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Frankfurt am Main 26.08.2018, Stadtteil Gallus, Frankenallee, FNP-LESERFEST. Hier: Im Gespräch mit FNP-Chefredakteur Matthias Thieme (l.) Ortsbeirätin Sara Steinhardt mit Familie Nico (39) und Johanna (1). (c) Foto Rainer Rüffer

Entwicklungsplan

CDU-Politikerin und Lehrerin Sara Steinhardt kritisiert Bildungsdezernentin Sylvia Weber (SPD)

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Jüngst hat der Magistrat den Entwurf für die Fortschreibung des Schulentwicklungsplans verabschiedet. Fünf Grundschulen, ein Gymnasium, eine Gesamtschule und eine Oberstufe sollen gebaut werden. Zudem soll es an Haupt- und Realschulen mehr Plätze geben. CDU-Politikerin und Lehrerin Sara Steinhardt kritisiert Bildungsdezernentin Sylvia Weber (SPD) für diesen Entwurf. Redakteurin Julia Lorenz hat mit der 32-Jährigen darüber gesprochen.

Jüngst hat der Magistrat den Entwurf für die Fortschreibung des Schulentwicklungsplans verabschiedet. Fünf Grundschulen, ein Gymnasium, eine Gesamtschule und eine Oberstufe sollen gebaut werden. Zudem soll es an Haupt- und Realschulen mehr Plätze geben. CDU-Politikerin und Lehrerin Sara Steinhardt kritisiert Bildungsdezernentin Sylvia Weber (SPD) für diesen Entwurf. Redakteurin Julia Lorenz hat mit der 32-Jährigen darüber gesprochen.

Frau Steinhardt, der Entwurf für die Fortschreibung des Schulentwicklungsplans ist fertig, das Stadtparlament soll Ende September darüber abstimmen. Was halten Sie davon?

SARA STEINHARDT: Insgesamt kann man den Entwurf begrüßen. Innerhalb der schwarz-rot-grünen Koalition hatte es dazu viele Diskussionen gegeben. Wir hätten uns ein weiteres Gymnasium gewünscht. Schaut man sich die Zahl der Geburten an, dann kann man schon jetzt prophezeien, dass die Plätze an den Gymnasien nicht reichen werden. Aber gut. Der Schulentwicklungsplan soll nun jährlich fortgeschrieben werden. Dann können wir darüber im nächsten Jahr noch mal diskutieren.

Sie kritisieren Bildungsdezernentin Sylvia Weber (SPD) aber auch für ihren Schulentwicklungsplan.

STEINHARDT: Das ist richtig. Mir kommen die Förderschulen zu kurz. Wir hätten uns eine Ausweitung der Förderschulkapazitäten gewünscht. Das wurde aber abgelehnt. Die Bildungsdezernentin hat sich lediglich auf Kooperationsklassen an Grundschulen eingelassen. Das geht mir aber nicht weit genug.

Warum?

STEINHARDT: Man kann sich darüber streiten, ob Kooperationsklassen, in denen geistig behinderte Kinder gemeinsam lernen, Inklusion ist. Klar, Kinder mit und ohne Behinderung würden die gleiche Schule besuchen, gemeinsam Unterricht haben sie aber so gut wie nicht. Das ist Augenwischerei, eine Ausrede, um zu sagen, wir brauchen keine neue Förderschule. Das Wohl der Kinder und der Elternwille müssen im Vordergrund stehen.

Das heißt: Es gibt nicht ausreichend Plätze an den Förderschulen?

STEINHARDT: Vor allem im Bereich der Förderschulkinder mit der Diagnose „geistige Entwicklung“ gibt es Bedarf. Man muss ja nicht gleich eine neue Förderschule gründen, es würde ja auch ausreichen, die Panoramaschule in Nied auszubauen. Das haben sich die Eltern sogar gewünscht. Das heißt: Der Wunsch ist da. Das Bildungsdezernat hat dies aber ignoriert, weil sie eben Inklusion wollen. Frau Weber führt sich wie eine Oberlehrerin auf- Sie kann den Eltern nicht vorschreiben, wie ihre Kinder beschult werden. Es gibt Eltern, die ihre besonderen Kinder, die eben auch besondere Bedürfnisse haben, lieber auf eine Förderschule schicken.

Das widerspricht aber dem Inklusionsgedanken.

STEINHARDT: Wenn es aber doch der Elternwille ist? Ich muss aber auch sagen: Es kommt natürlich auf den Förderschwerpunkt an. Kinder mit Lernhilfebedarf oder dem Förderschwerpunkt „soziale-emotionale Entwicklung“ können auf einer Regelschule gut aufgehoben sein. Ich bin Lehrerin an der „Schule am Mainbogen“ (ehemals: Heinrich-Kraft-Schule) in Fechenheim. Da klappt das mit der Inklusion gut, weil wir genügend Ressourcen haben.

Was heißt das?

STEINHARDT: An unserer Schule haben wir pro Jahrgang einen Förderschullehrer. So kann Inklusion funktionieren. Es gibt aber viele Schulen, da schaut ein Förderlehrer nur ein- oder zweimal pro Woche für drei Stunden vorbei. Was macht das Kind den Rest der Zeit? Und was machen die Lehrer den Rest der Zeit? Da sind die Kinder mit Förderbedarf dann nicht gut aufgehoben.

Ihrer Ansicht nach funktioniert die Inklusion in Frankfurt also nicht?

STEINHARDT: So lange wir die Inklusion mit so wenig Ressourcen weiterlaufen lassen wie bisher, kann das nicht funktionieren. Der Förderbedarf wird bei einem Kind ja nicht umsonst festgestellt. Dann ist es doch ganz klar, dass es auch Unterstützung im Regelunterricht braucht. Ich als Gymnasiallehrerin müsste aber ein halbes Förderschulstudium machen, um überhaupt zu wissen, was diese Kinder in bestimmten Situationen brauchen. Wir an der Heinrich-Kraft-Schule hatten vor Einführung der Inklusion den Gemeinsamen Unterricht. Da gab es in den Klassen immer einen Regel- und einen Förderschullehrer. Dieses funktionierende System hat man aber leider zerstört.

Können Sie ein Beispiel aus der Praxis nennen?

STEINHARDT: Als ich neu an die Schule kam, hatte ich in Englisch eine achte Klasse, in der ein Mädchen mit der Diagnose „geistige Entwicklung“ saß. Sie hatte einen Integrationshelfer, der immer bei ihr war, der mit ihr englische Wörter ausgemalt hat, während die anderen Kinder Texte gelesen haben. Sie war völlig isoliert, auch auf dem Schulhof. Das ist keine Inklusion. Nach zwei Jahren haben ihre Eltern sie auf eine Förderschule geschickt.

Seit drei Jahren wird an Frankfurts Schulen nun die Inklusion umgesetzt. Trotz vieler Kritik: Es wird nichts am eingeschlagenen Weg geändert.

STEINHARDT: Das liegt natürlich auch daran, dass es zu wenig Förderschullehrer gibt, weswegen die Ressourcen nicht ausgebaut werden können. Daran muss unbedingt gearbeitet werden. Ich verstehe, wenn Eltern ihre Kinder trotz einer Behinderung auf eine normale Schule schicken wollen.

Aber?

STEINHARDT: Wir müssen uns die UN-Kinderrechtskonvention, auf die sich die Inklusion bezieht, mal genauer anschauen. Dort steht zwar geschrieben, dass Kinder mit Förderbedarf nicht vom Schulunterricht ausgeschlossen werden dürfen, aber auch, dass sie nicht einfach nur verwahrt werden sollen. Das passiert heutzutage aber zum Teil. Und eigentlich wäre es gar nicht nötig, weil wir mit unserem Förderschulsystem gut aufgestellt waren.

Was wünschen Sie sich von der Bildungsdezernentin?

STEINHARDT: Ich würde mir wünschen, dass man mal die ideologischen Scheuklappen ablegt. Gerade bei so einem Thema muss man auch mal über den Tellerrand schauen. Hier geht es immerhin um Menschen.

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