Zum Karlsamt im Frankfurter Dom finden sich jedes Jahr über 1000 Menschen ein.
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Zum Karlsamt im Frankfurter Dom finden sich jedes Jahr über 1000 Menschen ein.

Domgespräch anlässlich des Karlsamts

Bischof warnt vor Zersplitterung Europas

  • VonGernot Gottwals
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Nach dem Brexit warnt der eremitierte Pilsener Bischof František Radkovský vor einer weiteren Zersplitterung Europas, dem wichtigsten Vermächtnis Karls des Großen.

Schon ab dem Mittelalter bekam die kulturelle und religiöse Einheit Europas Risse: Der Trennung von katholischer und orthodoxer Kirche folgte die Reformation, später bedeuteten die Französische Revolution und schließlich der Kommunismus gravierende Einschnitte. „In den vergangenen 40 Jahren haben dadurch viele Europäer ihre christliche Solidarität verloren und sind zu Egoisten geworden“, kritisierte der erimitierte Pilsener Bischof Franti?ek Radkovský im Domgespräch anlässlich des Karlsamts.

Eine Entwicklung, die in den Staaten der Visegrád-Gruppe noch besonders nachwirke, zu denen Polen, Tschechien, die Slowakei und Ungarn zählen. Was sich auch an der Statistik des „säkularisierten“ Bistums Pilsen zeige: Von den 834 000 Einwohnern bekennen sich nur 145 000 zur katholischen Kirche, die Quote der Katholiken in Tschechien liegt bei nur 10,4 Prozent. „In Pilsen haben wir aber bedeutende katholische Bildungseinrichtungen vom Kindergarten bis zum Abitur, außerdem bietet die Kirche viele Kulturveranstaltungen, zu denen auch Weinproben gehören“, zeigte sich Radkovský hoffnungsvoll.

Der Glaube muss reifen

Doch mit dem Glauben sei es wie dem Wein: „Die katholische Kirche wurde ab 1948 bis zum Ende des Sozialismus unterdrückt. Nun muss der Katholizismus bei uns wieder reifen, das dauert Generationen.“ Als entspannt bezeichnete Radkvovksý das Verhältnis der katholischen Kirche in Tschechien zu den rund 3900 Juden, gemeinsame Gedenkveranstaltungen an den Abtransport nach Theresienstadt 1943 gebe es ebenso wie an die Befreiung von Auschwitz am 27. Januar 1945.

Eine wichtige Chance zur christlichen Erneuerung in Europa sieht der eremitierte Bischof im Lutherjahr, das ein Christusjahr sein müsse.

Auf Anfrage erklärte er, der böhmische König Karl IV. spiele für Tschechien eine vergleichbare Rolle wie Karl der Große für Europa: „Er ist für uns der Vater des Vaterlandes.“ Karl IV., der in der Goldenen Bulle Frankfurt als Ort der deutschen Königswahlen festlegte, erhob Prag zum Erzbistum, gründete die Prager Karlsuniversität und gilt als Bauherr zahlreicher Monumente wie des Prager Veitsdoms und der Burg Karlstein.

In der Predigt zum Karlsamt im Kaiserdom, das mit seiner traditionellen Liturgie nach Aachener Vorbild rund 1100 Gläubige anzog, beleuchtete Radkovský die Kulturgeschichte Europas, das sich bereits zur Zeit Karls des Großen in einen westlichen und einen östlichen Teil mit den Zentren Rom und Konstantinopel (heute Istanbul) zu teilen begann. Als einen Meilenstein werten Kirchenhistoriker heute die von Karl einberufene Synode von Frankfurt im Jahr 794, in der die in der östlichen Kirche übliche Bilderverehrung abgelehnt wurde.

„Der östliche byzanthinische Teil Europas wurde wiederum von den Türken vernichtet, und an Stelle von Konstantinopel trat Moskau als sogenanntes drittes Rom“, sagte Radkovský. Damals konnte der Islam zum ersten Mal Fuß auf dem europäischen Kontinent fassen. Heute stünden den Europäern neben dem Christentum viele Religionen und Strömungen zur Verfügung, darunter der Buddhismus, die Esoterik und die New-Age-Bewegung. „Doch unter dem massiven Einfluss der islamischen Immigration beginnen die Leute, sich wieder an ihre europäische Identität zu erinnern.“

Wider die Zersplitterung

Doch an die Stelle der christlichen solidarischen Liebe als Fundament für ein vereinigtes Europa sei vielerorts der Egoismus der Einzelnen mit exzentrischen Tendenzen getreten. „Der Brexit war der erste und muss in der Zersplitterung der Europäischen Union nicht der letzte Schritt gewesen sein“, warnte Radkovský. Dem gelte es durch eine Erneuerung der christlichen solidarischen Werte entgegenzuwirken und das kulturelle und religiöse Erbe des Frankenkaisers zu bewahren: „Denn das Heilige Römische Reich Karls des Großen trägt den Namen Europa.“

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