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Als die Bomber Rosinen abwarfen

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Ein ?Rosinenbomber? steht am Luftbrücken-Denkmal am Flughafen vor dem Luftbrückendenkmal.
Ein ?Rosinenbomber? steht am Luftbrücken-Denkmal am Flughafen vor dem Luftbrückendenkmal. © Christian Christes (CHRISTES)

Gail Halvorsen startete die wohl süßeste Aktion des Kalten Kriegs: Der amerikanische Luftwaffenpilot warf während der Berliner Luftbrücke kleine Fallschirme mit Süßigkeiten ab. Das war der Beginn der „Rosinenbomber“.

Die Pilotenjacke spannt ein wenig über dem Bauch, das Gehör funktioniert nicht mehr ganz so gut, aber angesichts seiner 96 Jahre ist Gail Halvorsen noch erstaunlich rüstig. Sogar seine Fluglizenz hat der ehemalige Pilot der amerikanischen Luftwaffe noch. „Meine Augen sind schließlich noch in Ordnung“, versichert er mit einem verschmitzten Lächeln.

Als Pilot hat Halvorsen während der Berliner Luftbrücke vor fast 70 Jahren Geschichte geschrieben: Er war der Pilot, der mit dem Abwurf von Süßigkeiten das Wort der „Rosinenbomber“ prägte – und obendrein einen Beitrag zu einem neuen Amerika-Bild beim einstigen Kriegsgegner Deutschland leistete.

Gestern kam er einmal mehr nach Frankfurt, dem einstigen Start seiner Flüge im Rahmen der Luftbrücke. Anlass war die Neugestaltung des Luftbrücken-Denkmals am Frankfurter Flughafen. Bonbons und Schokolade statt Bomben – Halvorsen hatte mit den Deutschen gehadert, als einer seiner besten Freunde als Kampfpilot im Zweiten Weltkrieg abgeschossen wurde und ums Leben kam. Doch beim Anblick von Berliner Trümmerbergen neben dem Flughafen Tempelhof und winkenden Kindern konnte der junge Pilot nicht einfach hassen. „Diese Kinder hatten nichts, gar nichts“ sagt er.

Eines Tages habe er sich an den Stacheldraht gestellt und sich mit einer Gruppe acht bis 15 Jahre alter Berliner Kinder unterhalten. „Alle Kinder mögen Schokolade, nicht wahr?“, sagt er. „Aber keines dieser Kinder hat um irgendwas gebettelt. Sie waren dankbar, frei zu sein – das war wichtiger als Schokolade.“

Halvorsen reichte zwei Streifen Kaugummi durch den Zaun: „Ihre Augen wurden ganz groß!“, erinnert er sich. Der Kaugummi wurde aufgeteilt - und Halvorsen gab den Kindern ein Versprechen: „Wenn ich morgen wieder nach Tempelhof fliege, werfe ich euch beim Anflug Süßigkeiten ab!“ Und damit die Kinder angesichts der innerhalb weniger Minuten anfliegenden Flugzeuge seine Maschine erkannten, wollte er mit den Tragflächen wackeln.

Schokoriegel und Kaugummi wurden zu Bündeln geschnürt und an kleinen Fallschirmen befestigt. „Sie sollten ja niemanden am Kopf oder am Auge treffen, wenn sie runterflogen“, betont Halvorsen. Der junge Pilot aus dem US-Bundesstaat Utah war nicht alleine – Freunde gaben ihm ihre Süßigkeitenvorräte. „Es war doch alles rationiert“, erinnert sich der Luftbrückenveteran an die Zeit, als er die wohl süßeste Mission des Kalten Krieges startete – ohne zu ahnen, was für ein Echo das auslösen würde.

„Rosinenbomber“ hießen die Versorgungsflüge der Briten und Amerikaner schon bald. Von der Frankfurter Rhein-Main-Base verlief der südliche Luftkorridor für die Maschinen, die Lebensmittel, Kohle, Milchpulver, Medikamente ins geteilte Berlin flogen, dessen Westsektoren seit Juni 1948 nur aus der Luft versorgt werden konnten. Die sowjetischen Verwaltungsbehörden hatten den Zugang per Wasser-, Land- und Schienenweg unterbrochen.

„Die Luftbrücke ist ein Teil, ein großer Teil meines Lebens“, sagt Halvorsen heute. „Diese Kinder haben mein Leben verändert.“ Ein Satz sei ihm besonders in Erinnerung geblieben: „Wir haben durch die Nazis gelernt: Wenn du deine Freiheit erst einmal verloren hast, kriegst du sie nicht zurück.“ Die Freiheit West-Berlins dürfe nicht aufgegeben werden.

Nach Presseberichten über seine Privataktion fand Halvorsen Nachahmer und Unterstützung – und musste auch nicht ausschließlich auf die Schoko-Rationen im Freundeskreis zurückgreifen.

Mit einigen der Kinder von damals hat er noch heute Kontakt – etwa mit dem Mädchen, das ihm eine Karte mit ihrer Adresse malte, weil sie gegen die größeren Kinder beim Andrang auf die Fallschirme mit süßer Ladung nicht zum Zug kam: „Sie wohnt immer noch unter der gleichen Adresse. Wenn ich in Berlin bin, sehe ich sie“, sagt Gail Halvorsen. Und lächelt.

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