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„Turngemeinde Bornheim 1860“ steht auf dem Grabstein. Zwei verstorbene Mitglieder von Hessens größtem Verein liegen hier schon begraben. Vorsitzender Peter Völker möchte damit verdienten Vereinssportlern und Ehrenamtlichen ein würdiges Gedenken bewahren.

Friedhof

Der Turngemeinde bis in den Tod treu: Die TG Bornheim hat eine eigene Grabstätte für verdiente Mitglieder

Der Hamburger SV, Schalke 04 und die TG Bornheim haben eins gemeinsam: eine Grab- und Gedenkstätte für verstorbene Mitglieder.

Ihre Mitglieder begleitet die Turngemeinde (TG) Bornheim durch das ganze Leben. Das umfangreiche Angebot reicht von Yoga für Schwangere, Babyschwimmen, Kinderturnen, Leichtathletik bis hin zu Stepptanz für Senioren. Man könnte einwenden, das sei für einen so großen Verein nicht ungewöhnlich – doch die Turngemeinde geht noch weiter: Sie begleitet ihre Mitglieder über den Tod hinaus. Auf dem Bornheimer Friedhof, unweit vom Eingang, hat der Verein eine Rasenfläche gekauft. Hier ist Platz für 40 Urnengräber. Den massiven Grabstein ziert das Logo der Turngemeinde, daneben steht eine Bank.

Irgendwann wird auch Inge Hammer hier begraben sein. Sie ist alleinstehend, war nie verheiratet und hat keine Kinder. Seit die 82 Jahre alte Pensionärin denken kann, gehört die Turngemeinde zu ihrem Leben. Schon als Baby schob ihre Schwester sie damals mit dem Kinderwagen zum ehemaligen Vereinsheim an der Gronauer Straße.

„Die TG ist meine Heimat“

„Der Verein ist meine Heimat, meine Familie“, sagt Hammer. In ihrer Wohnung finden sich Hemden, Kissen, Anzüge, Tassen, Schreibblöcke, Tablettendöschen und sogar eine kleine U-Bahn mit dem Vereinslogo. Am liebsten machte sie Leichtathletik, Gymnastik, Geräteturnen und zuletzt Gymnastik mit dem Stuhl für Senioren. Peter Völker, der Vorsitzende der Turngemeinde, sei für sie wie ein Bruder. Mehr als 75 Jahre schon ist sie Mitglied, war 14 Jahre lang im geschäftsführenden Vorstand des Vereins, dann leitete sie die Seniorengruppe.

Ursprünglich wollte sich Hammer irgendwo auf der grünen Wiese auf dem Bornheimer Friedhof beerdigen lassen. Dort wäre ihr Grab eines von vielen Urnengräbern gewesen. Doch dann kam Völker: „Du spinnst wohl. Wo soll ich denn nach dir suchen, wenn du erstmal auf der grünen Wiese liegst? Du musst zu uns“, erinnert sich Hammer.

Im Grab der TG Bornheim können alleinstehende Menschen bei Freunden beerdigt werden

Mit uns meinte Völker die vereinseigene Grabstätte. Die Idee dafür hatte der Vereinschef 2010, als sieben langjährige Mitglieder und ehrenamtliche Helfer der Turngemeinde starben. Er wollte den Menschen gedenken, die jahrelang im Verein aktiv waren, und gleichzeitig einen Ort schaffen, an dem alleinstehende Menschen in Frieden ruhen können, die zu Lebzeiten eng mit dem Verein verbunden waren. „Da gehöre ich hin, da bin ich bei der Familie“, fand denn auch Inge Hammer.

Große Nachfrage

Für Inge Hammer ist die TG Bornheim ein wichtiger Teil ihres Lebens. Deshalb möchte sie ihre Urne im Vereinsgrab beisetzen lassen.

Die Idee des 69 Jahre alten ehemaligen Bankiers Völker sprach sich im Verein rasch herum. Es kamen Mitglieder auf ihn zu, die alleinstehend sind und „nur in diesem Verein leben“, sagt Völker. Neben Hammer stehen zurzeit sechs Mitglieder auf der Liste, die sich in der Grabstätte beisetzen lassen wollen. Wegen der großen Nachfrage hat die Turngemeinde die Zahl der anfangs geplanten 20 Gräber verdoppelt.

Auf der Vorderseite des massiven Grabsteins finden sich 13 Gedenktafeln für die ehrenamtlichen Helfer des Vereins, auf der Rückseite sind Grabtafeln für die beiden dort bereits bestatteten Mitglieder angebracht. „Ohne die vielen ehrenamtlichen Helfer wäre die TG nicht das, was sie heute ist“, sagt Völker. „Es ist wichtig, dass wir an die Leute denken, die so viel für den Verein getan haben.“

Sportfreunde kommen zur Beerdigung

Wie Hammer. Ans Sterben denkt die Seniorin übrigens noch lange nicht. Erstmal will sie wieder fit werden. Seit einer Verletzung am Fuß, sitzt die Bornheimerin im Rollstuhl. Jeden Tag macht sie ein paar Übungen in ihrer Wohnung nahe der Berger Straße. Als Hammer noch aktiv am Sportprogramm der TG teilnehmen konnte, saß sie nach dem Kurs noch gern mit den anderen Teilnehmern bei einem Schoppen im Vereinslokal zusammen. Über die Jahre entwickelten sich enge Freundschaften. „Neben dem Pfarrer sind natürlich auch die Sportfreunde bei der Beerdigung dabei“, erzählt Völker.

Als er vor 38 Jahren seine Arbeit als Vorsitzender des Vereins aufnahm, zählte die Turngemeinde rund 500 Mitglieder und eine Sportstätte. Seither ist die Mitgliederzahl des 1860 gegründeten Vereins auf 30 000 gestiegen und die Räumlichkeiten wurden stetig erweitert. Von Montag bis Sonntag ist der Kursplan zu jeder Tageszeit voll.

Schließlich tut Bewegung gut – Inge Hammer ist das beste Beispiel: „Dass ich mal 80 Jahre alt werde, hätte ich nie gedacht“, sagt sie. Der Grund für ihr hohes Alter könne nur die viele Bewegung in der Turngemeinde sein, ist die Seniorin überzeugt. Zu wissen, dass es auch nach dem Tod weiter Seite an Seite mit ihrer TG Bornheim geht, gebe ihr ein gutes Gefühl.

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