1. Startseite
  2. Frankfurt

Brigitte Tilmann - Die Rechtschaffene

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

In manchem Fall gewinnt man nur Klarheit, wenn man die Fäden zu verbinden weiß: Brigitte Tilmann in ihrem Haus in Darmstadt.
In manchem Fall gewinnt man nur Klarheit, wenn man die Fäden zu verbinden weiß: Brigitte Tilmann in ihrem Haus in Darmstadt. © Salome Roessler

Sie hat als Gutachterin die Missbrauchsfälle an der Odenwaldschule untersucht. Schon als sie Richterin war, hatte sie mancher Fall um den Schlaf gebracht. Ihre Karriere beendete Brigitte Tilmann als Präsidentin des Oberlandesgerichts. Ihr widmen wir Folge 217 unserer Serie ?Der Rote Faden?, in dem wir Menschen vorstellen, die Besonderes für Frankfurt leisten.

Jetzt, im Frühling, kommt sie ab und an hoch, diese Sehnsucht. „Manchmal wünsche ich mir, dass ich immer, wenn mir danach ist, etwas im Garten tun kann.“ Dabei ist Brigitte Tilmann, Jahrgang 1941, Pensionärin. Ihre Zeit als Präsidentin des Frankfurter Oberlandesgerichts – die erste Frau in diesem Amt in Hessen – liegt schon mehr als zehn Jahre zurück. Aber sie ist danach eben nicht in den geliebten Garten gegangen, der ihr Haus im Darmstädter Stadtteil Bessungen so großzügig umgibt. Stattdessen ist sie in eine Art zweite Karriere geschlittert. Brigitte Tilmann deckte als unabhängige Expertin die Ausmaße von Kindesmissbrauch an der Odenwaldschule und der Elly-Heuss-Knapp-Schule in Darmstadt auf. Seit einem Jahr ist sie zudem Mitglied der von der Bundesregierung einberufenen Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs.

Abgründe

Statt im Darmstädter Garten ist sie deshalb häufig in Berlin, hört zu, wenn diejenigen reden, denen in der Kindheit Schlimmes widerfahren ist, hält fest, wie sehr die perversen Berührungen von damals das Leben der nun Erwachsenen bestimmen. Und trägt so dazu bei, das Thema aus der Tabuzone zu holen. Ein erster wichtiger Schritt, um Kinder künftig besser vor derartigen Übergriffen beschützen zu können.

Als hätte Brigitte Tilmann nicht schon als Richterin oft genug in die

Abgründe

menschlichen Handelns geschaut. „Nirgendwo ist man der Seele des Menschen so nahe wie in der Hauptverhandlung.“

1970 bekam sie am Darmstädter Landgericht ihre erste Richterstelle, 19 Jahre war sie dort „mit Leib und Seele“ Strafrichterin, urteilte über kleine Sünder und kapitale Verbrecher. Zog derweil auch noch ihre beiden Kinder groß. Ihre große Karriere begann die 1,83 Meter hochgewachsene Blonde, deren Haar inzwischen ergraut ist, erst als Mittvierzigerin.

„Mit dem Thema Kindesmissbrauch hatte ich in all den Jahren nie zu tun.“ Es war die Wiesbadener Rechtsanwältin Claudia Burgsmüller, die 2010 ihren Namen ins Spiel gebracht hatte, als die damalige Leiterin der Odenwaldschule endlich die Aufklärung der lange schon wabernden Missbrauchsvorwürfe anging. Es gab dutzendweise Berichte ehemaliger Schüler des reformpädagogischen Internats, die beschrieben, wie sich der Schulleiter Gerold Becker und verschiedene andere Lehrer seit Ende der 1960er Jahre an ihnen vergangen hatten. Die Pädagogen hatten ihre Schutzbefohlenen, mit denen sie im Internat teilweise zusammen wohnten, zur eigenen Befriedigung sexuell berührt oder gar vergewaltigt. Viele ihre Opfer tragen bis heute schwer daran. „Trotzdem sind wir an der Odenwaldschule großflächig abgelehnt worden. Aber wir sind da rabenhart.“

So unterschiedlich sie beide seien, so gut arbeiteten sie zusammen, sagt Tilmann. Gemeinsam mit Burgsmüller studierte sie die Berichte, redete mit Betroffenen. Schließlich identifizierten die Juristinnen die Haupttäter, zeigten die Strukturen aus Macht, Gewalt und Schweigen auf, die ihr Tun gedeckt hatten. Aus dem öffentlich vorgestellten Abschlussbericht ging vor allem eine Zahl durch die Republik: 132 Kinder waren Opfer ihrer pädophilen Lehrer geworden. „Alle hielten sich an dieser Zahl fest“, ärgert sich die Aufklärerin. „Dabei sind das nur diejenigen, die sich bei uns gemeldet haben. Wir haben x-fach betont, dass es noch mehr Opfer waren.“ Das ging im Getöse der Medienleute unter. Tilmann hat dennoch einen guten Grund, ihnen zu verzeihen: „Ohne die Presse wäre dieser Skandal nie aufgeklärt worden. Auch der Darmstädter nicht.“

Diesmal war es das Land Hessen, dass das Team Tilmann/ Burgsmüller anforderte: An der Elly-Heuss-Knapp-Schule in Darmstadt hatte der Sportlehrer Erich Buß seine sexuellen Triebe jahrelang an Schülern ausgelebt. Darunter Kinder, die gerademal ins Schulalter gekommen waren. In einem einzigen Jahr waren seiner eigenen Statistik zufolge 1500 Kinder bei ihm zu Hause, viele von ihnen nahm er nach den Hausaufgaben mit zum „Mittagschlaf“ in sein Schlafzimmer . . .. Mit vermeintlicher Freundschaft, Drohungen und auch brutaler Gewalt zwang er die Jungen zum gegenseitigen Onanieren, hatte mit ihnen Anal- und Oralverkehr; tausende Male, vielmals täglich, in der Schule, bei sich zu Hause, sogar auf Urlaubsreisen mit den Minderjährigen. 33 Jahre lang, ohne dass ihn jemand stoppte. Dabei hatte es klare Hinweise gegeben, sogar Ermittlungsverfahren bei der Staatsanwaltschaft.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Unholde

Brigitte Tilmann zieht die Schultern etwas höher. Als sie von dem Tagebuch erzählt, in dem Buß seine Taten akribisch aufgelistet hatte, „sich auch noch beweinte und bedauerte“, schüttelt es sie förmlich. Dieser Fall ist ihr besonders an die Nieren gegangen. Ihre eigenen Kinder waren auf der Elly-Heuss-Knapp-Schule, hatten aber nie mit dem nach außen so engagierten, aufgeschlossenen Lehrer zu tun. Der hatte sich mit Vorliebe den Außenseitern angenommen, den Kindern, um die sich nicht einmal die eigenen Eltern kümmerten – und die deshalb umso schutzloser waren.

Das waren sie auch, weil die Strafverfolgungsbehörden in Darmstadt Anzeigen und Ermittlungsverfahren mehrmals versanden ließ. „Die Staatsanwaltschaft hat völlig versagt. Das hat mich total enttäuscht.“ Selbst nachdem der 1992 pensionierte Lehrer im Jahr 2003 ein umfassendes Geständnis abgelegt hatte, ließen sich die Strafverfolger Zeit, das Hauptverfahren anzusetzen. Als Buß am Landgericht Darmstadt 2005 zu vier Jahren Haft verurteilt wurde, war ein Großteil seiner Taten längst verjährt. 2008 starb er.

Das Land und die Schule brauchten noch länger, um sich der Verantwortung zu stellen. Wie bei der Odenwaldschule musste erst viel Druck vonseiten der Betroffenen kommen, damit die Ereignisse und Versäumnisse beim Namen genannt wurden. Dafür wurden im April 2015 die beiden unabhängigen Expertinnen berufen, in den Monaten danach meldeten sich bei ihnen immer mehr Betroffene. Das Bild, das sich aus ihren Berichten ergibt, ist monströs. Die Frage, wie so viel Verbrechen vor den Augen von Eltern, Vorgesetzten, Kollegen, Polizisten, Staatsanwälten und Nachbarn möglich war, wird immer bleiben.

Auch im Kopf von Brigitte Tilmann. „Das Thema verändert etwas in einem.“ Wenn die Schicksale sie zu sehr bedrängen, ruft sie ihre Mitstreiterin Burgsmüller an. „Die Betroffenen bleiben nicht unbedingt ein Leben lang Opfer. Aber das Erlebte beeinflusst ihr ganzes Leben.“ Dass das manche nicht verstehen, nicht akzeptieren wollen, macht Brigitte Tilmann wütend. „So ein ,bisschen in die Hose fassen’ kann es für einen Achtjährigen gewesen sein.“ Immerhin hat die Juristin in vielen Gerichtsverfahren gelernt, das Böse aus ihrem Privatleben herauszuhalten – mit ihrer Familie, ihren Freunden redet sie nur selten über ihre Erfahrungen als Aufklärerin.

Achtsamkeit

Aber in gewisser Weise trägt sie es immer mit sich: „Man muss achtsamer mit den Menschen um sich herum sein; das ist meine Erkenntnis. Ich versuche das zu sein.“ Kann sie merken, dass sie auf ein Kind trifft, das von jemandem sexuell missbraucht wird? Erkennt sie Opfer solcher Taten? „Ich kann nicht sagen, dass ich es jetzt mit Sicherheit merken würde. Aber wenn es auch nur das geringste Anzeichen gäbe, würde ich hinsehen, etwas unternehmen.“

All das erzählt Brigitte Tilmann in ihrem Darmstädter Wohnzimmer. Die Frau, ihre Wohnung, das grün eingewachsene Haus: Alles passt gut zusammen. Säße sie jetzt nicht gegenüber im Sessel, man wüsste dennoch einiges über die Bewohnerin: Krimi-Leserin ist sie, Musik hört sie oft, fast schon penible Ordnung braucht sie um sich herum, dazu Licht, Farbe. Das Mobiliar ist ausgesucht und gepflegt, aber nicht neu, es gibt Fotos von den innig geliebten Enkelkindern, einige Gemälde und Grafiken, Erinnerungsstücke, Frühlingsblumen auf dem Tisch. In der Küche – ein Modell aus den Achtzigern – stecken die Spuren der einst vierköpfigen Familie.

Es war das Elternhaus ihres Ehemannes Job Tilmann, den mancher noch als Sprecher der Frankfurter Staatsanwaltschaft in Erinnerung haben wird. 1968 hat die gebürtige Berlinerin, die ihre ersten zehn Kinderjahre – und damit die letzten Kriegsjahre – in Lissabon verbracht hat, den Darmstädter geheiratet. Ihre Liebe und Freundschaft hielt bis zu seinem Tod Anfang 2007, ihre Ehe war weniger stark. Etliche Jahre hatte das Paar getrennt gelebt, erst zum Schluss fand es wieder zusammen.

Lesen Sie auch der nächsten Seite: Kugelsicher

Nahezu unsichtbar stecken in diesem Haus auch die aufreibenden, ja gefährlichen Jahre im Leben von Brigitte Tilmann. Die Eingangstür ist etwas zu schwer für die Architektur der 1920er Jahre. „Die ist schusssicher, die haben sie mir 1993 vor dem Kurden-Prozess in Wiesbaden eingebaut“, erzählt Brigitte Tilmann. Um eine Serie von Brandanschlägen ging es damals, die Emotionen waren mehr als aufgewühlt. Auch die Sprossenfenster – Tilmann blickt durch die Terrassentür in den langsam erwachenden Garten – sind aus kugelsicherem Glas. Auch das auf Staatskosten eingebaut, um das Leben der damaligen Präsidentin des Oberlandesgerichts zu schützen. „Ich hatte auch mal einen roten Alarmknopf mit direkter Verbindung zur Polizei im Haus.“

2002 schien das nötig, weil in Frankfurt der erste Prozess gegen fünf mutmaßliche Al-Kaida-Terroristen eröffnet wurde. „Das war eine harte Zeit. “ Auch eine einsame. Mit ihren Gedanken ist Brigitte Tilmann wieder mittendrin im Gewissenskonflikt von damals. Niemand wusste, wie gefährlich die schlafenden Terroristen wirklich waren, Racheakte schienen wahrscheinlich. Trotzdem kämpften Tilmann und der Vorsitzende Richter Karlheinz Zeiher dafür, den Prozess in Frankfurt und nicht etwa im Hochsicherheitstrakt von Stammheim durchzuziehen.

„Wir wollten jeden Verfahrensfehler vermeiden, und man hätte es uns als Befangenheit auslegen können, dass wir die Angeklagten als so gefährlich einstufen“, begründet die Juristin ihre damalige Entscheidung. Fachlich hat sie daran bis heute keinen Zweifel, „aber in der Nacht vor Prozessbeginn habe ich keine Minute geschlafen. Wäre doch etwas passiert, ich wäre meines Lebens nicht mehr froh geworden.“ Dieser Wille, gute, gerechte Prozesse zu führen, der hat sie zu einer überaus angesehenen Juristin werden lassen. Den Grundstein legte übrigens ein Rollenspiel in der Schule: Die Klasse las den „Schimmelreiter“ von Theodor Storm und hielt eine fiktive Gerichtsverhandlung gegen den Deichgrafen Hauke Haien ab. Die Schülerin Brigitte Tilmann verteidigte ihn – und erkannte dabei ihre Begabung. Ihr späteres Können wurde allseits anerkannt, obwohl sie über Jahre nur die halbe Stundenzahl arbeitete, um die Nachmittage mit Sohn und Tochter, Jahrgang 1972 und 1975, zu verbringen.

Als sie dann im Teenager-Alter waren, startete Brigitte Tilmann im Turbo-Tempo durch: 1989 wechselte sie als Referentin für Fortbildung vom Landgericht ins Justizministerium nach Wiesbaden. 1993 kam der Ruf als Vizepräsidentin des Landgerichts in Wiesbaden, 1995 traute man ihr den Chefposten am Limburger Landgericht zu. Und 1998 schließlich stellte sie der grüne Minister Rupert von Plottnitz an die Spitze des höchsten hessischen Gerichts.

Eine Frau über rund 550 Bediensteten, davon 140 Richter, zuständig auch für die 1200 Richter an den Landgerichten und die übrigen mehreren Tausend Bediensteten – das machte damals große Schlagzeilen. In ihre Amtszeit fielen dann so spektakuläre Ereignisse wie der schon erwähnte Al-Kaida-Prozess, aber auch der komplette Aus- und Wiedereinzug des Oberlandesgerichts, um dessen Gebäude sanieren zu können.

Räuberbande

In all ihrem Tun versuchte die Frau perfekt zu sein. Erst das Schweigen, dann das Weggehen ihres Mannes zeigte ihr, dass das ein Ding der Unmöglichkeit war. „Ich hatte mich übernommen.“ Dass die Trennung für das Paar nicht das Ende war, das Glück darüber merkt man Brigitte Tilmann an. Denn ihre Familie, die ist das wahre Zentrum in ihrem Leben. Sie beschreibt sie sogar als „Räuberbande“, so eng sei der Zusammenhalt. „Ich hatte immer noch eine andere Welt als den Job, über die ich mich definierte.“ Und so ist es geblieben. Auch die vielen Reisen nach Berlin macht sie nicht nur im Dienste der Kommission. In der Hauptstadt wohnen die Kinder mit ihren Familien. Und bei ihnen ist sie noch um einiges lieber als im Darmstädter Garten.

Auch interessant

Kommentare