Porträt

Brigitte Leiße hat auch mit 76 Jahren noch Bücher als Berufung

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Menschen aus allen Ländern begegnen, ihnen Bücher empfehlen, die ihr wirklich etwas bedeuten – das ist für Brigitte Leiße Beruf und Berufung. In ihrer Internationalen Buchhandlung ist sie trotz ihres Alters noch hochaktiv. Und alles begann mit einem schicksalhaften Moment in Bonn.

Es ist ein Ort, den es heute eigentlich kaum noch gibt: Eine schlichte Buchhandlung mit Regalen voller gebundener Werke in vielen Sprachen, kein Ausstellen der Bestsellerlisten, keine E-Book-Reader, keine glitzernden Grußkarten – eine Gegenwelt zum Digitalen. Alles atmet nur die Liebe zum Gedanken auf dem Papier. Und diese Liebe entspringt dem Herzen der Buchhändlerin Brigitte Leiße.

Die 76-Jährige läuft trotz ihres Alters emsig durch das Geschäft in der Taunusstraße in Frankfurt, berät Kunden, sucht Bücher mit gezielten Handgriffen aus Regalen und Stapeln. Einer Inderin zeigt sie ein englisch-sprachiges Kinderbuch. Einer Gruppe russischer Jugendlicher, die Bücher von Remarque will, antwortet sie in deren Heimatsprache. Sprachen und Bücher, beides ist für sie Berufung.

Alles geht zurück auf einen schicksalhaften Moment in Bonn. Die gebürtige Sauerländerin, die vorher „Verschiedenes ausprobiert hatte“, schaute dort in die Fenster einer Universitätsbuchhandlung. „Ich habe gefragt, ob ich dort eine Lehre machen kann“, erinnert sie sich, „und dann mit dem Buchhandel nie wieder aufgehört.“

Literatur liebte sie schon vorher. „In meiner Jugend war es eher eine Flucht, weil die Bücher reicher als der Alltag waren“, überlegt sie, „Heute sind sie für mich mein Universum, ein unendlicher Raum, in dem man immer Neues entdeckt.“

Erst widmete sie sich hauptsächlich der deutschen Literatur, dann der Weltliteratur. Mit ihrem Lebensgefährten und Verleger Giuseppe Zambon eröffnete sie 1987 die Internationale Buchhandlung, zunächst in der Münchner Straße. Beide sind seit 37 Jahren ein Paar – ein Trauschein war Brigitte Leiße nie wichtig.

Bei der gemeinsamen Arbeit ging es immer auch um politische Ziele. „Die Macht der Kultur gegen die Kultur der Macht“; lautet das Motto des Zambon-Verlages. Zunächst sollten die damaligen Gastarbeiter mit Literatur versorgt werden. Was mit italienischen Büchern begann, weitete sich schnell auf Literatur aus dem gesamten Mittelmeerraum und später aus Russland aus.

Inzwischen kommen Menschen aus aller Herren Länder zu ihr. Die einen im Vorbeigehen, die anderen gezielt und immer wieder. Manche wissen, was sie wollen. Andere möchten von ihr beraten werden. „Wenn man viel liest, kann man aus dem Vollen schöpfen und wirklich Bücher empfehlen“, meint Leiße. Sie wisse oft, welches Buch zu einem Menschen passe. Und mit ihren Kunden reden kann sie in Englisch, Französisch, Spanisch und Italienisch. „Russisch habe ich nur angefangen, diese Sprache und Arabisch möchte ich noch lernen“, betont sie.

In ferne Länder zu reisen, war ihr lange Zeit sehr wichtig, ebenso wie das Gehen in der Natur. „Die Reisen haben meinen Horizont erweitert, heute reise ich in den Büchern“, sagt sie mit der ihr ganz eigenen Mischung aus Schüchternheit und intensiver Präsenz. Gerade lese sie von Khaled Khalifa „Der Tod ist ein mühseliges Geschäft“; einen Roman, der Einblick in den Kriegsalltag in Syrien gibt.

Auch zu Hause hat Leiße vom Lesen noch nicht genug, obwohl sie Bücher dort inzwischen nicht mehr sammelt, um mehr freie Fläche zu haben. „Ich brauche aber absolute Ruhe, damit ich richtig in ein Buch eintauchen kann“, betont sie, „für mich ist Lesen Meditation“.

Die scheint ihr Kraft zu geben. Dass sie fast immer allein und jeden Tag siebeneinhalb Stunden im Geschäft arbeitet, macht ihr nichts aus – im Gegenteil. „Ich gehe immer noch morgens gern hierher“; lächelt sie. „Wenn ich gut schlafe, strengt mich die Arbeit auch nicht an.“ Die Begegnung mit Menschen sei ihr sehr wichtig. Zwar suchten sie und Zambon schon nach Nachfolgern für die Buchhandlung. Der Gedanke ans Aufhören jedoch fällt Brigitte Leiße sichtlich schwer. „Man muss ja nicht arbeiten, bis man umfällt“; meint sie einerseits – aber dann doch: „Ich könnte das auch noch tun, bis ich 100 bin, wenn der Körper mitmachen würde“. Und während sie redet, steht Brigitte Leiße schon wieder auf – ein Kunde wartet. „Ich muss mich bewegen“, sagt sie beim Gang zur Kasse. Denn sie will ja fit bleiben – für die Bücher und das Universum, das in ihnen wohnt.

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