lässt die Ölstudie selber außen vor. Sie konzentriert sich auf den reinen menschlichen Ausdruck. Jetzt zeigt das Museum in der Graphischen Sammlung „Gesichter“ von Frank Auerbach und Lucian Freud. Es ist eine mit wenig mehr als dreißig Werken kleine, aber äußerst intensive Ausstellung, und überdies die erste in Deutschland, die die beiden eng befreundeten englischen Künstler deutscher Herkunft einander gegenüberstellt. In gewisser Hinsicht knüpft sie an das Bacon-Gemälde, das nicht in der Ausstellung zu sehen ist, an, und zeigt, wie sich die Städel-Sammlung an dieser kunsthistorischen Nahtstelle entscheidend erweitert hat. Denn gleich mehrere Neuzugänge sind zu vermelden.

Erstens ein gezeichnetes Selbstbildnis von Frank Auerbach aus dem Jahr 2017. Erwerben konnte es der Städelsche Museums-Verein mit Mitteln der Jürgen-R.-und-Eva-Maria-Mann-Stiftung. Auerbach selber schenkte dem Frankfurter Museum eine Druckplatte. Ein Kölner Sammler hat dem Städel mehrere Druckgrafiken und Zeichnungen zu schenken versprochen. Und jüngst konnte das Städel dank der Mäzenatin Gisela Friederichs auf einer Auktion die Radierung „Pluto“ ersteigern – für 156 000 Pfund, wie die Christie’s-Homepage verrät. Ein Schenkungsfest also, das das stolze Bürgermuseum nun, garniert von zahlreichen weiteren Leihgaben, freudig präsentieren kann.

Wie dem Londoner Francis Bacon, mit dem Freud ein Vierteljahrhundert lang befreundet war, ging es auch den beiden Malern deutscher Herkunft darum, den Menschen in seinem existenziellen Wesen zu erfassen. Sie wandten sich nicht der abstrakten Malerei zu, wie das viele nach dem Zweiten Weltkrieg taten, sondern beschlossen, die grundlegende Erneuerung der Malerei voranzutreiben, ohne von der Figürlichkeit zu lassen.

Sehr unterschiedlich gingen die beiden dabei vor, was ihre Malweise anbelangt, und doch gibt es überraschende Ähnlichkeiten im Schaffensprozess: Beide porträtierten am liebsten Menschen aus ihrer nächsten Umgebung – Familie, enge Freunde, Bekannte. Und beiden mussten ihre Objekte oft dutzende, manchmal hunderte Male Modell sitzen. Die Kontinuität der Betrachtung, manchmal über Jahre, war für beide Künstler wichtig. Sie ermöglichte immer wieder neue Entdeckungen, mit einem forschenden, unsentimentalen und leidenschaftlich genauen Blick. Wen man nicht kenne, hat Freud einmal gesagt, könne man nur oberflächlich erfassen, wie eine Reisebeschreibung.

Lucian Freud (1922–2011) ist der eingängigere Künstler, Auerbach, geboren 1931, der experimentellere. Freud modelliert, was er zeigen will, auch in seinen Radierungen nahezu plastisch aus. Er präzisiert und verfeinert das Gemachte von Mal zu Mal. Auerbach hingegen, radikal, beginnt jede Sitzung von vorn. Gefällt ihm das Resultat der vorherigen nicht, radiert er aus und beginnt auf demselben Grund mit einem neuen Versuch. Sein Spiel mit den Linien ist eines vorsichtiger Annäherungen und immer wieder neuer Überschreibungen. Wie ein Zauberer modelliert er seinen Kopf im neu erworbenen Selbstporträt von 2017 gleichsam aus dem Nichts hervor. Einige wenige starke Striche geben Halt, der Rest ist subtile Andeutung, präzise allerdings noch im zartesten Strich.

Die beiden Künstler waren ein Leben lang Freunde und unterstützten einander. Freud nahm 1939 die britische Staatsbürgerschaft an, der elf Jahre jüngere Auerbach, dessen Eltern in Auschwitz starben, 1947. Beide verschrieben ihr Leben kompromisslos der Kunst, machten kaum je Urlaub. Von Auerbach, der als Workaholic gilt, heißt es, er lasse sich noch heute täglich 16 Fünf-Liter-Kanister mit Ölfarbe in sein Atelier liefern. Dass Freuds Pluto-Radierung so radikal beschnitten ist, dass nicht einmal der Kopf der Frau, neben der der Hund ruht, zu sehen ist, geht auf eine Anregung Auerbachs zurück. So konzentriert sich das Bild ganz auf die wie beiläufige und doch innige Vertrautheit, die in der Berührung von Menschenhand und dem schlafenden Tier aufscheint.

Bacons Schrei-Studie geht zurück auf den entsetzten Blick einer Krankenschwester bei einem Massaker in „Panzerkreuzer Potemkin“. Bei Auerbach und Freud ähnliche Ur-Erschütterungen der Verlassenheit zu vermuten, die sie ihr Leben lang unermüdlich zu Höchstleistungen trieb, liegt nahe.

Auerbach & Freud. Gesichter

Städel Frankfurt, Graphische Sammlung, Dürerstraße 2. Geöffnet Di–So 10 bis 18, Do + Fr bis 21 Uhr. Eintritt 14, Katalog 15 Euro

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