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Der frühere Ministerpräsident Roland Koch war von 2011 bis 2014 Vorstandsvorsitzender von Bilfinger.

Wirtschaft

Bilfinger: Ex-Landesvater Koch in Korruptionsskandal verwickelt

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Ein Aufseher des US-Justizministeriums hat den ehemaligen hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch (CDU) mit Korruption in Verbindung gebracht. Dieser bestreitet die Vorwürfe.

Der Anwalt Mark Livschitz erhebt laut „Spiegel“ schwere Vorwürfe gegen den früheren Vorstandschef des Industrie-Dienstleisters Bilfinger, Roland Koch. Koch, der von 2011 bis 2014 Bilfinger führte, habe sich wie seine Vorstandskollegen „an keine Regeln gebunden“ gefühlt und „strategische Entscheidungen in korruptionsempfindlichen Bereichen“ gefällt, „ohne die Korruptionsproblematik zu bedenken“, sagt Livschitz demnach.

Der Anwalt ermittelt im Auftrag des US-Justizministeriums beim Mannheimer Unternehmen. Es steht wegen eines Korruptionsfalls aus dem Jahr 2003 unter der Aufsicht der US-Justiz. Bilfinger-Mitarbeiter hatten damals zusammen mit einem texanischen Pipeline-Bauer nigerianische Regierungsvertreter bestochen. In einem juristischen Vergleich akzeptierte Koch 2013 sowohl eine Strafe über 32 Millionen Dollar als auch einen Aufseher. Unter dessen Kontrolle verpflichtete sich der ehemalige hessische Ministerpräsident, die Kontrollsysteme im Konzern auf Vordermann zu bringen.

Auch der heutige Aufsichtsrat von Bilfinger vertritt die Ansicht, dass Koch dieser Verpflichtung nicht nachgekommen ist. Im Februar kündigte das Kontrollgremium deshalb an, Koch und weitere Ex-Vorstände auf Schadensersatz in Höhe von 120 Millionen Euro zu verklagen. Offizielle Begründung: schwere Pflichtverletzungen – vor allem habe der Vorstand nicht, wie gefordert, ein ordnungsgemäßes Risiko-Kontrollsystem geschaffen. Die Anwaltskanzlei Linklaters komme in ihrem 300-seitigen Gutachten zu dem Schluss, dass Schadensersatzansprüche bestünden. Deshalb sei der Aufsichtsrat verpflichtet, den Ansprüchen nachzugehen, hieß es.

Der „Spiegel“ zitiert nun aus zwei vertraulichen Berichten, die Livschitz 2015 verfasste und die die vom Aufsichtsrat erhobenen Vorwürfe erhärten sollen: Die Firma, so Livschitz, leide an einem „ernsten Problem mit ihrer Unternehmenskultur, offenbar verdorben durch das Erbe ihrer früheren Spitzenmanager, die sich für Könige in ihren Schlössern hielten“. Im Umgang mit ihm habe die Riege um Koch „reine Lippenbekenntnisse für die Galerie“ abgegeben und „Schaufensterübungen“ geboten, um ihn „bei Laune zu halten“. Ernsthafter Aufklärungswille, so Livschitz, habe ihnen gefehlt.

In seinem Bericht wirft der US-Aufseher laut „Spiegel“ Koch vor allem vor, weltweit Firmen eingekauft zu haben, ohne ausreichend zu prüfen, ob sie sauber arbeiteten – viele davon in Ländern, in denen Korruption alltäglich sei. „Trotz evidenter Compliance-Risiken“, so Livschitz, „gibt es keinerlei Hinweise, dass derartige Themen im Vorstand in Erwägung gezogen wurden.“ Laut „Spiegel“ listet Livschitz dabei Dutzende Korruptionsverdachtsfälle auf, die auch in Kochs Zeit als Vorstandschef fielen.

Vom Urteil des US-Aufsehers hängen nicht nur mögliche Strafen gegen Bilfinger ab. Sollten die Amerikaner zu dem Schluss kommen, dass bei Bilfinger immer noch keine hinreichenden Kontrollen bestehen, droht dem Konzern auch ein Geschäftsverbot in den USA.

Roland Koch weist indes die Vorwürfe vehement zurück: „Wir weisen die in dem Artikel kolportierten Vorwürfe und Behauptungen als falsch und faktenmanipulierend zurück“, sagte sein Sprecher auf Anfrage dieser Zeitung. Offensichtlich beruhe der Informationsstand des „Spiegel“ zu großen Teilen auf alten Berichten des US-Aufsehers, die teilweise schon anderswo veröffentlicht worden seien. Diese seien heute teilweise überholt oder durch eigene Ermittlungen bei Bilfinger widerlegt worden. Die vom „Spiegel“ erhobene Unterstellung, dass Koch der Compliance eine zu geringe Bedeutung beigemessen habe, weise dieser mit aller Entschiedenheit als unwahr zurück. Der Sprecher: „Dass Herr Koch ganz im Gegenteil das Compliance-System entscheidend vorangebracht hat, geht aus einem Gutachten der Prüfungsgesellschaft Ernst & Young vom August 2013 hervor, das für den Prüfungsausschuss des Bilfinger-Aufsichtsrats erstellt wurde.“

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