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Bowlingzentrum am Rebstock ist ein bedrohtes Stück Frankfurter Geschichte

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Im Bowlingzentrum am Rebstock lässt sich neben Sport und Freizeitvergnügen auch gesellschaftlicher Wandel mit allen Sinnen erfahren. Aber wie lange noch? In ein paar Jahren soll hier eine neue Siedlung entstehen (wir berichteten). Eindrücke von einem bedrohten Stück Frankfurter Geschichte.

Blassblaue Rauchschwaden wabern in Kaskaden unter dem smaragdgrünen Lampenschirm. Der Schmauch schwebt über dem Billardtuch wie Nebel auf den Wiesen in der Früh’. Lässig steckt sich eine Frau eine Fluppe in den Mundwinkel, die Glut glimmt rot. Sie beugt sich vor und rammt ihren Queue mit voller Wucht gegen die weiße Kugel. Laut klackernd kollidieren die Kugeln, am Nebentisch klirren Pilsgläser beim Anstoßen. Und ein paar Meter weiter auf der Bowlingbahn purzeln die Pins, wenn große Kugeln krachend einschlagen.

Wer die herbe Atmosphäre in der unteren Etage des Bowlingzentrums am Rebstock mit allen Sinnen erfasst, könnte glauben die Zeit sei stehen geblieben. Fehlt nur noch auf der letzten verbliebenen Kegelbahn nebenan ein alter Kegelbruder, dessen klassisch nass rasierte Wangen das Aroma verströmen von „Tabac Original“.

Im Refugium der Raucher

„Früher mussten sogar bei Ligawettbewerben alle naslang die Aschenbecher ausgeleert werden“, erinnert sich Mitgeschäftsführerin Maud-Eva Waneck, Tochter von Klaus und Christel Penkwitz, die das Bowlingzentrum Anfang der 70er erbauten. Einst durfte in beiden Stockwerken gequarzt werden, heute nur noch unten, „und das auch nur, wenn keine größeren Veranstaltungen oder Turniere anstehen, und komplettes Rauchverbot gilt“, freut sich Maud-Eva Waneck, dass ihre Kleidung nach der Arbeit nicht mehr nach kaltem Qualm müffelt. Denn sogar an regulären Tagen bleiben die in die Tische eingelassenen Aschenbecher kalt und die Bildschirme schwarz, wenn sich schlicht niemand nach unten verirrt.

Der Zigarettenverkauf in Deutschland halbierte sich im letzten Vierteljahrhundert, die Zahl der Konsumenten sank so rapide wie ihre gesellschaftliche Dominanz. „Heute spielen häufig Raucher mit den Nichtrauchern in der oberen Etage, gehen ab und zu vor die Tür, und Familien spielen sowieso oben“, beobachtet Maud-Eva Waneck.

Als ihre Eltern Klaus und Christel Penkwitz am 29. August 1973 ihr Bowlingzentrum eröffneten, waren die Zeiten ganz andere. Der damalige Finanzminister und spätere Bundeskanzler Helmut Schmidt hatte im Jahr zuvor den Satz geprägt: „Unter Inflation verstehe ich, wenn Zigaretten vier Mark kosten.“ Das wäre das Doppelte des seinerzeitigen Preises gewesen. Zur selben Zeit entstand bei Volkswagen ein Kompaktwagen, der 8000 Mark kosten sollte. Das vor Ecken und Kanten strotzende Auto wollte VW schließlich aber doch nicht nach einem stürmischen „Blizzard“ benennen, sondern nach dem milden Golfstrom.

Im nächsten Jahr erscheint die achte Generation des Golf für den umgerechnet vierfachen Preis und ist noch stromlinienförmiger rundgelutscht als die davor. Indes ward der Altkanzler zur öffentlich schmökenden Gallionsfigur der letzten Raucher geworden. Seine letzte Glut verglomm vor gut zwei Jahren und bald darauf prangten blutverschmierte Organfotos auf Kippenpäckchen neben den Steuermarken. Bei so viel Bigotterie möchte man sich am Rebstock auch als gesundheitsliebender Ex-Raucher fast aus Prinzip eine anstecken, nur weil man’s dürfte im unteren Geschoss des Bowlingzentrums – einem der letzten Refugien der waidwunden Raucher.

Genau genommen ist es das Parterre des Gebäudes, aber da der Eingang über eine Treppe zum ersten Stock führt, der im plüschig-fröhlichen Stil der 70er Jahre anheimelt, wirkt es wie ein Keller, wenn man die Treppe hinabsteigt unter schummrig schimmernden kugelförmigen Lampen, die herab träufeln wie Trauben. Gesellschaftlicher Wandel zeigt sich hier auch auf andere Art: Einst war das Geschoss komplett den Kegelbrüdern und -schwestern vorbehalten. Das war sogar Bedingung für die Errichtung auf dem einstigen Areal des Polizeisportvereins. Dort hatten Klaus und Christel Penkwitz ihr Bowlingzentrum erbaut, da sie in ihrem Wohnort Sprendlingen kein passendes Gelände fanden. Beide waren weiland selbst Kegler gewesen, wechselten aber später zum Bowling, das Klaus über Kollegen in einer amerikanischen Firma kennenlernte. Christel Penkwitz wurde mit der Nationalmannschaft gar Vizeweltmeisterin 1967.

Der ewige Sultan

Mit den Trainingsmöglichkeiten der Region haderte das Paar, beschloss etwas Eigenes zu schaffen – und erkannte den Trend: In den folgenden Jahren lief Bowling dem Kegeln den Rang ab, war sogar Demonstrationswettbewerb bei den Olympischen Spielen 1988 in Seoul. Kurz zuvor hatte Familie Penkwitz zehn zusätzliche Bowlingbahnen im Parterre eingeweiht, anstelle von Kegelbahnen. Potenzielle zusätzliche Spieler gab es zur Genüge, denn trotz anhaltenden Booms war kurz zuvor die Bowlinganlage im Main-Taunus-Zentrum geschlossen worden. (Zur Gedächtnisauffrischung für die lokale Generation X: Sie befand sich in einem Keller neben dem Kaufhaus Hertie, vom Springbrunnen aus links gesehen.)

Damals war es auch, dass Sultan hier anfing zu arbeiten: Bei dem Mann mit dem markanten Zopf leihen heute Eltern für ihre Sprösslinge Bowlingschuhe aus, Eltern, die einst selbst als Kinder vor seinem Tresen standen. „Bei uns ist noch keiner gegangen, außer in Rente“, flunkert Axel Penkwitz, der mit Mutter und Schwester die Bowlingbahn betreibt. Tatsächlich erblickt man ringsum nur vertraute Gesichter langjähriger Mitarbeiter. Was wird aus ihnen und der familiären Atmosphäre, wenn genau an dieser Stelle eine Schule entstehen soll?

Eine neue Bleibe suchen müssten dann auch die Tischfußballer der Eintracht, die sich auf ihrer Homepage freuen, „nun auch endlich in Frankfurt unsere Sportart unter professionellen Rahmenbedingungen ausüben zu können“. Für sie wurden zwei weitere Kegelbahnen geopfert. Während die letzten vier Kegelbahnen oft verwaist bleiben, kurbeln mehrmals die Woche Dutzende Tischkicker in Trainings- und Ligabetrieb.

Wenn eines Tages die Abrissbagger anrollen, verschwindet also nicht nur eine der zumindest gelegentlich noch letzten Bastionen der Raucher, sondern auch ein Stück Frankfurter Sport- und Kulturgeschichte. Helmut Schmidt würde den Planern was husten!

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