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Das Gewissen isst mit: Frauke Fischer mit einer Tafel Schokolade aus Kakaobohnen, die keine Pestizide für den Anbau benötigten.

Aktion am Holbeinsteg

Bürger fordern faire Preise für Schokolade

Die „Green Economy Academy Frankfurt“ lädt am morgigen Fronleichnam zu einer Schokoladentafel am Sachsenhäuser Mainufer ein. Was sich dahinter verbirgt, was die Aktion mit Kinderarbeit zu tun hat und warum Schokolade für rund 6 Euro besser schmeckt als jene für 49 Cent, darüber sprach Mitorganisatorin Frauke Fischer mit Redakteurin Julia Lorenz.

Frau Fischer, Sie organisieren am Holbeinsteg die bundesweit erste Schokoladentafel. Was soll man sich darunter vorstellen?

FRAUKE FISCHER: Wir bauen am Holbeinsteg natürlich keine riesige Tafel Schokolade auf, sondern wir wollen, dass sich dort Menschen an einer langen Tafel niederlassen, um dort Schokoladiges zu verzehren. Die Speisen können gerne selbst mitgebracht werden. So können wir uns beispielsweise ein Chili mit Schokolade vorstellen oder einfach nur Schokoladenkekse. Einzige Bedingung: Der Kakao muss aus ökologischem Anbau und fairem Handel kommen. Dafür küren wir aber auch den besten Kuchen, den besten Keks und das beste herzhafte Gericht.

Sie wollen aber sicherlich die Menschen nicht einfach nur zum Verzehr der Kalorienbomben animieren?

FISCHER: Nein. Wir wollen darauf aufmerksam machen, dass die Tafel Schokolade, die wir hier im Supermarkt kaufen können, meist nicht aus biologischem und fair gehandelten Kakao hergestellt wurde. Die Produktionsbedingungen sind meist bitter. Bei unserer Aktion am Holbeinsteg wollen wir aber nicht mit dem erhobenen Zeigefinger darauf hinweisen. Der Genuss soll im Vordergrund stehen.

Schokolade macht glücklich, wird immer gesagt. Für die Menschen, die sie produzieren, ist das dann wohl aber nicht der Fall?

FISCHER: Ganz und gar nicht. Das hat allerdings sowohl soziale als auch ökologische Gründe.

Welche sind das?

FISCHER: Die Kakaopflanze kann nur in den Tropen angebaut werden. Das bedeutet: In der Regel wird tropischer Regenwald abgeholzt, der Boden wird mit Kunstdünger oder Pestiziden vergiftet. Und dass, obwohl die Flächen nur wenige Jahre bewirtschaftet werden können. Dann ziehen die Bauern weiter, suchen sich neue Böden, für die dann aber wieder Bäume gefällt werden müssen. Damit das aber alles lukrativ bleibt, ernten Kinder oder Sklaven die Kakaobohnen. Ich selbst habe zehn Jahre lang an der Elfenbeinküste, eines der größten Kakao-Herkunftsländer der Welt, gearbeitet und viel gesehen.

Was zum Beispiel?

FISCHER: Oft werden Kinder dafür eingesetzt, die Felder mit Pestiziden zu bespritzen, weil ihre Eltern denken, dass das ja keine schwere körperliche Arbeit ist. Dass dies eine große Gefahr für die Gesundheit darstellt, wissen die Menschen dort nicht. Für uns ist Schokolade ein Genussmittel, das aber unter Bedingungen hergestellt wird, die niemand seinen eigenen Kindern zumuten würde. Das ist doch paradox. Fair und biologisch hergestellten Kakao findet man aber selten.

Momentan kostet eine Tafel Schokolade beim Discounter 49 Cent. Die kann ja gar nicht unter fairen Bedingungen produziert worden sein?

FISCHER: Richtig. Ein fairer Preis ist zehnmal höher. Da wurde sicherlich kein fairer Lohn an die Bauern und ihre Gehilfen bezahlt. Da haben sicherlich viele Menschen entlang der Wertschöpfungskette gelitten. Aber so lange wir bei nicht bereit sind, dafür Geld auszugeben, werden die Menschen in den Kakao-Herkunftsländern ein Problem haben. Darauf wollen wir aufmerksam machen.

Was kann man denn anders machen? Sie selbst importieren gemeinsam mit Arno Wielgoss Bio-Kakao aus Peru und lassen in der Schweiz Schokolade daraus machen.

FISCHER: Unser Produkt wird in sogenannten Kakao-Gärten angebaut – auf Böden, die andere Bauern aufgegeben haben, sprich: Unsere Bauern haben keinen Regenwald gerodet. Zudem wird dort nicht nur Kakao angebaut, sondern auch Obst und Gemüse, von dem die Bauern leben können, wenn die Kakaoernte nicht so gut ausgefallen ist oder der Kakaopreis mal wieder in den Keller gesunken ist. Zudem verzichten wir natürlich auch auf Kunstdünger und Pestizide. Der Kakao ist biologisch zertifiziert. Dafür kostet die Tafel Schokolade aber auch 5,50 Euro.

Kein Pappenstiel.

FISCHER: Natürlich kann man die günstigen Produkte kaufen, aber man sollte zumindest wissen, wie sie hergestellt wurden. Für einen guten Rotwein würden die Menschen ohne zu zögern mehr Geld für das bessere Produkt ausgeben. Aber bei Schokolade denken sie anders. Dass der Rohstoff Kakao ein Luxusgut ist, weil es ihn nicht oft gibt, wissen die wenigsten.

Schon in den 1990er-Jahren hat sich die Schokoladenindustrie dazu verpflichtet, Kinderarbeit und Sklaverei zu unterbinden. Und eigentlich hört man auch immer wieder, unter welch widrigen Umständen Kakao produziert wird. Warum ändert sich daran nichts?

FISCHER: Das hat mit der Biologie der Menschen zu tun. Wenn es mal wieder einen Gammelfleisch-Skandal gab, sinkt der Verzehr von Fleisch. Für eine Woche. Jeder kennt die Bilder von Massentierhaltung. Trotzdem wird das Fleisch gekauft. Weil der Mensch in der Lage ist, solche Dinge zu verdrängen. Wir sind die Meister des Selbstbetrugs. Deshalb greifen die meisten Menschen auch weiterhin zur Tafel Schokolade für 49 Cent, anstatt die für fünf Euro zu kaufen.

Essen Sie selbst denn auch gerne Schokolade?

FISCHER: Unbedingt. Aber nur unsere eigene, die von „Perú Puro“. Sie ist einzigartig.

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