Ein Blick in die Vergangenheit

  • schließen

Der Künstler Christian Appel hat einen besonderen Blick für das Nebensächliche. Während gegen die Europäische Zentralbank demonstriert wird, zeigt er in einem Esszimmer einen vergangenen Teil der Großmarkthalle: Fotos und Modelle der abgerissenen Hallenhütten.

Das Fenster in Ralf Beckers Esszimmer gewährt einen imposanten Blick auf die Zukunft der Großmarkthalle: Vor der Frankfurter Skyline steht, isoliert und für sich, der gläserne Turm der Europäischen Zentralbank, welcher sich aus dem Relikt der Großmarkthalle über den Frankfurter Ostend erhebt. Das wirklich Besondere an Beckers Esszimmer ist aber, dass es Teil einer privaten Kunstgalerie ist und daher einen Blick auf die Vergangenheit der Großmarkthalle erlaubt: Er stellt Fotografien und Modelle der Hallenhütten aus, die von den späten 1950er Jahren bis zum Anfang des Jahrtausends vor der Markthalle standen und damit Teil einer Architektur-Ikone waren, welche gleichsam ein Symbol für den Handelsplatz Frankfurt und für das Grauen des Nationalsozialismus darstellt. Von dort aus nämlich verkauften Frankfurter Landwirte und Händler jahrzehntelang ihr Obst und Gemüse – und von dort wurden im dritten Reich (1933-45) Juden in Konzentrationslager geschickt.

Über den umstrittenen Neubau der EZB hat der Künstler Christian Appel (60), der drei Jahre lang den Abbruch der Hallenhütten dokumentierte, keine Meinung. „Ein neues Hochhaus halt“, sagt er lapidar. Er finde „kleine

Alltagsgeschichten

“, die sich in einer Stadt entdecken lassen, viel interessanter. Seine Arbeit drehe sich um Nebensächliches wie „aufgegebene Zwischenräume“: Ehemalige Gleisanlagen oder urbane Peripherie, die „nicht mehr Land, aber noch nicht Stadt“ sei. Aus künstlerischer Perspektive, erzählt Appel, liebe er Kleingartenanlagen und Slums – oder natürlich die Hallenhütten.

Innerhalb der Ausstellung wird Appels Herangehensweise besonders deutlich: Eine Serie von 17 Fotografien taufte er „verbotene Blicke“, weil er heimlich das Innere der Hütten ablichtete, das darin herrschende Chaos oder eine bestimmte Ordnung, Poster mit nackten Frauen über Gemüsekisten und anderes. Viele Hütten bestanden aus Baumaterial, das der Schalterhalle des Hauptbahnhofs nach dessen Umbau entnommen wurde. Die Händler, die Appels Sinn für das Nebensächliche nicht teilten, hätten überhaupt nicht verstanden, was man zwischen den Hütten suchen könne außer Gemüse, berichtet der 60-Jährige: „Die haben mich angeschaut, als wäre ich gestört, weil ich nicht fragte, was der Kopfsalat kostet, sondern wie alt die Hütte ist.“

Es sei schwierig gewesen, mehr als einen halben Satz von den Händlern zu erfahren, aber spannend, die unterschiedlichen Persönlichkeiten zu beobachten. Letzten Endes, als die Schließung der Großmarkthalle die Händler zur Aufgabe der Hütten zwang, sei die Stimmung in Verzweiflung und Wut gekippt, weiß Appel: Der Gütertransport per Laster sei nicht mehr aufrecht zu erhalten, habe die Stadt zur Begründung gesagt. Die Händler sollten ins Frischezentrum nach Kalbach wechseln, allerdings sei der Einkauf eines Handelsplatzes teuer gewesen. Ob es einen Zusammenhang mit dem schweren Brand im Jahr 2003 gab, der einige Hütten vernichtete, sei bloße Spekulation, erklärt Christian Appel – der die Hütten zwar nicht vor den Flammen und dem Abriss, aber doch vor der Vergessenheit bewahren konnte: Seine kleinen Modelle, die er kunstvoll nach Fotografien anfertigte, bilden die Hütten mit all ihren Nebensächlichkeiten wie zusammengekehrtem Müll und Kistenstapeln ab. „Kunst stößt zum Nachdenken an. Sie bringt uns mit Dingen in Berührung, die man sonst nicht beachtet“, sagt der Kunstsammler Becker, dessen Wohnzimmer mit der Ausstellung zur Galerie wird.

Die Ausstellung „Hallenhütten“ ist ab morgen, 20 Uhr, bis zum 11. Mai im Ausstellungsraum Becker, Balduinstraße 35, zu sehen. Öffnungszeiten immer montags ab 20 Uhr oder nach Vereinbarung unter (0163)6 08 11 79, weitere Informationen unter .

(peh)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare