"Irgendwann in der Nacht kriechen wir hier raus": Zwei Wahlhelferinnen haben noch stapelweise Umschläge vor sich.
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"Irgendwann in der Nacht kriechen wir hier raus": Zwei Wahlhelferinnen haben noch stapelweise Umschläge vor sich.

Kommunalwahl in Frankfurt

Bis sich die Hände rosa färben

  • vonSabine Schramek
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Unermüdliche Helfer in der Messehalle öffnen tonnenweise Umschläge, prüfen und sortieren.

Frankfurt -An der Messe Schlange zu stehen, ist selten geworden. Am Wahlsonntag gibt es gleich zwei. Eine für Corona-Impfungen in der Festhalle und eine für 1300 Wahlhelfer, die auf 38 000 Quadratmeter Fläche die Briefwahlunterlagen sortieren, prüfen und zählen. Nicht nur Corona macht das Auszählen kompliziert, sondern auch die Tatsache, dass Unterlagen in fünf Kategorien sortiert werden müssen.

Bis Samstagabend sind 131 000 Wahlbriefe angekommen, die alle in großen versiegelten Tonnen zur Messehalle transportiert werden. 169 808 Mal wurden in Frankfurt zur Kommunalwahl Briefwahlunterlagen angefordert. Bereits vor 14 Uhr geben die Helfer ihre Unterlagen ab und füllen Zettel aus, die bestätigen, dass sie keine Erkältungserscheinungen haben, nicht positiv getestet sind und nicht in Risikogebieten waren.

Die Halle, in der sich alle wiederfinden, ist gigantisch. "Der Platz ist doppelt so groß wie beim letzten Mal", sagt Oliver Becker, Leiter vom Bürgeramt, Statistik und Wahlen. Seit Sommer wurde geplant. Zehn Meter lange Tische mit je neun Stühlen stehen in Reih und Glied, der jeweilige Wahlkreis steht an den Seiten. Es riecht nach Desinfektionsmittel, es herrscht durchgängiges Gemurmel. Jan Schneider (CDU), Dezernent für Wahlen, macht sich ein Bild. "Diese Wahl findet unter großen Herausforderungen statt", sagt er und betont, dass sich bereits am Morgen lange Schlangen vor Wahllokalen gebildet hatten.

Junge Männer und Frauen fahren mit Gepäckwagen gelbe Postkisten voller rosa Umschläge, schließen die Tonnenurnen auf, füllen noch mehr Briefwahlunterlagen ein und verschließen sie wieder mit einem Vorhängeschloss. Immer wieder fahren Transporter an die Messehallen und liefern weitere Urnen. Um 15.08 Uhr werden sie geöffnet und auf die Tische verteilt. Berge in Rosa werden doppelt auf die richtigen Wahlkreise überprüft. Stimmen sie nicht werden sie bei der Wahlleitung abgegeben. Rekord beim Öffnen ist der Wahlkreis 939-00 mit 1806 Briefwahlunterlagen. "Ich sterbe", sagt eine junge Wahlhelferin mit Blick auf die Umschlagberge. "Damit werden wir nie fertig und irgendwann nachts rauskriechen", sagt sie. Sie ist zum ersten Mal dabei und nervös. "Ich will nichts falsch machen. Demokratie und Wahlen sind so wichtig." Wie im Akkord werden bis kurz vor 18 Uhr alle Umschläge vorsortiert, geprüft, mit Meldelisten verglichen, auf Gültigkeit betrachtet und danach sortiert nach nur Kommunaler Ausländervertreter (KAV)-Wahl, nur Stadtverordnetenwahl, Stadtverordnetenwahl und Ortsbeiratswahl, Stadtverordneten-, Ortsbeirats- und KAV-Wahl sowie nach Stadtverordnetenwahl plus KAV-Wahl. Die Stapel auf den Tischen werden höher.

Auch die Stimmen von Verstorbenen zählen

Gerissene Umschläge werden aussortiert, offenbar zweimal verklebte ebenfalls. "Wir stimmen im Team ab, ob wir sie zählen. Falls nicht, werden sie zum Wahlamt geschickt, die dann die Schlussentscheidung treffen", erklärt ein Helfer. Mit Brieföffnern werden die Umschläge aufgeschlitzt. Auf einer Negativliste wird verglichen, ob die Wähler stimmberechtigt sind. "Zwischen Anforderung der Briefwahl und eventuellem Tod eines Wählers kann Zeit vergangen sein", so Christan Stein von der Briefwahlleitung. "Ist nach dem Tod erst gewählt worden, kann der Stimmzettel nur manipuliert worden sein."

Die Hände der Helfer färben sich beim Aufschlitzen der Umschläge pink. "Das geht auch nicht mit Desinfektionsmittel ab", sagt eine Frau. "Dann sieht man wenigstens, dass gearbeitet wurde", antwortet ein Mann. Sie zählen die Wahlbriefe und tragen die Zahlen in Listen ein. Unermüdlich. Selbst um 18 Uhr, als die Wahllokale schließen, wird sortiert und darauf gewartet, dass auch noch die letzten Briefwahlunterlagen in die Messehalle kommen.

Die Umschläge für die Ortsbeiräte werden in den Urnen verstaut. Die Wahlhelfer, die wenige Briefwahlumschläge hatten, können entspannen, packen Thermoskannen und Brötchen aus. Die Wahlumschläge dürfen erst geöffnet werden, wenn der letzte Wahlbrief da ist. Die Ungeduld wächst. Viele Wahlhelfer müssen am nächsten Morgen arbeiten. Um 20.35 Uhr endlich die Durchsage: "Die Auszählung kann beginnen." In der Messehalle brandet Applaus auf. Alle stürzen sich an ihre Plätze und beginnen, die Umschläge für die Stadtverordnetenversammlung aufzuschlitzen. Es folgt die Durchsage, zuerst die für die KAV zu zählen. Bis mindestens Mitternacht wird gezählt, werden per Hand Strichlisten angefertigt. Sabine Schramek

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