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Bad Homburg,CD-Laden am Goethehaus,Karsten Krämer und Tobias Gutting

Plattenladen in Frankfurt

"CDs am Goethehaus": Die Liebe zur Musik treibt sie an

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Sie mögen eine aussterbende Spezies sein, aber sie sind es mit Leidenschaft. Karsten Krämer und sein Mitarbeiter Tobias Gutting lieben es, über Musik zu reden und diese auch zu verkaufen.

Der neuste Hit von Robbie Williams? Das Springsteen-Album „Live 1975-85“? Ein Best-of von David Bowie? Heutzutage liegt die Welt der Musik nur ein, zwei Klicks weit entfernt. Wer sich bei Spotify oder iMusic angemeldet hat, kann sich rund um die Uhr beinahe alle jemals produzierten Songs und Alben auf sein mobiles Endgerät herunterladen. Den jüngeren Semestern unter uns muss man heutzutage erklären, was ein Plattenladen ist. So ist er, der Lauf der Zeit.

Dabei gibt sie auch heute noch, diese kleinen, aber feinen Plattenläden. Karsten Krämer ist Chef des Geschäfts „CDs am Goethe-Haus“, dem Nachfolger des legendären Phonohauses, Deutschlands ältestem Tonträgerhaus, das 50 Jahre lang eine Institution in Frankfurt war. Wohin das Auge blickt – überall sind CDs und Platten. Vom Boden bis zur Decke, auf Ständern, auf dem Tresen, überall. Im Keller gibt es Jazz und Vinyl, außerdem eine Musikbar, an der man Probehören kann. Durch einen offenen Torbogen ist der Laden im Erdgeschoss mit dem benachbarten Museumsshop des Goethe-Hauses verbunden. Das sorgt, vor allem wenn Schulklassen kommen, für jede Menge Trubel und bringt mitunter auch mal den einen oder anderen unerwarteten Kunden. Vor allem Asiaten neigen wohl zum Spontankauf.

Krämer und sein Mitarbeiter Tobias Gutting haben dieser Tage viel zu tun, denn heute ist International Record Store Day (siehe Beitext). Das bedeutet Großkampftag, aber auch schon in den Tagen zuvor stand das Telefon kaum still. Hardcore-Fans wollten sich „ihr“ Album schon vorab sichern. Und so verbringt Krämer mitunter Stunden mit dem Hörer am Ohr. Nervt das nicht? Das Gegenteil scheint der Fall, der Mann ist die Geduld in Person und die Infos fließen nur so aus ihm heraus. Stichwort Fachberatung – aber dazu kommen wir noch. Jetzt betritt erst mal ein ältere Herr den Laden, in der Hand ein Zettel mit einer langen Liste an CD-Titeln. Gemeinsam mit Gutting geht er die Liste durch, man tastet sich heran. Dann ist dem Herrn geholfen, das Geschäft abgeschlossen.

Doch wer kauft heute überhaupt noch CDs oder Schallplatten? „Leute, die gerne richtig gut Musik hören wollen“, erklärt Gutting, der früher einen eigenen Plattenladen in Bad Homburg hatte. Die Musik-Downloads würden eigens für das Abspielen auf Handys extrem komprimiert und reduziert, ließen sich daher auf guten Anlagen nicht wirklich genießen. Gerade Klassik- und Jazz-Liebhaber würden daher noch auf die klassischen Tonträger setzen, eine Frage der Generationen halt. Manchmal überraschen ihn seine Kunden auch. So sei das neue Joan Baez-Album der Renner der vergangenen Wochen gewesen.

„Wir haben hier gute Musik für ein nicht ganz junges Publikum und altern mit unseren Kunden“, sagt Gutting. Und das Vinyl – na ja, das sei was für Liebhaber und etwas „Neues“ für die jüngere Generation, der Marktanteil liege immerhin bei vier bis fünf Prozent. „Aber Platten sind nach wie vor ein Liebhaber-Produkt.“ Aber der wahre Grund dafür, dass es noch Kunden gibt, die nicht auf Amazon („Deren Dumpingpreise machen das Leben schwer“) bestellen, sind Krämer und Gutting selbst, ihr Fachwissen kommt bei den Kunden an. Sie sind wandelnde Musik-Lexika. Vor allem Klassik-Fans wissen das zu schätzen. „Es ist einfach meine Leidenschaft, Menschen Musik nahe zu bringen“, erklärt Gutting fast entschuldigend.

Dennoch hat man mit dem veränderten Kaufverhalten der Menschen zu kämpfen – vor allem in der Musikbranche. Nicht zuletzt deshalb hat sich Krämer ein zweites Standbein aufgebaut: Er übernimmt bei Konzerten den CD-Verkauf der jeweiligen Künstler. So verbindet er das Angenehme mit dem Nützlichen. Denn bei solchen Gelegenheiten kommt er auch immer wieder mal mit den Künstlern ins Gespräch und kann dann das tun, was er am liebsten tut – über Musik fachsimpeln.

Außerdem eröffnet sich immer wieder ein Blick hinter die Kulissen des Musikgeschäfts, und siehe da: „Die Musiker sind auch nur Menschen, die heroisiert werden. Mit denen kann man über alles sprechen.“

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