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Carmen, inmitten von Soldaten: Die Stimmung ist aufgeheizt, von Anfang an.

Musical-Adaption

„Carmen“-Inszenierung von Christopher Renshaw in der Alten Oper Frankfurt begeistert

Selten besaß Carmens Verabredung mit dem tödlichen Schicksal so viel Feuer, Passion und Intensität wie in der Musical-Adaption von „Carmen La Cubana“.

Hach, wenn Konterrevolutionär Fidel Castro das noch hätte miterleben dürfen. Kuba um 1959 in stürmischen Zeiten von Castros bis in die Gegenwart wegweisende sozialistische Revolution: Soldaten des noch regierenden Diktators Fulgencio Batista beziehen Quartier in einer Zigarrenfabrik bei Santiago de Cuba. In der aufgeheizten Revolutionsstimmung verrichten Testosteron und Machogehabe ihr Werk: Erotisiert schauen die schmuck uniformierten, muskulös trainierten Militärjungs den jungen Fabrikarbeiterinnen hinterher.

Marilú (Cristina Rodriguez Pino), eine bürgerliche junge Frau, hält Ausschau nach ihrem Verlobten, Soldat José (Saeed Mohamed Valdés), um ihm von seiner schwer erkrankten Mutter einen Brief zu überreichen. „Hier gibt es viele Josés“, wird sie im Trubel der Ereignisse angeherrscht.

Als sie ihren José endlich entdeckt, befindet er sich im Gespräch mit Sargento Moreno (Leonid Siméon Baró), der zuvor eine amtliche Ansage an seine untergebene Einheit richtete: Finger weg von Carmen (Luna Manazanares Nardo). Versteht doch das maliziöse Luder wirklich jedem Kerl den Kopf zu verdrehen. Es kommt, wie es kommen muss: José, von südländischem Stolz, Impulsivität und Eifersucht ebenso geprägt wie von schüchterner Naivität, verfällt dem betont dominant auftretenden amourösen Frauenzimmer nach erster Begegnung. Nach handfesten Streitigkeiten mit anderen Fabrikarbeiterinnen lässt Moreno Carmen festnehmen und befiehlt ausgerechnet José die Quelle des Zorns nach Santiago de Cuba ins Gefängnis zu überstellen. Von da an nimmt das Schicksal seinen Lauf.

Nicht nur Carmen ist gefangen, längst sind es auch die Premienbesucher von Kubas erstem Musical „Carmen La Cubana“, das noch bis zum kommenden Sonntag täglich in der Alten Oper gastiert.

Regisseur Christopher Renshaw gelingt mit erstklassig kubanischem wie passioniert spielfreudigem Ensemble eine geradezu atemberaubende Inszenierung eines Stoffes, der schon eine ganze Weile in der Weltgeschichte umhergeistert: Franzose Prosper Mérimée schuf 1845 mit seiner Novelle „Carmen“ die moderne Ur-Form eines Szenarios um Liebe, Betrug und Eifersuchtsmord. 30 Jahr später nahm sich Komponist Georges Bizet mit den Pariser Liberettisten Henri Meilhac und Ludovic Halévy des Stoffes an, um daraus eine „Opéra Comique“ zu formen. Den Franzosen klang „Carmen“ nach der Premiere schlicht zu revolutionär. Bizet brach es sprichwörtlich das Herz – nach einem tödlichen Infarkt blieb ihm der spätere Triumphzug seines Geschöpfs versagt.

Heute macht sich Christopher Renshaw mit dem kubanischen Dramatiker Norge Espinosa Mendoza und dem britischen Librettisten Stephen Clark ans Werk. Eine nahtlos elektrisierende Einheit aus spannender Dramatik, makellosen Choreographien, verführerischen Songs, authentischen Kostümen und hinreißend dargebotenen Massenszenen entsteht, die schon bei der Weltpremiere 2016 am Pariser Théâtre du Châtelet für frenetische Begeisterungstürme sorgte.

Aufgelockert durch aufregende Nebenschauplätze wie illustre Barbesuche im Schwarzen Kater, spukige Santeria-Zeremonien sowie Box-Event zwischen den konkurrierenden Profis Kid Cowboy und El Niño, gereicht „Carmen La Cubana“ trotz einer einzigen, jedoch pfiffig immer wieder variierten Kulisse einer abgeblätterten roten Häuserfassade schon zu fast cineastischer Qualität.

Georges Bizets in einer Überblendung aus Oper, Salsa, Mambo, Rumba und Cha-Cha-Cha arrangierte Evergreens, hinreißend dargeboten von einem Orchester unter Leitung von Musical Director Hector Martignon und exzellent gesungen von den Hauptdarstellern, sorgen nicht nur für permanentes Fußwippen, sondern auch immer wieder für Spontanapplaus.

Irrungen folgen auf Wirrungen, Fesselspiele von José mit Carmen auf Fluchtszenen beider, nachdem José seinen Vorgesetzten Moreno niedergeschlagen hat. Am bitteren Ende stirbt Carmen, die sich längst wieder einem Anderen zugewandt hat, durch Hand und Messer des tobend eifersüchtigen José. Kurz zuvor sagte die so selbstbewusst Emanzipierte wie leicht für Spaß und Rausch Entflammbare dem unkontrolliert seinen Trieben und Gefühlen ergebenen José: „Ein erloschenes Feuer entfachst Du nur, indem Du dabei selbst verbrennst.“

Alles Unheil kommen sah Erzählerin La Señora, wunderbar esoterisch verkörpert von Albita Rodriguez. Schon zum Auftakt beschwor sie, dass Liebe und Revolution eine unheilvolle Allianz eingehen würden. Bei der kartenlegenden La Señora zog Carmen schließlich die Karte des Todes.

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