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Feilschen um Billig-Fahrkarte für Bahn und Bus in Frankfurt

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Von: Dennis Pfeiffer-Goldmann

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Ein 365-Euro-Ticket will die Koalition in Frankfurt einführen. Das könnte teuer werden. Etwas anderes ist noch wichtiger.

Frankfurt – Wie teuer die Stadtkasse ein für die Fahrgäste günstigerer Nahverkehr käme, will die Römerkoalition nun berechnen lassen. Das 365-Euro-Ticket ist zwar das erklärte Ziel von Grünen, SPD, FDP und Volt. Doch etwas anderes ist den Politikern noch wichtiger.

Die "Attraktivität des Öffentlichen Personennahverkehrs stärken" wollen die Römerkoalitionäre, so haben sie ihren Antrag überschrieben. Sofort umsetzen wollen die Parteien das aber nicht. Vielmehr soll Mobilitätsdezernent Stefan Majer (Grüne) in einer "validen Kostenschätzung" berechnen, wie viel Geld aus dem Stadtsäckel nötig ist, um die Fahrpreise zu senken - und erklären, wie sich das refinanzieren ließe.

Neben einem 365-Euro-Ticket für alle in Frankfurt wollen Grüne, SPD, FDP und Volt wissen, wie teuer es die Stadt kommt, wenn Frankfurt-Pass-Inhaber und Schüler sowie Zugezogene und Eltern nach der Geburt eines Kindes einen Monat lang in der Stadt kostenlos fahren. "Um den Anteil des ÖPNV an der Mobilität in Frankfurt zu erhöhen, ist neben attraktiveren Verbindungen auch ein attraktiveres Preisniveau entscheidend", heißt es im Antrag. Doch ein 365-Euro-Ticket könne es erst "mittelfristig" geben.

So viel Geld aus dem Stadtsäckel müsste Frankfurt für das 365-Euro-Ticket zuschießen

Diese Vorsicht hat gute Gründe. Frank Nagel, inzwischen verkehrspolitischer Sprecher der CDU-Fraktion im Römer, hatte schon vor geraumer Zeit kalkuliert, dass die Stadt mindestens 55 Millionen Euro im Jahr zuschießen müsste, wenn sie allein die Jahreskarte für Frankfurt für 365 Euro anbieten wollte. In einer frischen Stellungnahme betont der Magistrat: "Die Umsetzung eines 365-Euro-Tickets wird befürwortet." Für eine kurzfristige Einführung, wie es aktuell die Linke fordert, fehle aber das Geld. Daher "muss die Finanzierung in einem mittelfristigen Zeithorizont geklärt werden".

Nur wenn noch mehr Menschen auf Bahn und Bus umsteigen, kann die Verkehrswende gelingen. Doch was ist der richtige Anreiz dafür? Da scheiden sich in Frankfurt die Geister.
Nur wenn noch mehr Menschen auf Bahn und Bus umsteigen, kann die Verkehrswende gelingen. Doch was ist der richtige Anreiz dafür? Da scheiden sich in Frankfurt die Geister. © christoph boeckheler*

Genau das will die Koalition: "Das Beste wäre ein 365-Euro-Ticket", sagt die verkehrspolitische Sprecherin der Römer-Fraktion der Grünen, Katharina Knacker. Schließlich gehe es darum, die Klimakrise zu beschränken. "Der ÖPNV spielt dabei eine wichtige Rolle." Rund die Hälfte der Fahrgäste sei auch schon mit Flatrates wie Jobticket, Schüler- und Senioren-Ticket unterwegs, erinnert Knacker. Es müssten aber alle Menschen günstige Fahrmöglichkeiten haben, sagt Matthias Biemann vom Verkehrsclub (VCD) in Frankfurt. Der VCD fordere seit Jahren ein 365-Euro-Ticket, "damit möglichst viele Menschen umsteigen in den Nahverkehr".

Etwas anderes war in Wien wichtiger, um Fahrgäste anzulocken

Allerdings: Der Preis allein ist nicht das wichtigste Argument, um Menschen vom Umsteigen zu überzeugen. So hat die Stadt Wien über Jahrzehnte das Nahverkehrsangebot stark ausgebaut und Parkplätze verteuert und so viele Autofahrer in den Nahverkehr gelockt. Als 2012 dann noch ein 365-Euro-Ticket eingeführt wurde, stieg der Anteil der Fahrten mit Bahnen und Bussen jedoch nicht weiter an, hat das Beratungsbüro Civity beobachtet.

In Luxemburg blieb 2020 ein Ansturm auf Bahn und Bus aus, obwohl das Land den Nahverkehr gänzlich kostenlos machte. Und in Tallinn stiegen die Passagierzahlen kaum, als der Nahverkehr in Estlands Hauptstadt 2013 kostenlos wurde. Vor allem auf Kurzstrecken steigen jetzt mehr Menschen ein, statt zu Fuß zu gehen.

Grüne, SPD, Volt: Infrastruktur in Frankfurt muss erst ausgebaut werden

"Auch die Infrastruktur muss stimmen, siehe Wien", räumt Katharina Knacker ein. "Die preisliche Attraktivität ist nicht das Einzige", stimmt Martin Huber zu, der Fraktionschef von Volt. Das Liniennetz müsse attraktiver werden, Lücken geschlossen, ein dichterer Takt geboten werden. Das müsse erst erledigt werden. Das 365-Euro-Ticket solle aber mittelfristig kommen, auch "aus dem sozialpolitischen Aspekt heraus". Führe Frankfurt "sofort ein supergünstiges ÖPNV-Ticket ein, würde es viel zu voll in den Bahnen und Bussen", fürchtet Huber.

Die Koalition sei sich einig: "Politisch hätten wir gerne das 365-Euro-Ticket", sagt Kristina Luxen, verkehrspolitische Sprecherin der SPD. "Aber wir müssen erst mal den ÖPNV ausbauen." Bevor jemand in Harheim bereit sei, sein Auto abzuschaffen, "muss das Angebot viel besser werden". Um zugleich das Angebot zu verbessern und die Preise zu senken, fehle der Stadt das Geld. "Wir hoffen, dass sich auf Bundesebene etwas tut", sagt Kristina Luxen.

VCD: Firmen und Immobilieneigentümer sollen mitzahlen

Die grundlegende Neuordnung der Finanzierung des Nahverkehrs sieht VCD-Mann Biemann als nötig an - mit mehr Geld von Land und Bund. "Der Klimaschutz als Ziel rechtfertigt eine stärkere Grundfinanzierung aus Steuermitteln." Nicht nur von dort: Geld aus den Parkgebühren müsse in den Nahverkehr fließen, sagt Biemann, aus einer Citymaut oder einer Nahverkehrsabgabe für Firmen und Hauseigentümer.

Der attraktivere Nahverkehr und seine Finanzierung seien "ganz oben bei den Themen" der Koalition, betont Katharina Knacker. "Wir arbeiten an einer Lösung." (Dennis Pfeiffer-Goldmann)

Um die steigenden Preise im ÖPNV in den Griff zu kriegen, hat Frankfurts Bürgermeister Peter Feldmann Bund und Land um Hilfe gebeten. Ohne Unterstützung werde es für Fahrgäste noch teurer, prognostiziert Feldmann.

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