+
Beantragt die deutsche Staatsbürgerschaft: Anthony Thornley, Inhaber des „The Fox and Hound“.

Brexit

Brexit: Großer Run auf den deutschen Pass bei den Auslandsbriten in Frankfurt

  • schließen

Eine krachende Niederlage für Theresa May und jetzt gar ein Misstrauensvotum: Die Briten in Frankfurt verfolgen das Drama gespannt. Und haben Angst um die eigene Zukunft.

Frankfurt - Anthony Thornley lebt seit 37 Jahren in Deutschland. „Seit 21 Jahren habe ich meine Gaststätte, ,The Fox and Hound‘, im Westend. Ich werde jetzt einen deutschen Pass beantragen.“ Er fürchtet den Brexit – doch Thornley sieht auch seine Chancen. „Einerseits wird natürlich mein englischer Malzessig, meine HP Sauce, meine Würstchen und mein Bacon teurer, wenn ich Zoll zahlen muss.“ Andererseits jedoch wird seine Gaststätte überwiegend von Bankern aus den umliegenden Hochhäusern besucht. „Und dieses Geschäft dürfte sich ausweiten, wenn mehr britische Banker künftig in Frankfurt arbeiten“, glaubt Thornley. Trotzdem, er lehnt den Brexit ab.

Brexit: Sorge um Versicherung

Schlimme Befürchtungen hat auch Daniel Nicolai, der Intendant des English Theatres, einige hundert Meter von Thornleys Bar entfernt. „Wir rekrutieren unsere Schauspieler in England. Wir sind kein Gastspielhaus, sondern produzieren die Stücke“, sagt Nicolai. Er fürchtet weniger die Komplikation, ein Arbeitsvisum für die Schauspieler zu bekommen. „Aber bislang gibt es die European Health Care, eine Krankenversicherung für Auslandsbriten. Die würde wegfallen, und die Schauspieler müssten sich für ihren mehrmonatigen Aufenthalt bei uns selbst kranken- und unfallversichern.“ Das wird teuer. Nicolai schätzt, dass für eine Übergangszeit – bis vernünftige Abkommen geschlossen sind – weniger Briten, dafür mehr US-Amerikaner oder Australier auf der Bühne des English Theatre stehen werden.

Auch interessant: Explosion und Feuer in Bornheimer Tiefgarage - Zwei Autos ausgebrannt

Viele Deutschbriten sind zornig auf ihre Landsleute. Wie Stewart Reddell, der seit 1964 in Deutschland lebt. „Ich bin Brite. Aber obwohl ich Patriot bin, sage ich, jetzt ist Schluss. Die Europäer sollten keine Nachverhandlungen führen: Take it or leave it. Wenn die Briten rauswollen und den ausgehandelten Deal nicht wollen, müssen sie den harten Brexit nehmen.“

Schaut den britischen Schauspielern bei der Probe zu: Daniel Nicolai, Intendant des English Theatre.

Nick Jefcoat, Chairman der Deutsch-Britischen Gesellschaft Rhein-Main, sagt: „Ich habe im September die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten. Aber ich bin Brite, habe jetzt also einen Doppelpass.“ Ohne den Brexit, versichert Jefcoat, hätte er die deutsche Staatsbürgerschaft nicht beantragt: „Warum auch? Ich durfte als Brite alles.“ Das kann sich aber ändern.

Brexit: Briten sind gespalten

Jefcoat lebt seit 25 Jahren in Deutschland und will hier bleiben – wie viele Briten. „Viele haben inzwischen deutsche Pässe, andre haben eine langfristige Aufenthaltserlaubnis. Wir machen uns keine Sorgen“, so der Chairman. Die dritte Gruppe, Briten, die lediglich mit EU-Legitimation hier sind, seien hingegen sehr verunsichert.

Zur Zweidrittel-Ablehnung des Deals sagt Jefcoat: „Ich glaube, die meisten Briten sind frustriert und zornig darüber, dass das Parlament nach zwei Jahren Verhandlungen mit leeren Händen dasteht. Eine neues Referendum würde jedoch wieder knapp ausgehen. Die Briten bleiben gespalten.“ Und sind „not amused“, nicht amüsiert. Nicht nur deutsche Pässe, auch britische sind zurzeit begehrt. Amanda Diel, Deutsche mit britischer Mutter, hat eine solche doppelte Staatsbürgerschaft erhalten. „Ich fühle mich sehr britisch“, sagt das Vorstandsmitglied im Verein „British in Germany“. Ihre Beobachtung der neuen Landsleute: „Die Spannung steigt, es ist eine Zitterpartie.“ Die Briten haben ein Schreiben des Bundesministeriums des Innern erhalten. Demnach hätte man nach dem Brexit noch drei Monate Zeit, seinen Status zu klären. Viele Engländer hier haben laut Diel fast Existenzängste. Es betreffe auch Fragen der Rentenüberweisung, der Krankenversicherung. Die Goethe-Uni will weiter mit britischen Unis kooperieren, unabhängig von politischen Entwicklungen.

Lesen Sie auch: Goldene Waage: Von außen schon ein Schmuckstück, innen noch eine Baustelle

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare