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Die Ingenieurin Fatemeh Zabihian floh 2009 aus dem Iran nach Frankfurt.

Verein „Infrau“

Brückenbauer für Integration

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In seiner 31-jährigen Geschichte betreute der Verein „Infrau“ mehr als 12 000 Frauen, die aus unterschiedlichen Gründen in Frankfurt strandeten. Der Verein entwickelte verschiedene erfolgreiche Förderprogramme für Integration, die von der Politik gelobt werden.

Wie soll das bloß gehen, ohne Melodie und Schönklang? Die Ingenieurin Fatemeh Zabihian war der Verzweiflung nahe, als sie 2009 in Frankfurt ankam. Sie war mit ihrem Mann aus dem Iran nach Deutschland gekommen, einem Wissenschaftler, der an der Frankfurter Universität einen Job gefunden hatte. Zabihian war damals 36 Jahre alt, hatte einen sechsjährigen Sohn und war hochschwanger. „Ich wusste nicht, wie ich mich in der fremden Stadt, in der doch alles so neu und anders war, zurechtfinden sollte. Ich sprach die Sprache nicht und sie schien mir auch sehr komplex“, sagt sie heute. Zunächst traute sie sich nicht aus dem Haus, blieb in der Wohnung. Doch das nervte sie bald. Gemeinsam mit ihrem Mann suchte sie nach Möglichkeiten, Sprachunterricht und Kinderbetreuung unter einen Hut zu bringen. Sie entdeckten den Verein „Infrau“, der aus Sicht der Familie das perfekte Angebot machte: Während in einem Raum Sprachunterricht stattfand, wurden im Nachbarraum die Kinder betreut. „Wir mussten nicht lange überlegen“, sagt Zabihian. Sie klingelte und vereinbarte auf Französisch einen Kurstermin nach den Sommerferien.

Zehn Tage, nachdem sie ihre Tochter geboren hatte, saß Zabihian gemeinsam mit anderen Kursteilnehmerinnen im Deutschunterricht, während das Baby im Nachbarraum betreut wurde. „Es war für mich eine unglaubliche Erleichterung. Immer, wenn meine Tochter mich brauchte, konnte ich nach ihr schauen und sie stillen. Das war sehr wichtig für mich.“ Innerhalb kurzer Zeit lernte sie die zunächst scheinbar melodielose Sprache. „Die Grammatik war eine sehr große Herausforderung“, sagt Zabihian lachend. Sie schloss sich einer Schreibwerkstatt an, schrieb mit ihrem kleinen deutschen Wortschatz eine Kurzgeschichte nach der nächsten. „Ich konnte kaum glauben, dass sich Leute von der Uni und Journalisten für diese Texte interessieren würden.“

Zabihian erzählte ihre Geschichte jetzt vor rund hundert Zuhörern in der Orangerie im Günthersburgpark. Längst spricht sie fließend Deutsch, ihre Augen leuchten vor Glück. „Niemals hätte ich damals gedacht, dass ich irgendwann diesen Mut aufbringen würde.“

Die Geschichte der Iranerin steht exemplarisch für die Geschichte von mehr als 12 000 weiteren Frauen, die in den vergangenen 31 Jahren am umfangreichen Kursangebot von „Infrau“ teilgenommen haben. Zuletzt besuchten mehr als 600 Frauen im Jahr die Kurse.

Der Verein unterstützt seit 1984 Migrantinnen und deren Familien, damit sie in Frankfurt Fuß fassen können. „Infrau“ hat einen expliziten feministischen Ansatz und will die Rechte der Frauen stärken. „Wir leben eine Willkommenskultur. Unser Ziel ist es, durch Überwindung von Ausgrenzung und Diskriminierung auch die Ressourcen von Randgruppen sichtbar zu machen“, erklärt Geschäftsführerin Pantoula Vagelakou.

Den Wert des Vereins hat längst auch die Frankfurter Stadtpolitik erkannt. So kamen zur Jubiläumsveranstaltung Gastredner der Fraktionen und bedankten sich für das Engagement der Vereinsmitglieder. Mike Josef, Vorsitzender der Frankfurter SPD, lobte: „Der Verein ist ein sehr wichtiger Brückenbauer. Er war bei der Gründung seiner Zeit voraus.“ Und Ursula auf der Heide von den Grünen erklärte: „Ich wünschte, es gebe ein vergleichbares Angebot für junge Männer, die nach Frankfurt kommen.“

Auch Frauendezernentin Sarah Sorge (Grüne) war voll des Lobes. „Bravo!“, rief sie. „,Infrau‘ ist ein großartiger Gewinn für die interkulturelle Arbeit in Frankfurt. Hier werden Bedingungen geschaffen, erlernte Rollenmodelle zu hinterfragen. Wir leben in einer Welt, in der für Mädchen scheinbar alles möglich erscheint – und dennoch erleben sie jeden Tag Ausgrenzung. Es gibt in dieser Gesellschaft noch immer Diskriminierungsstrukturen. Und der Verein ,Infrau‘ prangert das deutlich an und macht diese Diskriminierungen sichtbar.“

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