Er baut auf die einigende Kraft des christlichen Glaubens - besonders in Krisenzeiten wie diesen. In seiner Karlsamt- Predigt im Frankfurter Dom verschwieg der Magedburger Bischof Gerhard Feige freilich nicht, dass die jüngsten Sünden der katholischen Kirche viele Gläubige erst entzweit haben.
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Er baut auf die einigende Kraft des christlichen Glaubens - besonders in Krisenzeiten wie diesen. In seiner Karlsamt- Predigt im Frankfurter Dom verschwieg der Magedburger Bischof Gerhard Feige freilich nicht, dass die jüngsten Sünden der katholischen Kirche viele Gläubige erst entzweit haben.

Karlsamt im Frankfurter Dom

Bischof Gerhard Feige klagt die Sünden der katholischen Kirche an

  • vonGernot Gottwals
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Die Menschen wenden sich von der Kirche ab. Und doch brauche das in Krisen zerriebene Europa die Einheit der christlichen Seele mehr denn je, predigte der Magdeburger Bischof beim Karlsamt.

Frankfurt -Silvester ist längst vorbei. Doch zu Beginn des Karlsamtes überrascht Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) unüblicherweise mit seiner eigenen Botschaft: "Dass das Karlsamt stattfindet, ehrt unsere Stadt und ist für mich so etwas wie ein kleines Neujahrswunder." Gedacht werde jedoch dem "Vater Europas, der seine Familie oft mit Gewalt zusammenführte."

Stadtdekan Johannes zu Eltz freut sich über Feldmanns Unterstützung, wie wird der Magdeburger Bischof Gerhard Feige reagieren? Tatsächlich musste das Aachener Karlsfest, das historische Vorbild für die Frankfurter Tradition, bereits im Vorfeld wegen der Corona-Pandemie abgesagt werden.

Gebet für herzkranken Amtsbruder

Doch auch im Kaiserdom Sankt Bartholomäus schlägt sich die veränderte Stimmung nieder: Die Reihen in der Prozession und den Gemeindebänken sind gelichtet, Stadtdekan Johannes zu Eltz ruft zum Gebet für seinen evangelischen Amtsbruder Achim Knecht auf, der mit Herzinfarkt im Krankenhaus liegt und von Prodekanin Ursula Schön vertreten wird.

Auch für die Domkantorin Hermia Schlichtmann, die anstelle ihrer Vorgängerin Bjanka Ehry die Karlssequenz und die Kaiserlaudes mit Lobgesang auf die königliche Stadt und Bittrufen für Kirche, Papst, Bischof und das deutsche Volk anstimmen sollte, müssen die Kollegen Peter Reulein und Johannes Wilhelmi krankheitsbedingt einspringen. Im melodischen Wechselgesang singen die beiden Baritone die Liturgie und die Kirchenlieder, wo sonst die Gemeinde vollmundig einstimmt.

Auch für die maskierten Zelebranten sind Liturgie und Predigt ein Wechselbad der Rituale zwischen Weihrauch und Desinfektionsmitteln. Bischof Feige verweist in der Predigt auf den Paukenschlag, mit dem Jesus im Markusevangelium in die Öffentlichkeit tritt: Er treibt böse Geister aus und legt das Wort Gottes authentischer aus als die Schriftgelehrten. Auch Karl der Große hatte seine Vision vom christlichen Europa. "Aber der Kaiser konnte sein Reich nur durch rücksichtslose Machtpolitik aufbauen", räumt Feige ein.

Rund 1400 Jahre später zeigen der Brexit, rechtsradikale Ressentiments und Übergriffe in der Corona-Krise sowie der Sturm auf das Capitol in Washington, dass die Welt und Europa als Kultur- und Wertegemeinschaft mit christlich-jüdischem Erbe erneut vor einer schweren Prüfung stehen. "Doch immer wieder stellen Versagen und Sünden, ja sogar Skandale und Verbrechen unsere Glaubwürdigkeit in Frage. Aktuell gehören dazu der sexuelle Missbrauch Minderjähriger und mancher willkürlicher Umgang mit Macht dazu", sagt Feige.

Bereits im Domgespräch mit dem Leiter des Hauses am Dom Joachim Valentin betont er die Bedeutung der Ökumene in Europa: Feige blickt auf einen einjährigen Studienaufenthalt noch zu DDR-Zeiten in Rom zurück, war als Student auch in Rumänien und Bulgarien. Für den Vorsitzenden der Ökumenekommission der Deutschen Bischofskonferenz ist deshalb der Dialog mit der orthodoxen Kirche ebenso wichtig wie mit der evangelischen Kirche. "Unsere große Hoffnung ist, dass der Ökumenische Kirchentag in Frankfurt in geeigneter Form stattfinden kann", betont er.

Von der Freiheit, die Kirche zu meiden

"Zu DDR-Zeiten sind wir als Gläubige beider Kirchen enger zusammengerückt, die der Staat als Horte bürgerlich-kapitalistischer Reaktion bekämpft hat." Doch die Hoffnung, dass nach der Wende die Katholiken und Protestanten den Weg zurück in die Kirchen finden, habe sich angesichts einer zu 80 Prozent konfessionslosen Bevölkerung im Bistum Magdeburg keineswegs erfüllt. Im alltäglichen Dialog müsse die Kirche akzeptieren, dass auch Konfessionslose ihren Sinn im Leben und ihren Weg finden, um mit Schicksalsschlägen umzugehen.

Feige fordert mit den Worten von Papst Johannes Paul II., Europa solle beginnen, "mit beiden Lungenflügeln zu atmen", alte Gegensätze zu überwinden und angesichts von Corona-Krise und Migration Brücken zwischen den Völkern Europas zu bauen. Denn das moderne Europa werde nur bestehen, wenn es seine religiöse und auch christliche Seele wiederentdecke. Dann werden auch Frieden und Freiheit dauerhaft einkehren können.

Dass eine friedliche und freiheitliche Gesellschaft auch in Frankfurt gelingen kann, daran lässt Feldmann keinen Zweifel: "Denn Frankfurt war durch seine Geschichte als Messestadt in Europa schon immer weltoffen orientiert, heute leben hier Menschen aus 180 Nationen zusammen", so der Oberbürgermeister zu Beginn des immerhin 1500- mal angeklickten Karlsamtes.

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