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Frankfurt am Main, 29.10.2018, Stadtteil Gallus, Messehalle 5, Evakuierung wegen Bombenfund im Europaviertel. Der Abend für Bürger, die von der Räumung betroffen waren, in der Messehalle 5. (c) Foto: Rainer Rüffer

Logistische Herausforderung

Bombenentschärfung im Gallus: Wenn eine Messehalle zum Wartezimmer wird

Knapp sechs Stunden lang war die Messehalle 5 der Notwarteraum für 1900 Bewohner des Gallusviertels. Eine logistische Herausforderung der Einsatzkräfte in kürzester Zeit.

Wer am Montag ab 19.15 Uhr zum Ost-Tor der Frankfurter Messe kam, hörte das Martinshorn. Feuerwehr, Technisches Hilfswerk, Johanniter, DRK, Malteser und Polizei sorgten während der Räumungszeit für Wärme, Sicherheit, Essen, Spiele und Betten. „Um 16 Uhr haben wir erfahren, dass wir raus müssen. 16000 Bewohner mussten ihre Wohnungen verlassen. Wir haben kalkuliert, dass etwa zehn Prozent davon in die Messehalle kommen und – falls es mehr werden sollten – für 2000 Personen geplant“, sagt ein Feuerwehrmann im Einsatz. 30 Feuerwehrleute und 40 Ehrenamtliche von Hilfsorganisationen sind um 18 Uhr in der Messehalle 5. Sie schleppen lange Tische und 1000 Stühle, die die Messe zur Verfügung stellt und 900 weitere Holzbänke und Tische der Feuerwehr.

Einsatzleiter Thomas Müller: „Da steckt viel Logistik hinter, die in kurzer Zeit funktionieren muss. Viele von uns hätten eigentlich Feierabend, aber natürlich bleiben wir bis zum Schluss. In einer Kleinstadt wäre es schwieriger, so viele Leute sicher unterzubringen. Hier hilft die große Halle.“ Unmengen Lebensmittel aus zwei Großmärkten gehören ebenso zur Logistik, wie Strichlisten, mit denen Anwohner gezählt werden, ehrenamtliche Kindergärtnerinnen und Ärzte. Mitarbeiter der Johanniter bestücken in Windeseile eine lange Tafel mit sieben Sorten Tee, neun riesigen Stahlbehältern Kaffee, Wasser, Säften, Schokolade, Gummibärchen, Äpfel, Birnen und Khaki-Früchten. Flugs wird ein Zelt zum Stillen und Wickeln aufgebaut und ein Pavillon für Kinder. Kistenweise Spiele, Malbücher und Autoteppiche werden angekarrt, ebenso wie Kinder- und Feldbetten, Laken, Kissen und Decken. Pakete voller Windeln, Feuchttücher und Binden stehen ebenfalls bereit. Um 20 Uhr füllt sich die Halle auf mehr als 400 Leute. Sie haben Babys dabei und Rollkoffer, Bücher, Laptops, Einkaufstüten und Hunde. Sogar eine Katze im Korb wird mitgebracht. „Wir können die Tiere doch nicht zurücklassen“, sagt Peter H., der seinem schwarz-weißen Mischlingshund auch eine Decke mitgebracht hat.

Kinder spielen Fußball und Frisbee oder fahren Roller, Erwachsene nehmen an den langen Tischen Platz und lernen sich kennen. Gesprächsstoff gibt es genug. „Wir wussten gar nichts von der Evakuierung, bis unsere Nachbarin an die Tür geklopft hat“, erzählt eine Frau. „Letzte Woche hatte ich Nachtschicht. Da wär das besser gewesen“, sagt ein Mann mit Kleinkind. „Ich habe es auf der Arbeit gehört und gegoogelt. Erst hatte ich eine falsche Telefonnummer gefunden. Als ich die Richtige hatte, hieß es erst, ich könne nach Hause, dann, dass ich nicht zu Hause bleiben kann.“ Einige schimpfen darüber, dass die Räumung so kurzfristig war und sie sich nicht richtig vorbereiten konnten. „Wir haben sechs Freunde eingeladen waren beim Kochen. Das können wir jetzt vergessen“, so ein Ehepaar. Die Halle füllt sich immer weiter. Menschen kommen mit Extra eingesetzten Bussen oder zu Fuß, lange Schlangen bilden sich an der Essensausgabe. Ab 21 Uhr gibt es auch Wurstbrote und Käsetoasts. Die Leute finden sich mit der ungewissen Wartesituation ab. Sie lesen, schauen Filme auf Handys und Laptops, arbeiten, plaudern oder spielen Karten. Eine Familie hat sich Sekt und Gläser mitgebracht.

Die Mitarbeiter der Johanniter kochen draußen vor der Halle immer wieder Wasser, ein LKW liefert im Pendelverkehr weitere Lebensmittel und Betten. Einsatzwagen und Leistelle sind voll besetzt. Die Logistik läuft. Das DRK hat längst Bewohner aus Altenheimen in Krankenhäuser transportiert, Malteser und Johanniter kümmern sich in der Halle um Kranke und Besorgte. Pflaster werden reichlich gebraucht. Aufmunterung ebenso. Um 23 Uhr sind 1900 Menschen im Raum, alle 500 Feld- und 60 Kinderbetten belegt. Schuhpaare in allen Farben stehen ordentlich davor.  Als um 0.25 Uhr Buspläne ausgehängt werden, ist klar: Die Entschärfung der Weltkriegsbombe kann nicht mehr ewig dauern. Um 1.20 Uhr hat das Warten ein Ende. Müde Menschen steigen ruhig in Busse und fahren erleichtert nach Hause. Die Polizei ist draußen präsent, während Johanniter und Feuerwehr beginnen, die Wartehalle aufzuräumen. Um drei Uhr ist der Einsatz beendet. Um sieben Uhr beginnt der reguläre Dienst.

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