Héctor Pio-Rendón Gutmann (von links) und Elias Sauer von der Lichtigfeld-Schule wurden gestern im Schoss Bellevue von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier beim Geschichtswettbewerb ausgezeichnet. FOTO: Britta Pedersen/dpa
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Héctor Pio-Rendón Gutmann (von links) und Elias Sauer von der Lichtigfeld-Schule wurden gestern im Schoss Bellevue von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier beim Geschichtswettbewerb ausgezeichnet.

Bundespräsident Steinmeier ehrt zwei Lichtigfeld-Schüler

  • VonKatja Sturm
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Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier übergibt den Frankfurtern Elias Sauer und Héctor Pio-Rendón Gutmann den ersten Preis eines Geschichtswettbewerbs.

Frankfurt -Am Anfang war da nur ein Plakat in einem Buch, das darauf hinwies, dass es am Philanthropin, der ehemaligen Schule der israelitischen Gemeinde in Frankfurt, einen Sportverein gegeben haben musste. Handball, Leichtathletik, Tennis, Schwimmen bot dieser an. In der Zeit des Nationalsozialismus bekam die Gemeinschaft unter diesem Dach noch eine ganz andere Bedeutung. "Eine Art Arche" sei der SV Philanthropin für die Mitglieder gewesen, sagt Elias Sauer. Ein Ort, an dem die woanders Ausgegrenzten aus dem für sie immer schlimmer werdenden Alltag und der "düsteren, kühlen Umgebung" flüchten und für eine Weile zur Ruhe kommen und sich wohlfühlen konnten.

Die Mitgliederzahlen schnellten in die Höhe. Waren in den 20er-Jahren des 20. Jahrhunderts noch etwa 200 verzeichnet, stiegen sie ab Anfang der 30er-Jahre auf 1200 im Olympiajahr 1936 an. Zwei Jahre später wurde der Verein offiziell aufgelöst, bis 1942 existierte er inoffiziell weiter.

Frankfurter drehten halbstündigen Dokumentarfilm

Seiner Geschichte sind Elias Sauer (16) und sein Schulkamerad Héctor Pio-Rendón Gutmann (17) nachgegangen. Die beiden Schüler der Lichtigfeld-Schule, die heute im früheren Philanthropin im Nordend beheimatet ist, haben darüber einen halbstündigen Dokumentarfilm gedreht. Für diesen wurden sie am Dienstag von Frank-Walter Steinmeier in dessen Amtssitz Schloss Bellevue in Berlin mit dem ersten Preis im Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten ausgezeichnet.

1349 Beiträge waren zum Thema "Bewegte Zeiten. Sport macht Gesellschaft" insgesamt eingereicht worden. Nach ihrem Erfolg auf Landesebene standen die beiden Elftklässler in der Endrunde. Fünf Projekte wurden dort mit dem ersten Preis geehrt, der mit einer Prämie von jeweils 2500 Euro verbunden ist. "Die Autoren haben ein Stück vergessener Sportgeschichte rekonstruiert, in der sich gleichsam die Geschichte dieser Schule der jüdischen Gemeinde spiegelt", lobt die Historikerin und Jurorin Saskia Handro.

Idee kam von der Religionslehrerin

Die Idee zur Teilnahme hatte Religionslehrerin Nurith Schönfeld-Amar. Während des Lockdowns, erzählt die Pädagogin, seien einige Schüler über-, andere unterfordert gewesen. Héctor zählte sie zu Letzteren, weshalb sie dem Leistungsruderer aus Offenbach die Herausforderung vorschlug. Der wiederum dachte bei der Partnerwahl sofort an Elias, den als Freizeittennisspieler auch die Sportaffinität mit dem Älteren verbindet.

Gemeinsam gingen die beiden die Aufgabe an. "Lebende Mitglieder gibt es nicht mehr", sagt Elias. Die Bibliotheken hatten pandemiebedingt geschlossen. Doch online konnten die Jungforscher auf die Judaica-Sammlung der Goethe-Universität zurückgreifen. Quellen aus der Schulbibliothek, dem Jüdischen und dem Deutschen Historischen Museum ergänzten das Gefundene.

Das Medium Film wählten sie, um "den komplexen Inhalt so leicht zugänglich wie möglich zu machen", erklärt Elias. In einem Interviewformat stellen sie die Fragen, die auch sie beschäftigten, und beantworten sie mittels Sprache und Bildern. Ohne größere Erfahrung mit Drehs zu haben, nutzten sie in der leeren Schulaula Smartphone, Stativ und Spiegelreflexkamera. "Ursprünglich wollten wir einen Spielfilm drehen", sagt Héctor. Aber davon habe man wegen der Einschränkungen abkommen müssen.

Das Philanthropin, dessen Gebäude anfangs in der Rechneigrabenstraße stand, sei die erste Schule in Frankfurt mit einer Turnhalle gewesen, erzählt Schönfeld-Amar. Der Sport zählte früh "zum jüdischen Selbstverständnis". Das sogenannte Muskeljudentum sollte auf eine mögliche Auswanderung nach Palästina vorbereiten.

Der SV Philanthropin, so fanden Héctor und Elias heraus, wurde 1921 gegründet, weil es in der Schule viele Krankheitsfälle gab und man diesem Problem entgegenwirken wollte. Anfangs sei er "ein ganz normaler Schulsportverein" gewesen.

Für sich selbst haben die beiden Oberstufenschüler aus ihrer ersten wissenschaftlichen Arbeit auch viel gelernt. Beispielsweise, wie Héctor sagt, dass man bei Quellen vorsichtig sein und nicht nur bei Wikipedia nachschauen sollte.

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