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Binding-Betriebsrat in Frankfurt: „Haben die Hoffnung, dass man eine andere Lösung findet“

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Von: Steven Micksch

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Drei Mitglieder des Binding-Betriebsrats sprechen im Interview mit über die drohende Schließung des Brauerei-Standorts in Frankfurt und die Stimmung in der Belegschaft.

Frankfurt - Ende September gab die Radeberger-Gruppe bekannt, dass sie den Produktions- und Abfüllbetrieb an ihrem Frankfurter Standort, also der Binding-Brauerei, bis spätestens Oktober 2023 einstellen wird. Man wolle damit die wirtschaftlich stark belastende Überkapazität aus dem unter Druck stehenden Biermarkt nehmen. 157 Mitarbeiter:innen sind davon betroffen. Der Protest der Belegschaft war groß. Christian Schipniewski, Ilona Traband und Manfred Bonn vom Betriebsrat berichten, wie die vergangenen Tage waren und wie es weitergehen soll.

Herr Schipniewski, wie haben Sie sich gefühlt, als Sie gehört haben, dass am Standort Frankfurt Schluss sein soll?

Schipniewski: Große Schmerzen habe ich gefühlt, weil man über die Jahre mit den Menschen verbunden ist. Man ist mit fast allen per Du. Das bereitet körperliche Schmerzen, aber auch die Seele leidet. Es war nicht so einfach, das alles zu verdauen als Mensch. Es trifft einen ziemlich hart und zieht einen ganz schön runter.

Wie geht es den betroffenen Kolleginnen und Kollegen?

Traband: Das ist ganz unterschiedlich. Die älteren Kollegen hoffen, dass man kreative Lösungen findet, so dass sie noch in die Rente reinrutschen. Dann haben wir die jungen Kollegen, die sich Gedanken machen, wo sie jetzt unterkommen können. Und es gibt die Kollegen im mittleren Alter, die auch so ein bisschen Wut haben, weil 2018 eine Anlage aus dem Standort rausgenommen wurde und 88 Arbeitsplätze zur Diskussion standen. Wir haben es geschafft, dass keine Kündigung ausgesprochen werden musste. Die Kollegen haben jetzt vier Jahre lang Gas gegeben und sind wütend, dass ihre Leistung nicht wertgeschätzt wird, wenn die Aussage im Raum steht, dass an unserem Standort in erster Linie vermeidbare Kosten produziert werden. Das kam nicht gut an.

Die Stimmung ist im Keller. Wie kann man noch weitermachen?

Schipniewski: Die Motivation hat natürlich sehr gelitten. Wir versuchen bald mit einer Abteilungsversammlung die Motivation noch mal nach vorne zu bringen. Es wäre ein Super-GAU, wenn die Kollegen ihre Arbeit nicht mehr so wie vorher verrichten würden. Aber man kann nicht erwarten, dass sie künftig weiter am Limit sind. Jetzt müssen wir Seelentröster sein, obwohl es uns selbst nicht gutgeht.

Hat Sie die Entscheidung komplett überrascht?

Schipniewski: Die Geschwindigkeit der Entscheidung überrascht uns. Seit Beginn der Corona-Krise haben wir viele Gespräche im Gesamtbetriebsrat über die Schwierigkeiten geführt. Beispielsweise gab es Absatzverluste, weil die Gastronomie lange zu war. Wir sind überrascht, dass die Schließung nun als alternativlos dargestellt wird. Wir hätten erwartet, dass man sich mit der Belegschaft austauscht und nach Möglichkeiten sucht, statt gleich den letzten Schritt zu gehen.

Drohende Schließung von Binding in Frankfurt: „Bekommen große Solidarität“

Ist also alles entschieden und vorbei?

Schipniewski: Wir haben schon die Hoffnung, dass es gelingt, eine andere Lösung zu finden, wie auch immer die aussehen mag. Es ist die Kerze, die am Ende des Tunnels brennt. Das liegt auch an der großen und breiten Solidarität, die wir bekommen. Aus der Bevölkerung, der Stadt, dem Bund. Die Politik ist bemüht. Ich muss auch sagen, nach diesen Bekundungen schauen unsere Leute nicht mehr auf den Boden, sondern nach vorne. Dass es den Menschen außerhalb der Brauerei nicht egal ist, ist Balsam für die Seele.

Zur Person

Christian Schipniewski ist Vorsitzender des Gesamtbetriebsrats der Radeberger-Gruppe und Vorsitzender des Betriebsrats von Binding.

Ilona Traband ist stellvertretende Vorsitzende des Betriebsrats von Binding.

Manfred Bonn ist Betriebsratsmitglied am Standort Frankfurt und Schwerbehindertenvertreter der Radeberger-Gruppe.

Was könnte denn im Moment eine realistische Alternative zur Schließung sein?

Schipniewski: Für uns ist es ein bisschen schwierig, weil wir erst mal die Gesamtgemengelage kennen müssen. Wo liegt der Grund, und was könnten wir zu einer Lösung beitragen? Der Wirtschaftsausschuss im Gesamtbetriebsrat muss noch vollumfänglich mit allen Unterlagen, die zu dieser Entscheidung geführt haben, informiert werden. Dann können wir das Ganze prüfen. Sicher muss eine Lösung eine Mischung aus vielen Maßnahmen sein. Aber ob die gewollt sind, kann ich Ihnen nicht beantworten.

Bonn: Das Problem ist ja hausgemacht. Wenn man die Schließung nun mit einer Produktionsüberkapazität begründet, ist das Argument wohl richtig. Aber wie es entstanden ist, sollte man auch darstellen. In den zurückliegenden Jahren wurden sowohl eine Dosenanlage und eine Schubert-Anlage für Displays als auch eine Einweganlage an andere Standorte verlegt, 2018 eine Abfüllanlage hier stillgelegt. Wenn man alles verlegt, ist es klar, dass die Kapazitäten, die Frankfurt bietet, ungenutzt sind.

Jürgen Hinzer (l.) von der Gewerkschaft NGG steht dem Binding-Betriebsrat um (v.l.) Manfred Bonn, Ilona Traband und Christian Schipniewski im Konflikt zur Seite.
Jürgen Hinzer (l.) von der Gewerkschaft NGG steht dem Binding-Betriebsrat um (v.l.) Manfred Bonn, Ilona Traband und Christian Schipniewski im Konflikt zur Seite. © Rolf Oeser

Drohende Schließung von Binding in Frankfurt: „Wir stehen alle zusammen“

Ist es realistisch zu denken, der Konzern würde die Rolle rückwärts machen und die Schließung des Frankfurter Standorts zurücknehmen?

Schipniewski: Den Schritt zurückzumachen, wenn ich es schon verkündet habe, ist eine große Hürde. Das wissen wir auch. Aber was haben wir denn als Alternative? Wir haben Kollegen, die sind seit 30 Jahren im Betrieb und bei uns Facharbeiter, die haben aber keinen Facharbeiterbrief, weil sie beispielsweise Quereinsteiger waren. Das fällt denen auf dem Arbeitsmarkt auf die Füße. Sie fangen bei null wieder an, da hilft auch keine Abfindung. Es ist alles nicht so sozialverträglich, wie es schriftlich daherkommt.

Traband: Die Hälfte der 157 betroffenen Kollegen ist 55 Jahre oder älter. Die gehen nicht einfach aus Frankfurt weg und finden hier nur schwer etwas Neues.

Bonn: Und selbst die Kollegen um die 60, die vielleicht 35 Jahre gearbeitet haben und vier Jahre eher gehen könnten, hätten 14,4 Prozent Abzug auf die Rente. Und zahlen vier Jahre weniger in die Rentenversicherung ein, was nochmals Abzüge bedeutet. Das ist in unseren Augen nicht sozialverträglich.

Sie sind also kampfbereit?

Schipniewski: Das klingt immer so martialisch. Wir stehen aber alle zusammen, und uns geht es um die Solidarität. Wir haben uns entschieden, dass wir uns wehren wollen. Die Belegschaft will nicht, dass der Standort geschlossen wird.

Traband: Die Kollegen hier vor Ort, aber auch aus der gesamten Gruppe haben auch Ängste. Wenn man das jetzt hier macht, wann ist dann der nächste Standort dran, wann die Verwaltung, wann der Vertrieb? Die Kollegen aus den anderen Bereichen sehen das so: Sie kämpfen jetzt nicht nur für diese Arbeitsplätze, sondern auch für ihre eigenen.

Schipniewski: Wir schauen, welche Aktionen wir als nächste machen. Es geht uns nicht um Randale der Randale wegen, sondern um unser Ziel: Das Thema so zu fokussieren, dass man über die Schließung noch mal neu nachdenkt und sagt, vielleicht gibt es einen anderen Weg.

Interview: Steven Micksch

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