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„Birmingham ist niemals schöner“

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Der Eingang zum Weihnachtsmarkt, der 1997 initiiert wurde und viele Fans in Birmingham hat. FOTO: Sarah Bernhard
Der Eingang zum Weihnachtsmarkt, der 1997 initiiert wurde und viele Fans in Birmingham hat. © Sarah Bernhardt

Zum 23. Mal richtet Frankfurt den Weihnachtsmarkt in der englischen Stadt aus, doch die Zukunft ist ungewiss

Birmingham/Frankfurt -„Stro-scher, Stro-scher“, brüllen die vier angetrunkenen Jugendlichen in Richtung Bühne. Dort stehen Bürgermeisterin Maureen Cornish und Kurt Stroscher von der Frankfurter Tourismus&Congress GmbH (TCF) vor einem überdimensionierten roten Buzzer, mit dem in wenigen Minuten der Birminghamer Weihnachtsmarkt eröffnet werden soll. „Natürlich kennen wir Stroscher“, sagt James, der rund 40 Jahre jünger sein dürfte als das Herz von „Birmingam’s Frankfurt Christmas Market“. „In Birmingham ist er eine Legende.“

1997 hat der 65-Jährige, der mittlerweile pensioniert und als Mini-Jobber angestellt ist, den deutschesten aller Weihnachtsbräuche in die englische Stadt gebracht, elf Stände, als städtepartnerschaftliches Projekt. Außer 1998 und 2019 hat der Markt seitdem jedes Jahr stattgefunden - und war, bis vor Corona und Brexit - auf mehr als 100 Stände gewachsen.

In diesem Jahr sind es nur noch 54. Zum einen wegen der gestiegenen Kosten für Strom, Unterkunft und Waren. Statt 40 Pence wie bisher kostet der Liter Diesel für die Aggregate jetzt beispielsweise 2,20 Pfund. Zudem haben sich die Zollbestimmungen deutlich verschärft. Viele Standbetreiber hatten Mehrkosten, ein Stand wäre bis zur Eröffnung noch überhaupt nicht bestückt gewesen, weil die Ware in Luxemburg festhängt. Jetzt werden dort englische Wollprodukte verkauft. Und schließlich, weil es für Ausländer, die noch nie im Vereinten Königreich gearbeitet haben, mittlerweile quasi unmöglich ist, ein Visum zu bekommen.

Astrid Raadschelders aus Köln, die seit 19 Jahren in Birmingham dabei ist, musste deshalb die Zahl ihrer Stände auf sechs reduzieren. „Nur mit Aushilfen geht das nicht.“ Nicht nur, weil Engländer, genau wie Deutsche, wenig Lust haben, beim Aufbau zu helfen oder zwölf Stunden Frankfurter Würstchen zu braten, die in Birmingham eher einem Hotdog gleichen, auf den man von Jalapeños über geröstete Zwiebeln und Oliven fast alles streuen kann. Sondern auch, weil das Personal umfassend geschult werden muss: Die Bestimmungen, etwa zum Konsum von Alkohol, sind in Großbritannien deutlich strenger als in Deutschland. Unter 25 etwa bekommt man, theoretisch, nur ein alkoholisches Getränk, sowieso ist der Konsum von Alkohol nur innerhalb der Terrorpoller des Weihnachtsmarktes erlaubt.

Lieber Bier statt Glühwein

Anders als bei uns trinken viele Engländer lieber Bier statt Glühwein. Original Frankfurter Hofbräu, versteht sich. „Man muss sich ein bisschen an das Land anpassen“, sagt Stroscher. So finden sich auf dem Weihnachtsmarkt auch glitzernde Badeenten, bunte Lebkuchen oder After-Eight-Berliner, die in Birmingham „Berliner-gefüllte Donuts“ heißen. Und Hofbräu ist im Ausland eben deutlich bekannter als Binding. Ausgeschenkt wird es im extra kreierten Weißbierglas mit Henkel. „Die Engländer lieben Henkel.“ Und vermutlich auch, dass das Bierglas ein Pint, also 568 Milliliter fasst, während der Glühwein in 175-Milliliter-Tassen ausgeschenkt wird - die Frankfurt, passend zum Paulskirchenjubiläum im kommenden Jahr, als die Wiege der Demokratie preisen.

Das dürfte den Weihnachtsmarktbesuchern zumindest in diesem Moment relativ schnuppe sein. Von der Bühne schallt 80er Jahre Funk, „Glühwein ist zurück“, johlt der Moderator des lokalen Radiosenders, die Besucher jubeln und schwenken ihre Gläser. Dann zählt er herunter, bei null drücken Stroscher, Cornish und er den Buzzer und die Lichter gehen an. „Frankfuuuuuurt“, brüllen James und seine Kumpels.

„Wir lieben den Markt“, sagt neben ihm Matthew. Die Eintracht und den Song „Ich und mein Holz“ übrigens auch. Matthew und James wohnen nur ein paar Gehminuten entfernt, seit acht Jahren verbringen sie in der Vorweihnachtszeit fast jeden Abend auf dem Markt, den Bürgermeisterin Cornish als „den größten außerhalb von Deutschland und Österreich“ bezeichnet. „Wissen Sie“, sagt Matthew weiter. „Birmingham hat so ein schlechtes Image. Und dann kommt jemand zu uns, in diese kleine Stadt, und macht sowas. Jedes Jahr wieder. Und schauen Sie sich um, die Lichter, die Atmosphäre.“ Er dreht sich einmal um sich selbst. „Birmingham ist niemals schöner.“

Angemacht hat die Lichter nicht der rote Buzzer, sondern Alexander Goetzke. Er ist quasi Stroschers rechte Hand, hat viele der Hütten und Unterstände selbst gebaut, aus echtem Holz. Und er hat aus 280 Einzelfichten den riesigen, namenlosen Weihnachtsbaum vor dem Rathaus zusammengebastelt. „Natürlich sind die aus Deutschland importiert, wir sind doch ein deutscher Weihnachtsmarkt“, sagt er, fast etwas empört. Zwischen Baum und Unterstand blinken, anders als in Deutschland, bunte Werbebildschirme. „Mussten wir machen, die gehören der Stadt“, sagt Goetzke.

Verhandlungen über Gebühren

Denn die wolle neuerdings am Weihnachtsmarkt mitverdienen, sagt Stroscher. Nicht nur durch die Bildschirme, sondern auch durch höhere Zahlungen. Bisher kam die TCF immer ungefähr bei null heraus, plus den enormen touristischen Werbeeffekt, den der Markt für Frankfurt habe. „Wenn die Stadt mehr will, lohnt sich das für uns nicht mehr“, sagt Stroscher. Deshalb hat er bereits mit allen Birminghamer Stadträten, die er persönlich kennt, Termine ausgemacht, um zu verhandeln. Wenn er scheitert, werden James und seine Kumpels im kommenden Jahr wohl keinen Weihnachtsmarkt mehr haben, auf dem sie die deutsch-englische Freundschaft feiern können.

Sarah Bernhard

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