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Bund Deutscher Architekten fordert Gestaltungsbeirat für Frankfurt

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Die Baukörper im Europaviertel wirken auf viele Menschen abschreckend.
Die Baukörper im Europaviertel wirken auf viele Menschen abschreckend. © Alexander Heinl (dpa)

Neubauten sorgen in Frankfurt immer wieder für Entsetzen. Nicht nur Laien, sondern auch Fachleute sind unzufrieden mit der Qualität. Die Frankfurter Gruppe des Bundes Deutscher Architekten (BDA) hat deshalb angeregt, Bauprojekte von einem Gestaltungsbeirat beurteilen zu lassen. Die BDA-Vorstandsmitglieder Wolfgang Dunkelau, Moritz Kölling und Torsten Becker, erläutern im Gespräch mit Günter Murr ihre Argumente, die sie heute Planungsdezernent Mike Josef (SPD) vortragen werden.

Sind Sie unzufrieden mit der gestalterischen Qualität von Neubauten in Frankfurt?

WOLFGANG DUNKELAU: Wenn man die letzten zwei, drei Jahre betrachtet, auf jeden Fall. Man kann in der Stadt viele Gebäude entdecken, die nicht unserem Gestaltungsanspruch entsprechen. Zu nennen wären sicher das Europaviertel, aber auch Neubauten auf dem Riedberg.

Was ließe sich besser machen?

DUNKELAU: Die Bauten, die im Europaviertel entstanden sind, die tun so, als stünden sie für sich. Darum ist in der Regel ein großer Zaun gezogen, die Gebäude haben nichts mit der Stadt zu tun und schotten sich ab. Wir kritisieren nicht die Farbe oder das Material einer Fassade, sondern die fehlende Beziehung zur Stadt.

Könnte daran ein Gestaltungsbeirat etwas ändern?

DUNKELAU: Ich denke schon. Ein Gestaltungsbeirat würden den Finger in die Wunde legen und Bauherrn fragen, ob es nicht sinnvoll wäre, zum Beispiel statt einer schlecht belichteten Wohnung im Erdgeschoss einen Laden oder ein Café einzurichten. Dann wäre das Gebäude belebt und könnte sich nicht abschotten.

Derzeit gibt es in Frankfurt eine starke Nachfrage nach Wohnraum. Das heißt, Bauherrn müssen keine großen gestalterischen Anstrengungen unternehmen und kriegen die Wohnungen trotzdem los. Wie kann man sie dazu bewegen, besser zu bauen?

DUNKELAU: Gerade in einer Zeit, in der viel gebaut wird, müssen wir auf die beste Qualität achten. Die Wohnungen, die jetzt entstehen, müssen so gut sein, dass sie als Vorbild für weitere Projekte dienen. Der Maßstab darf nicht das untere Mittelmaß sein.

Die Gebäude, die Sie kritisieren, sind ja auch von Architekten geplant worden, die sich dabei etwas gedacht haben. Wäre ein Gestaltungsbeirat nicht so etwas wie eine Geschmackspolizei?

DUNKELAU: Nein, überhaupt nicht. Wir sagen ja nicht: Alle Häuser müssen eine Steinfassade haben oder braun angestrichen sein. Es geht um die Funktionalität, die Einbindung in den Stadtraum, die Bildung von Plätzen und Freiräumen. Zu all diesen Dingen kann ein Gestaltungsbeirat beraten. Das hilft den Kollegen auch, sich gegen Investoren durchzusetzen und aus einem mittelprächtigen ein prächtiges Projekt zu machen.

KÖLLING: Frankfurt hat eine große Vielfalt an Architekturen, viele Leute verstehen das nicht und fragen sich: Wie sieht’s denn in Frankfurt aus? In der Stadtverwaltung wurden die architektonischen und gestalterischen Ansprüche zurückgeschraubt. Da müssen wir etwas entgegensetzen, damit wir weiter an einem qualitativ hochwertigen Stadtbild arbeiten.

In Frankfurt wird ja sehr viel gebaut. Kann sich ein Gestaltungsbeirat überhaupt mit allen Projekten befassen?

DUNKELAU: Nein, aber mit relevanten, sogenannten Leuchttürmen. Wenn der Gestaltungsbeirat einmal im Quartal tagt und sich jedes Mal mit fünf Projekten befasst, könnte er vielleicht 20 Bauvorhaben beurteilen. Wir müssen Eckpfeiler setzen, die auch auf andere Vorhaben ausstrahlen.

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Werden Bauvorhaben nicht verzögert, wenn es ein zusätzliches Gremium gibt?

DUNKELAU: Nein, das denke ich nicht. Es dauert ohnehin drei Monate, bis eine Baugenehmigung erteilt ist. In dieser Zeit kann man reagieren und die Qualität verbessern.

KÖLLING: Im Gestaltungsbeirat sollten vorrangig Projekte behandelt werden, die im öffentlichen Interesse liegen, weil sie zum Beispiel an einem Platz liegen. Wenn diese von einem Expertengremium beurteilt werden, kann das einem Bauherrn durchaus auch die Sicherheit geben, dass er sich auf dem richtigen Weg befindet. Durch diese Vorgehensweise lässt sich sogar Zeit sparen.

Andererseits darf ein Investor bauen, wie er will, solange er sich an die Vorschriften hält. Wie kann man ihn motivieren, sich dem Urteil eines Gestaltungsbeirats zu unterwerfen?

DUNKELAU: Niemand muss Angst haben vor einem Gestaltungsbeirat. Das Beispiel Zürich zeigt, dass Bauherren sogar darauf drängen, Projekte in den Gestaltungsbeirat zu bringen. Dort gibt es nämlich einen Anreiz: Wer die Hinweise des Beirats berücksichtigt, darf ein Grundstück höher ausnutzen.

Wenn die Qualität erhöht wird, verteuert sich dadurch das Bauen?

DUNKELAU: Nein, überhaupt nicht. Wenn der Bauherr aber zum Beispiel mehr Fläche bekommt, kann er sich eine hochwertigere Fassade leisten.

KÖLLING: Es kann doch nicht sein, dass ein Bauherr wegen der Kosten so viele Abstriche an der Qualität macht, dass wir uns im öffentlichen Raum in einer eingesparten Welt bewegen. Ein Gestaltungsbeirat sollte hier Einfluss haben.

Lässt sich Qualität überhaupt objektiv feststellen oder ist das nicht Ansichtssache?

DUNKELAU: Nein, das ist ganz eindeutig festzustellen. Die fünf bis sieben Mitglieder eines Gestaltungsbeirats sind ja keine Amateure, sondern ausgewiesene Fachleute, die bewiesen haben, dass sie Qualität erkennen und benennen können.

Bei großen Bauvorhaben gibt es oft Architektenwettbewerbe, über die in den Preisgerichten auch Fachleute entscheiden. Das Ergebnis ist aber nicht immer befriedigend. Reicht Fachkompetenz, um Qualität zu garantieren?

KÖLLING: Der Architekturwettbewerb ist ein Garant für Qualität. Das Preisgericht wählt aus mehreren Entwürfen die beste Lösung aus. Die Empfehlung des Preisgerichts und die Ausstellung der Entwürfe im Anschluss sind öffentlich, sie dürfen diskutiert werden. Ein Gestaltungsbeirat führt diese wichtige öffentliche Auseinandersetzung bei Projekten, die nicht aus einem Architekturwettbewerb hervorgegangen sind.

DUNKELAU: Einige Wettbewerbe sind leider sogenannte Schmuddelverfahren. Ein Investor lädt vier oder fünf Architekturbüros ein, weiß aber im Grunde schon vorher, mit wem er bauen will. Solche Verfahren brauchen wir nicht. Wettbewerbe sind auch nur gut, wenn der Bauherr weiß, was er will. Auch da könnte der Gestaltungsbeirat beraten.

Planungsdezernent Mike Josef meint, die Diskussion über stadtplanerische Fragen müsse politisch geführt und dürfe nicht in ein Expertengremium verlagert werden.

TORSTEN BECKER: Ein öffentlich tagender Gestaltungsbeirat ist doch gerade ein Gremium, das Transparenz bei den städtebaulichen und politischen Diskussionen herstellt.

Bisher gibt es in Frankfurt nur einen Gestaltungsbeirat für das Dom-Römer-Projekt. Hat sich der bewährt?

KÖLLING: Dieser Gestaltungsbeirat tagt nicht öffentlich und ist mehr ein Expertengremium zur projektbegleitenden Beratung bei Gestaltungsfragen. Im Prinzip ist hier kein richtiger Gestaltungsbeirat tätig. Wie die Entscheidungen zustande gekommen sind, hat keiner mitbekommen. Auf diese mangelnde Transparenz hat der BDA bereits 2011 hingewiesen.

Der BDA setzt sich schon seit vielen Jahren für Gestaltungsbeiräte ein. Warum ist es in Frankfurt so schwierig?

DUNKELAU: Frankfurt ist eine Stadt, die sich schnell entwickelt und wächst. Es wird an jeder Ecke gebaut, da steht die Qualität nicht so sehr im Vordergrund. Da geht es auch um wirtschaftliche Fragen. Die Investoren wollen keinen Gestaltungsbeirat.

Wie sehen Sie die Chancen,dass Sie doch noch Gehör finden?

DUNKELAU: Der Planungsdezernent will keinen Gestaltungsbeirat und macht sich die Argumentation der Investoren zu eigen, die fürchten, dass sich Projekte dadurch verzögern.

KÖLLING: Er müsste ganz anders argumentieren. Mit einem Gestaltungsbeirat würde er sich ein Stück weit unabhängiger von den Investoren machen. Und mit einem klaren Votum zur Gestaltung ließe sich manches Projekt sogar beschleunigen.

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